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26.5.2002 | Von:
Dietrich Mühlberg

Beobachtete Tendenzen zur Ausbildung einer ostdeutschen Teilkultur

Der Übergang einer modernen Großpopulation in ein anderes Gesellschaftssystem löste einen kulturellen Assimilationsprozess aus. In diesem bildeten die Ostdeutschen zugleich neue Kulturformen.

I. Vorbemerkungen

Wer sich über die kulturelle Situation informieren möchte, die mit der neuen Bundesrepublik entstanden ist, hat Mühe, sich im Durcheinander gegensätzlicher Auffassungen zu orientieren. Der Beitritt der DDR-Gesellschaft hat das kulturelle Selbstverständnis aller Deutschen - wenn auch auf unterschiedliche Weise - fragwürdig werden lassen. Ganz offensichtlich irritieren kulturelle Differenzen zwischen Deutschen, sind diese doch sprachlich und ethnisch gleich. Und so kann man hören, dass eine ostdeutsche Teilkultur ein völliges Unding wäre, weil die deutsche Kultur immer unteilbar gewesen sei und den mentalen Untergrund des jüngsten nationalen Einheitsstrebens gebildet habe. Weil in dieser Logik zusammenwächst, was zusammengehört, wird jeder, der Differenzen vermutet oder gar betont, verdächtigt, der inneren Einheit der Deutschen entgegenzuarbeiten. Die aber brauchen wir, denn "wir sind ein Volk".

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  • Eine der Gegenmeinungen lautet, von der DDR sei ausschließlich ihre Kultur übrig geblieben, alles andere wäre mit dem SED-Staat untergegangen. Das entspricht auch der Formel im Einigungsvertrag, dass die "kulturelle Substanz" der DDR zu erhalten wäre. Doch was könnte das sein und wer befindet über das Substantielle?

    Andere beobachten im Osten ein völliges kulturelles Vakuum: Die marxistischen Glaubenssätze gälten nicht mehr, eine Re-Christianisierung habe nicht stattgefunden, moralische Haltlosigkeit, primitiver Materialismus und anomische Zustände wären die unvermeidlichen Folgen. [1]

    Angesichts jugendlicher Gewalttaten vermuten die einen desorientierende kulturelle Leere, die anderen die Folgen einer spezifischen politischen Kultur des Ostens, in der die DDR-Geschichte nachwirke: "Autoritarismus, Antipluralismus, Freund-Feind-Denken, Kollektivismus" [2] wären ihre Merkmale. Gemessen an einer "deutschen Leitkultur" handelte es sich hier dann um eine Art Unkultur.

    Folgt man dem Paradigma vom Wertewandel in den westlichen Gesellschaften, so erscheint der ostdeutsche Wertehaushalt als ein konservativer Bestand, der in seiner vormodernen Gesamtanlage nicht mit dem Wertegefüge der im Westen bestimmenden Schichten vereinbar ist. Solche Aussagen implizieren die Annahme von Kulturstufen: Ostdeutsche stehen mit einem Bein noch in der Vormoderne. Zugleich zeigt uns die jüngste Debatte über die Leitkultur [3] , dass es offenbar eine dominante, herrschende, eine leitende Kultur in Deutschland gibt, der untergeordnete Kulturen in einigen wesentlichen Positionen zu folgen haben. Überdies fällt auf und gibt zu denken, dass diese Überlegungen zur kulturellen Beschaffenheit der neuen bundesdeutschen Gesellschaft fast ausschließlich von Westdeutschen angestellt werden, welche die zu beobachtende schnelle Assimilation der Ostdeutschen für einen ganz selbstverständlichen und begrüßenswerten Vorgang halten.

    Die hier angedeutete Verwirrung ist mindestens doppelt: Zum einen ist strittig, ob die ostdeutsche Teilgesellschaft auch kulturelle Eigenheiten besitzt oder gar eine eigene Teilkultur ausgebildet oder zu beanspruchen habe; zum anderen ist nicht ganz klar, wovon überhaupt die Rede ist, wenn über diese Kultur gestritten wird.

    In dieser Situation sind erklärende Vorbemerkungen unerlässlich. Zunächst muss aus Gründen politischer Korrektheit betont werden, dass "Ostkultur" beileibe nicht das wichtigste Thema ist, wenn über die kulturelle Situation in Deutschland gesprochen wird. Doch ist die kulturelle Verfassung der Ostdeutschen ein Aspekt aller aktuellen Kulturdebatten; und dies selbstverständlich ganz besonders bei der Beobachtung der ostdeutschen Transformationsprozesse. Denn zu diesem komplexen Wandel gehört ein geschichtlich wohl einmaliger kultureller Assimilationsprozess, der mit dem plötzlichen Übergang einer modernen Großpopulation in ein anderes, in vielen Punkten gegensätzliches Gesellschaftssystem verbunden war und ist. Für Kulturhistoriker ist selbstverständlich, dass ein solcher Übergang sich über mehrere Generationen hinzieht, er also mindestens solange dauert, wie die Eingewöhnung in ein staatssozialistisches Gesellschaftssystem brauchte. Anders gesagt: Die ostdeutsche Kulturgeschichte hat zwei Phasen - die erste begann 1945, die zweite 1990.

    Damit ist auch schon angedeutet, was hier unter Kultur verstanden wird. Entgegen dem deutschen Wertbegriff "Kultur", wird der ethnologisch-empirische Kulturbegriff verwendet. Er ist den meisten Deutschen nur schwer zu vermitteln, weil sie daran gewöhnt sind, unter Kultur das Reich der höheren Werte und Tätigkeiten zu verstehen, im Kern das zeitlos Gute, Wahre und Schöne. Dies ist nicht nur für das deutsche Feuilleton weitgehend selbstverständlich, sondern auch für die Politik: Denn für sie gehört alles dazu, was die öffentliche Hand zu pflegen verpflichtet ist, weil die diskursprägenden Gruppen es für den unveräußerbaren Bestand an hoch geschätzten Institutionen halten: Opernhäuser und Gottesdienste, Museen und Musikschulen, Denkmäler und Künstlerateliers, die Goethe-Institute, Mahnmale und Archive. Pflicht und Recht zur Filmförderung sind schon strittig, weil hier die Grenze zwischen Kultur und Kommerz bereits überschritten zu sein scheint.

    Wissenschaftlich kann Kultur nicht als das fraglos und universell Gültige verstanden werden. Das gerade ist sie nicht, sondern die recht spezifische Summe derjenigen Mittel und Medien, über die Gesellschaften, Gruppen und Milieus zum Zwecke einer angemessenen Sozialisation ihrer Mitglieder verfügen. Selbstverständlich sind diese "Instrumente" in ihrem Geltungsbereich sakrosankt und werden hoch geschätzt - schon weil sie dort auch subjektiv, "verinnerlicht" existieren. Als "individuelles Vermögen" sind sie gleichfalls real und wirksam. Da innerhalb großer Gesellschaften der Gegenwart - also unterhalb der "nationalen Ebene" - zugleich viele andere Gemeinschaftsbildungen stattfinden, ist das Gegeneinander, das Neben- und Miteinander von Teil-, Gruppen- und Szenekulturen, ihre Vermischung und Überschneidung völlig normal. Gewöhnlich ist heute jeder Einzelne vielfältig kulturell eingebunden. Nicht nur Deutsche jüdischer oder türkischer Herkunft besitzen gewöhnlich zwei Identitäten, auch für Deutsche ostdeutscher Herkunft ist das eher normal.

    Wird eine (in sich selbstverständlich differenzierte) regionale Teilgesellschaft der Ostdeutschen angenommen - wie es Rainer Geißler und andere Sozialwissenschaftler vorgeschlagen haben -, dann kann es sinnvoll sein, auch eine ostdeutsche Teil- oder Minderheitenkultur anzunehmen. Ein theoretisches Problem besteht dann darin, dass es wohl annähernde Vorstellungen davon gibt, wie Kulturen moderner Großgesellschaften in ihren Strukturen abgebildet werden könnten (gewöhnlich mit dem von deutschen Wissenschaftlern eher umgangenen Begriff der Nation verbunden), dass jedoch über Teil- und Minderheitenkulturen der hier vorliegenden Art noch wenig bekannt ist. Die Forschung hat sich bislang auf Sub- und Gegenkulturen konzentriert, hat Klassenkulturen untersucht und sich bei den Minderheiten auf ethnische Gruppen spezialisiert. Das ist für unseren Fall wenig hilfreich, wie hier auch die Studien zu lokalen und regionalen Kulturen kaum weiterhelfen. Wegen ihrer Anschaulichkeit sind mehrfach publizistische Vergleiche mit der kulturellen Differenz zwischen den US-amerikanischen Nord- und Südstaaten und mit einer ähnlichen Spaltung der italienischen Gesellschaft angestellt worden. Für Westdeutsche einleuchtend war auch der Hinweis, sie müssten nun damit leben, dass zu der vertrauten Nord-Süd-Differenz in Deutschland die zwischen West und Ost dazukomme. Aber lässt sich über solche sinnfälligen Analogien hinaus etwas über kulturelle Spezifika sagen, die bei allen heutigen Ostdeutschen [4] mehr oder weniger ausgeprägt zu finden sind und mit Eigenheiten ihrer Lebensbedingungen korrespondieren?

    Fußnoten

    1.
    Diesem Text liegt ein Vortrag zugrunde, der am 29. November 2000 auf der "11. Tagung Sozialunion in Deutschland" gehalten worden ist, die das SFZ Berlin-Brandenburg zusammen mit der Hans-Böckler-Stiftung veranstaltet hat.
    2.
    Armin Pfahl-Traughber, Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 39/2000, S. 13.
    3.
    Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu die Beiträge von Bassam Tibi, Leitkultur als Wertekonsens. Bilanz einer missglückten deutschen Debatte, und Dieter Oberndörfer, Leitkultur und Berliner Republik. Die Herausforderung der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands ist das Grundgesetz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 1-2/2001, S. 23-26 und S. 27 - 30.
    4.
    "Die Ostdeutschen" sind selbstverständlich eine hoch problematische Verallgemeinerung; das Statistische Bundesamt versteht etwas anderes darunter als die Zeithistoriker, Soziologen und Bevölkerungswissenschaftler, als die Politiker, das Standesamt, die Gerichte, die Bundesanstalt für Arbeit oder allgemein "die Westdeutschen". Hier sind - recht unscharf - entweder alle diejenigen gemeint, die unter die Sonderbestimmungen für Ostdeutsche fallen und die beträchtliche Phasen ihres Lebens in der DDR oder im "Beitrittsgebiet" verbracht haben. Man könnte auch die heutige Population der Neuen Bundesländer so bezeichnen.