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26.5.2002 | Von:
Volker Spies

Bildung in der Informationsgesellschaft

Nach Volker Spies muss die Wissens- und Informationsgesellschaft die Informiertheit der Bürger fördern. Gleichfalls muss sie als politische Ressource genutzt werden.

Einleitung

Ende 1997 bildeten sich an deutschen Universitäten studentische Arbeitsgemeinschaften, Seminare und Protestkundgebungen, die auf die katastrophale Situation in den Bildungseinrichtungen aufmerksam machten. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass sich brave StudentInnen überhaupt öffentlich Gehör verschaffen könnten. Wirtschaftsfunktionäre beklagen immer lauter den miserablen Ausbildungsstand der SchulabgängerInnen: Die Spaßschule gefährde die Exportnation. Alle stimmen in den Chor ein: Bildung ist die wichtigste Investition für ein zukunftsfähiges Deutschland in einer wirtschaftlich globalisierten Welt. Diese Forderung ist nicht neu: In Zeiten ökonomischer Umbrüche wird Bildung als Investition für wirtschaftliche Prosperität hervorgehoben [1] .

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  • Die Notwendigkeit qualifizierter Menschen als Humankapital lässt sich bis zur Wirtschaftspolitik des merkantilen Staates zurückverfolgen: Um die Fürstenschatullen füllen zu können, stand das ökonomisch Nützliche im Vordergrund der Erziehung. Bildung ist aber mehr als nur Produktionsfaktor. Wie kann man der Forderung des Theologen und Lehrers Jan Amos Komenskys (1592-1670): allen alles zu lehren, gerecht werden? Dies scheint doch gerade in der Informationsgesellschaft utopisch [2] . Die Summe der Informationen, die heute verfügbar sind, verdoppelt sich immer schneller. Ein mehrfacher Wechsel der Tätigkeitsfelder wird das zukünftige Berufsleben kennzeichnen. Die Veränderung der sozialen Funktion des Wissens durch die Informationstechnologie würde Karl Marx vielleicht so formulieren: Durch den Computer verändern die Menschen gegenwärtig nicht nur die Art der Produktion, sondern vor allem auch ihre gesamtgesellschlaftliche Kommunikationsweise und schließlich ihr individuelles Bewusstsein.

    Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass nur Spezialisten die atemberaubende Informationsflut bewältigen könnten. Folglich müsste man insbesondere hochbegabte SchülerInnen zur Bewältigung hochkomplexer Aufgaben fördern. Werden wenige hochspezialisierte Wissende dem neuen "virtuellen Proletariat" (Umberto Eco) gegenüberstehen, das von gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sein wird? Komenskys Zeit kennzeichneten radikale gesellschaftliche Umbrüche: Beginn der merkantilen Produktion und Herauslösung des Denkens aus der Autorität der alten Tradition religiös-dogmatischer Bevormundung. Gerade in dieser schweren Zeit erkannte Komensky die Notwendigkeit einer pädagogischen Vision, die allen Menschen alles Wissbare und Wissenswerte von Grund auf zu vermitteln hilft. Er glaubte, dass Menschen durch raschen gesellschaftlichen Wandel genötigt seien, Werte und Normen zu prüfen, um neue Lebensentwürfe erarbeiten zu können. Wer den strukturellen Wandel zur Informationsgesellschaft erlebt, muss seine Werte und Orientierungen überdenken. Darum sollten KulturvermittlerInnen die Erschließung kritischer Urteilskraft unterstützen, und zwar bei allen Menschen: sozial Schwachen, Behinderten, MigrantInnen und Hochbegabten.

    Die wichtigste Institution für die Schaffung von kognitiven und sozialen Zugängen zum Wissen und dessen Demokratisierung war bisher das Bildungssystem. Doch sind die alten Institutionen auf die neuen Herausforderungen vorbereitet? Neben den Schulen befinden sich Hochschulen in einer Legitimationskrise. Geht es an Universitäten um Menschenbildung oder um Qualifikation für die Wirtschaft? Wie werden die Universitäten mit den Massen der Studierenden fertig? Welche Steuerungsinstrumente braucht eine moderne Massenuniversität? Können ArbeiterInnenkinder heute ein Studium finanzieren? Wie können wir ein neues Bildungswesen jenseits von leeren Staatshaushalten und ungleich verteiltem Privatvermögen gestalten?

    Fußnoten

    1.
    Der Bildungsökonom Georg Picht prophezeite bereits in den sechziger Jahren die deutsche Bildungskatastrophe und damit den wirtschaftlichen Untergang.
    2.
    Der Terminus Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft taucht vor allem als programmatische Formel in politischen Positionspapieren auf und hat sich somit in der öffentlichen Diskussion durchgesetzt.