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12.11.2002 | Von:
Klaus W. Wippermann

Editorial

Die Bundeszentrale für politische Bildung begeht in diesem November den 50. Jahrestag ihrer Gründung. Anlass für die Redaktion, Rückblick, Bilanz und Ausblick zu mancherlei Aspekten der politischen Bildung zu bieten.

Einleitung

Die Bundeszentrale für politische Bildung begeht in diesem November den 50. Jahrestag ihrer Gründung - Anlass für die Redaktion, Rückblick, Bilanz und Ausblick zu mancherlei Aspekten der politischen Bildung zu bieten. Diese ist untrennbar mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verbunden, sie ist ein Teil ihrer politischen Kultur. Mit der Deutschen Einheit, der erweiterten und vertieften Europäischen Integration sowie einem abermaligen Generationswechsel steht sie vor neuen Aufgaben und Herausforderungen.

Jutta Limbach verweist in ihrem Essay vor allem auf die europäische Dimension: Auch die Kultur- und die Bildungspolitik sind nicht mehr nur nationalstaatlich zu verstehen, wie dies zuletzt die PISA-Studie verdeutlicht hat. Gleichwohl bleibt ein jeweils nationaler Bildungskanon unerlässlich. Der neue Name der Institution, welche die Autorin leitet, kennzeichnet diese Entwicklung und das erweiterte Aufgabenspektrum: "Goethe-Institut/Inter Nationes".

Der Beginn der politischen Bildung in den frühen fünfziger Jahren war noch von ganz anderen Zielsetzungen bestimmt; sie hießen u. a. "Re-education", "Vergangenheitsbewältigung" sowie "Institutionenkunde". Walter Gagel zeichnet den Weg von der eher statischen Staatsbürgerkunde ("...wie funktioniert der Bundestag?") zur gesellschaftlich orientierten politischen Bildung der späten sechziger Jahre nach; zugespitzt formuliert: den Weg vom "Gemeinsinn" zur "Konfliktpädagogik".

Scharfe Auseinandersetzungen um Inhalte und Methoden politischer Bildung wurden vor allem in den siebziger Jahren ausgetragen. Hier wirkten sowohl die studentischen Protestbewegungen nach wie auch das Motto "Mehr Demokratie wagen" bis hin zur - neomarxistisch geprägten - Fundamentalkritik an Staat und Gesellschaft. Wie Bernhard Sutor ausführt, war es nicht leicht, wieder eine Verständigung auf einen gemeinsamen Grundkonsens hin zu erreichen.

Nachdem in den achtziger Jahren Fragen der deutschen Identität ("Verfassungspatriotismus") sowie die Vertiefung der Europäischen Integration wichtige Themen waren, stand seit 1989/90 die Deutsche Einheit im Vordergrund. Der rasche Aufbau institutioneller Strukturen auch für die politische Bildung in den neuen Bundesländern war eine beachtliche Leistung. Mittlerweile, so Hans-J. Misselwitz, hat jedoch ein Themenwechsel stattgefunden von der "nachholenden Modernisierung" und der fast ausschließlichen Orientierung an Westdeutschland hin zu einem eher gesamteuropäischen Problembewusstsein aufgrund der globalen Herausforderungen samt vielfältigen Transformationsprozessen.

Auch die politische Bildung in den "alten" Bundesländern befindet sich in einem Prozess der Umorientierung. Hier herrschte in bestimmten Bereichen der Politik und Zeitgeschichte eine Form von Moralisierung vor, die offenbar an die Stelle früherer ideologischer Kontroversen getreten war. Wolfgang Sander plädiert demgegenüber für ein pragmatisches Verständnis von Politik, für ein angemessenes Problembewusstsein und damit nicht zuletzt für ein professionelles Verständnis der politischen Bildung selbst.

Der Kanon von Themen, die für die politische Bildung wichtig sind, ließe sich stets beliebig erweitern. Was aber sagen die "Nutzer" dazu? Werden sie überhaupt von den vielfältigen Angeboten erreicht? Karsten Rudolf präsentiert Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, die sich vor allem auf die Erwachsenenbildung bezieht. Seine Schlussfolgerungen daraus dürften für die schulische wie für die außerschulische politische Bildung von großer Bedeutung sein.