Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ibram X. Kendi

Illusion einer postethnischen Gesellschaft - Essay

Einige weiße Amerikaner, die 2008 Barack Obama wählten, vertraten eine postethnische oder antirassistische Haltung. Andere schoben ihren Rassismus beiseite. Wenn antirassistische Schwarze in den vergangenen Jahrzehnten rassistische Demokraten als "das geringere Übel" wählen konnten, dann konnten auch rassistische Weiße sich für Obama als "das geringere Übel" entscheiden. Zu behaupten, ein weißer Obama-Wähler könne kein Rassist sein, wäre so naiv wie die Annahme, dass ein Weißer mit schwarzen Freunden nicht rassistisch sein könnte oder dass jemand mit dunklem Teint sich nicht irgendwie minderwertig fühlen könnte. Allerdings waren es nicht die weißen Wähler, die die Wahl für Obama entschieden, auch wenn manche Schlagzeilen das andeuteten oder verkündeten. Die weißen Wähler wählten Obama mit einem ähnlichen Stimmenanteil (43 Prozent), wie sie seine demokratischen Vorgänger seit Lyndon B. Johnson gewählt hatten. Die gestiegene Wahlbeteiligung bei den nichtweißen Wählern im Vergleich zu John Kerry 2004 und die Rekordwahlbeteiligung junger Wähler verhalfen Obama zum Sieg.

Doch er hätte die Wahl auch leicht aufgrund rassistischer Ideen verlieren können. Was wäre gewesen, wenn Obama von amerikanischen Sklaven abstammen würde? Was, wenn er keine weißen Vorfahren hätte? Was, wenn er nicht angefangen hätte, in seinen Reden über die persönliche Verantwortung der Schwarzen zu sprechen? Was, wenn die Republikaner unter George W. Bush nicht mit die schlechtesten Umfragewerte gehabt hätten, die sie je hatten? Was, wenn Obama nicht den, wie es heißt, besten Wahlkampf in der Geschichte der USA geführt hätte? Was, wenn die Wirtschaftskrise die Wähler nicht wenige Wochen vor der Wahl in Panik versetzt hätte? Die Anhänger der Theorie, dass sich die USA in einem postethnischen Zeitalter befinden würden, kümmerten sich wenig um all die anderen Faktoren, die zusammenkamen, damit der erste schwarze Präsident der USA gewählt wurde. Aber wann hatten sich die Schöpfer rassistischer Vorstellungen je um die Realität gekümmert?

Segregationisten, Antirassisten und Assimilationisten

Historisch hat es in der Debatte um ethnische Ungleichheit drei Seiten gegeben: Die Segregationisten haben die Schwarzen selbst für die ethnische Ungleichheit verantwortlich gemacht. Die Antirassisten verwiesen auf ethnische Diskriminierung und die Assimilationisten haben versucht, Argumente für beide Seiten zu finden. Die Vorstellung von einer postethnischen Gesellschaft in den USA wurde schnell zur neuen Trennlinie zwischen Rassisten und Antirassisten, als Obama im Januar 2009 sein Amt antrat. Der Politikwissenschaftler Michael Dawson, der für die Antirassisten sprach, erklärte, das Land sei bei der Überwindung der Rassenschranken noch nicht so weit, um sich auch nur annährend als "postethnisch" zu bezeichnen.[1] Die Belege dafür waren überall: Die Wirtschaftskrise reduzierte das durchschnittliche Einkommen eines schwarzen Haushalts um elf Prozent, verglichen mit fünf Prozent bei den Weißen. Am 1. Januar 2009 tötete ein Bahnpolizist in Oakland den 22 Jahre alten Oscar Grant, während er mit dem Gesicht nach unten und mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Boden lag. All die Genetiker, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, anonymen Internet-Rassisten und natürlich die Mitglieder der Tea Party – die am 19. Februar 2009 gegründet wurde – sowie andere Segregationisten organisierten sich nach der Wahl Obamas, als ob es kein Morgen gäbe. Zwischen dem 11. September 2001 und jenem schicksalshaften Junitag 2015, an dem Dylann Roof neun Schwarze während einer Bibelstunde in Charleston in der ältesten Kirche der African Methodist Episcopal Church im Süden erschoss, hatten weiße amerikanische Terroristen 48 Amerikaner ermordet – fast doppelt so viele, wie von antiamerikanischen islamistischen Terroristen getötet worden waren. Die Strafverfolgungsbehörden stuften diese weißen amerikanischen Terroristen als gefährlicher für das Leben der Amerikaner ein als antiamerikanische islamistische Terroristen. Doch diese weißen Terroristen sind nicht auf dem Radar der "Falken", die sich nur auf den Krieg gegen den Terror konzentrieren.

Barack Obama muss dieser Anstieg des Segregationismus während seiner Präsidentschaft schon früh aufgefallen sein, Jahre bevor er den Namen Dylann Roof hörte. Oder vielleicht auch nicht. Oder vielleicht doch, aber womöglich dachte er, wenn er darauf hinweisen würde, könnte er das Land spalten. "Wahrscheinlich hat es in den USA noch nie weniger Diskriminierung gegeben als heute", sagte Obama am 16. Juli 2009 vor der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). "Aber das darf uns nicht täuschen: Die Diskriminierung in Amerika ist immer noch schmerzlich zu spüren."[2] Am selben Tag rief ein Anwohner in Cambridge, Massachusetts, die Polizei, weil er gesehen hatte, wie der Harvard-Professor Henry Louis Gates Jr. versuchte, die klemmende Tür an seinem Haus zu öffnen. Als Obama erklärte, der herbeigerufene weiße Polizist habe dumm gehandelt, "als er jemanden verhaftete, obwohl es Belege dafür gab, dass er sich in seinem eigenen Haus befand", als er einräumte, dass das racial profiling eine "lange Geschichte" habe, griffen die Anhänger der Theorie einer postethnischen Gesellschaft ein, um Obamas Antirassismus zu stoppen, bevor er außer Kontrolle geriet.[3] Obamas Äußerung zu Jeremiah Wright und dessen "Zorn" fiel nun auf ihn zurück, so wie ähnliche Äußerungen auf Martin Luther King Jr. und W.E.B. Du Bois zurückgefallen waren.[4] Obama habe sich "wieder und wieder" als Typ erwiesen, "der tiefsitzenden Hass gegen Weiße oder die weiße Kultur empfindet", sagte Glenn Beck, Liebling der Tea Party, seinem aufmerksamen Publikum von Fox News. "Ich sage nicht, dass er keine Weißen mag. Ich sage nur, dass er ein Problem hat. Dieser Typ ist meiner Meinung nach ein Rassist."[5] Eine bemerkenswerte Interpretation.

Fußnoten

1.
Michael C. Dawson, Not in Our Lifetimes: The Future of Black Politics, Chicago 2011.
2.
Barack Obama, Remarks by the President at the NAACP Conference, 14.7.2009, https://obamawhitehouse.archives.gov/the-press-office/2015/07/14/remarks-president-naacp-conference«.
3.
Zit. nach Obama: Police Who Arrested Professor "Acted Stupidly", 23.7.2009, http://edition.cnn.com/2009/US/07/22/harvard.gates.interview«.
4.
Siehe Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika, München 2017, S. 526f.
5.
Zit. nach Fox Host Glenn Beck: Obama Is A "Racist", 28.8.2009, http://www.huffingtonpost.com/2009/07/28/fox-host-glenn-beck-obama_n_246310.html«.
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Autor: Ibram X. Kendi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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