30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ibram X. Kendi

Illusion einer postethnischen Gesellschaft - Essay

#BlackLivesMatter

Für Alicia Garza war der Freispruch für George Zimmerman 2013 wie ein Schlag in die Magengrube. Zur Ablenkung griff sie nach ihrem Mobiltelefon. Doch sie regte sich nur noch mehr auf, als sie die rassistischen Nachrichten auf ihrem Facebook-Newsfeed las, die "uns Schwarzen die Schuld an unserem Zustand gaben". Garza, die sich in der National Domestic Workers Alliance eigentlich für die Rechte von Hausangestellten einsetzte, verfasste eine Liebeserklärung an alle Schwarzen und bat sie, sich dafür starkzumachen, dass "schwarze Leben zählen". Eine Freundin in Los Angeles, Patrisse Cullors, die sich gegen Polizeigewalt engagierte, las Garzas leidenschaftliche Erklärung auf Facebook und ergänzte sie um einen Hashtag. Opal Tometi, eine IT-kundige Aktivistin für die Rechte von Einwanderern, stieß dazu und baute die Online-Plattform. #BlackLivesMatter war geboren. Entstanden aus dem Denken und aus den Herzen dieser drei Frauen, von denen zwei LGBT (lesbian, gay, bisexual, transgender) sind, signalisierte diese Erklärung intuitiv, dass man sich, wenn man wirklich antirassistisch sein will, auch gegen alle Formen von Sexismus, Homophobie, Vorurteilen aufgrund der Hautfarbe, Ethnozentrismus, Nativismus, kulturellen Vorurteilen und Klassendenken wenden muss, denn all diese Haltungen verbinden sich mit dem Rassismus und richten im Leben von so vielen großen Schaden an. Diese starke antirassistische Erklärung griff von den sozialen Medien bald auf die reale Welt über und kam 2014 auf Schildern und in Sprechchören bei antirassistischen Demonstrationen im ganzen Land zum Ausdruck. Die Demonstranten lehnten die rassistische Aussage aus sechs Jahrhunderten ab: Dass schwarze Leben nicht zählten.

#BlackLivesMatter entwickelte sich von einer antirassistischen Liebeserklärung schnell zu einer antirassistischen Bewegung mit jungen Leuten, die sich im ganzen Land in lokalen Gruppen engagierten, oft geführt von jungen schwarzen Frauen. Gemeinsam gingen die Aktivisten gegen Diskriminierung in jeglicher Form vor, in allen Bereichen der Gesellschaft und aus einer Vielzahl von Blickwinkeln. Und als Reaktion darauf, dass für manche das Leben männlicher Schwarzer am meisten zählte, verlangten antirassistische Feministinnen mutig von Amerika, "ihren Namen zu nennen" (#SayHerName): die Namen der schwarzen Frauen, die getötet wurden, Opfer wie Sandra Bland. "Wir wollen in dieser neuen Form der schwarzen Freiheitsbewegung für eine möglichst breite Beteiligung sorgen", erklärte Garza 2015 in "USA Today". "Wir haben so viele verschiedene reiche und komplexe Erfahrungen. Wir müssen all diese Erfahrungen zusammenbringen, um die Lösungen zu erreichen, die wir anstreben."[7]

Fußnoten

7.
Zit. nach Jessica Guynn, Meet the Woman Who Coined #BlackLivesMatter, 4.3.2015, http://www.usatoday.com/story/tech/2015/03/04/alicia-garza-black-lives-matter/24341593«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ibram X. Kendi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.