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Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ibram X. Kendi

Illusion einer postethnischen Gesellschaft - Essay

Strategien gegen Rassismus

Wann wird der Tag kommen, an dem das Leben von Schwarzen für Amerikaner zählt? Das hängt stark von den Aktionen der Antirassisten ab – und von den Strategien, die sie einsetzen, um gegen rassistische Ideen vorzugehen. Reformer haben immer wieder gebeten oder verlangt, dass die Amerikaner, vor allem weiße Amerikaner, ihre eigenen Privilegien opfern sollten, damit es den Schwarzen besser gehe. Dabei gründet diese Strategie auf einem der ältesten Mythen der Moderne, einem Mythos, der von Rassisten wie Antirassisten kontinuierlich produziert und reproduziert wird: Dass die Mehrheit der Weißen materiell vom Rassismus profitiert, dass die Weißen beim Aufbau eines antirassistischen Amerika auf der Verliererseite anstatt der Gewinnerseite stehen würden. Es stimmt natürlich, dass Weiße allgemein auf Kosten der Schwarzen allgemein (und anderer) von rassistischen Maßnahmen profitiert haben. Damit fasst man die Geschichte des Rassismus in aller Kürze zusammen, es ist eine Geschichte ungleicher Chancen. Aber es stimmt auch, dass in einer Gesellschaft mit gleichen Chancen, auch die große Mehrheit der Weißen profitieren würde, sogar deutlich mehr als in einer rassistischen Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass zur Zeit der Sklaverei auch der Großteil der weißen Bevölkerung in den Südstaaten arm war. Es ist kein Zufall, dass es vielen weißen Amerikanern in den Zeiten der egalitären Bewegungen von den 1930er bis zu den frühen 1970er Jahren so gut ging wie nie zuvor oder seitdem in der Geschichte der USA. Es ist kein Zufall, dass mit den antiegalitären Bewegungen, die im späten 20. Jahrhundert auf diese Phase folgten, eine Stagnation oder eine Verminderung des Einkommens der weißen Mittelklasse und unteren Schichten einherging und gleichzeitig die Lebenshaltungskosten enorm stiegen.

Antirassisten sollten aufhören, Rassismus mit Selbstsucht und Antirassismus mit Selbstlosigkeit in Verbindung zu bringen. Altruismus ist erwünscht, aber nicht erforderlich. Antirassisten müssen nicht selbstlos sein. Antirassisten müssen nur ein vernünftiges Eigeninteresse haben und aufhören, die rassistischen Ideen zu konsumieren, die im Laufe der Jahre ein so großes, unintelligentes Eigeninteresse erzeugt haben. Es liegt im vernünftigen Eigeninteresse der Schwarzen mit mittlerem und höherem Einkommen, sich gegen den Rassismus zu wenden, der Schwarze mit niedrigem Einkommen trifft, denn sie werden den Rassismus, der sich auf ihren sozioökonomischen Aufstieg auswirkt, nur los, wenn auch Schwarze mit niedrigem Einkommen den Rassismus loswerden. Es liegt im vernünftigen Eigeninteresse der Asiaten, amerikanischen Ureinwohner und Latinos, den gegen Schwarze gerichteten Rassismus infrage zu stellen, denn sie werden den Rassismus nicht los, solange die Schwarzen den Rassismus nicht loswerden. Es liegt im vernünftigen Eigeninteresse der weißen Amerikaner, gegen den Rassismus anzugehen, denn sie werden den Sexismus, das Klassendenken, die Homophobie und den Ethnozentrismus erst los, wenn die Schwarzen den Rassismus loswerden. Die Geschichte der rassistischen Ideen, die sich gegen Asiaten, amerikanische Ureinwohner und Latinos richten, weist ebenso wie die Geschichte der sexistischen, elitären, homophoben und ethnozentrischen Ideen eine gespenstische Ähnlichkeit mit dieser Geschichte der rassistischen Ideen auf. Zum Teil stehen dahinter auch die gleichen bigotten Verfechter und Anhänger. Diese vorherrschenden bigotten Ideen zu unterstützen, liegt nur im Interesse einer kleinen Gruppe reicher, protestantischer, heterosexueller weißer angelsächsischer Männer. Sie sind die Einzigen, die altruistisch sein müssen, um auch antirassistisch zu sein. Der Rest von uns muss sich einfach nur für die intelligente Lösung entscheiden.

Historisch betrachtet, hatten sich Schwarze für die Verbesserung durch Selbstverbesserung entschieden, weil sie diese Strategie für die klügste hielten – die jedoch so undurchführbar war wie die Selbstaufopferung bei den Weißen unrealistisch. Etwa ab den 1790er Jahren drängten Abolitionisten die steigende Zahl freier Schwarzer, vor Weißen ein besonders vorbildliches Verhalten an den Tag zu legen, weil sie glaubten, man könnte dadurch die rassistischen Vorstellungen untergraben, die der Sklaverei zugrunde lagen. Schwarze würden "die Achtung, das Vertrauen und die Gunst der Weißen im Verhältnis zur Vervollkommnung ihrer Kenntnisse und ihrer Moral erlangen", wie William Lloyd Garrison in den 1830er Jahren freien Schwarzen predigte.[8]

Die Geschichte der rassistischen Vorstellungen zeigt nicht nur, dass die Verbesserung durch Selbstverbesserung gescheitert ist, sondern dass das Gegenteil des beabsichtigten Effekts eingetreten ist. Rassistische Amerikaner zeigten immer wieder gegenüber jenen schwarzen Amerikanern besondere Verachtung, die es weit gebracht hatten, weil sie den rassistischen Gesetzen und Theorien trotzten, mit denen sie kleingehalten werden sollten. Aufstrebende Afroamerikaner konnten rassistische Ideen oder Maßnahmen nicht durch ihr gutes Beispiel oder Argumente beseitigen. Im Gegenteil: Die Verbesserung ihrer Situation führte zum Fortschreiten des Rassismus – zur Entstehung neuer rassistischer Maßnahmen und Ideen, nachdem die Schwarzen die alten überwunden hatten.

Wer die historische Präsidentschaft von Barack Obama miterlebt hat – und den historischen Widerstand gegen ihn –, weiß nur allzu gut, dass Schwarze, je weiter sie kommen, mit einer umso heftigeren rassistischen Gegenreaktion rechnen müssen. Verbesserung durch Selbstverbesserung ist als Strategie für eine Verbesserung der Situation der Schwarzen allgemein gescheitert. Schwarze müssen als Einzelpersonen auf diese Strategie verzichten und aufhören, sich Gedanken darüber zu machen, was andere über sie denken könnten, über ihr Verhalten, über ihre Art zu sprechen, ihr Aussehen, ihren Kleidungsstil, ihre Darstellung in den Medien, ihre Art zu denken, zu lieben und zu lachen. Einzelne Personen sind nicht repräsentativ für ihre Rasse. Sie sind nicht für die Amerikaner verantwortlich, die rassistische Vorstellungen haben. Schwarze müssen in Gegenwart von Weißen, untereinander und mit anderen ihr unvollkommenes Selbst sein. Schwarz ist schön und hässlich, intelligent und unintelligent, Schwarze befolgen Gesetze und verstoßen dagegen, sind fleißig und faul – diese Unvollkommenheit ist menschlich und bei allen Menschen anzutreffen.

Neben der Selbstaufopferung und Verbesserung durch Selbstverbesserung gab es noch eine weitere Strategie, die von Reformern angewandt wurde, die Verbesserung durch Bildung und Aufklärung. 1894 glaubte der junge Du Bois: "Die Welt hatte eine falsche Vorstellung von Rasse, weil sie es nicht besser wusste. Dummheit war das grundlegende Übel. Das Heilmittel war Wissen auf Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen."[9] Genau 50 Jahre später wiederholte der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal Du Bois’ Strategie der Bildung in seinem für die aufkommende Bürgerrechtsbewegung wegweisenden Manifest. Doch anstatt die weißen Amerikaner mithilfe der Wissenschaft aufzuklären, wollte Myrdal sie über die Medien erreichen: "Nach Ansicht des Verfassers besteht kein Zweifel daran, dass die große Mehrheit der weißen Amerikaner bereit wäre, den Negern ein erheblich besseres Abkommen anzubieten, wenn sie die Fakten kennen würden."[10] Du Bois und Myrdal glaubten – wie die Abolitionisten vor ihnen und die Reformer von heute –, dass man dem Rassismus mit Fakten begegnen und die Menschen so davon abbringen könnte. Die Überzeugungsarbeit erfolgte in vielfältiger Weise. Lehrer konnten die Fakten vermitteln. Wissenschaftler konnten die Fakten entdecken. Anwälte konnten die Fakten in Prozessen für ihre schwarzen Mandanten vorbringen. Fernsehserien, Filme und Romane konnten die Fakten über aufrechte Schwarze vermitteln. Bei Demonstrationen und Versammlungen konnten Schwarze die Fakten ihrer Misere vor Zuschauern, Zuhörern oder Lesern schildern. Fernsehsender, Dokumentationen, Journalisten und Wissenschaftler konnten Einblicke in das Leben der Schwarzen, die unter brutaler Diskriminierung zu leiden hatten, in ihrer eigenen Umgebung bieten.

Die vielen Formen der Überzeugungsarbeit gründeten wie die Strategie der Verbesserung durch Selbstverbesserung auf einem falschen Konstrukt: der Vorstellung, dass Unwissenheit und Hass zu rassistischen Vorstellungen führen, die wiederum rassistische Maßnahmen nach sich ziehen. Dabei führt Eigeninteresse zu rassistischen Maßnahmen, die wiederum rassistische Vorstellungen nach sich ziehen, die zu Unwissenheit und Hass führen. Rassistische Maßnahmen entstanden aus Eigeninteresse. Daher wurden sie normalerweise auch aus Eigeninteresse wieder freiwillig zurückgenommen. Die populäre und glorreiche Version der Geschichte, die besagt, dass Abolitionisten und Bürgerrechtsaktivisten durch ihre Argumente und Aufklärung nach und nach rassistische Vorstellungen abbauen und die Abschaffung rassistischer Vorschriften bewirken konnten, klingt großartig. Aber das war nie die ganze Geschichte, es war noch nicht einmal der wesentliche Teil. Die Gesetze zum Wahlrecht und zu den Bürgerrechten in den 1860er und 1960er Jahren wurden von der Politik in erster Linie aus politischem und wirtschaftlichem Eigeninteresse verabschiedet – nicht aufgrund von Argumenten und Fakten oder moralischer Erkenntnis. Zudem bedeuteten diese Gesetze nicht das Ende der rassistischen Politik. Die rassistische Politik entwickelte sich einfach weiter. Es gab eine alles andere als glorreiche Weiterentwicklung des Rassismus, die durch Argumente und Aufklärung nicht aufgehalten werden konnte und die von den Amerikanern gar nicht erkannt wurde.

Ironischerweise gab Du Bois die Überzeugungsarbeit durch Bildung auf, bevor Gunnar Myrdal dafür eintrat. Mitten in der Weltwirtschaftskrise blickte Du Bois auf die USA von einem gigantischen Berg aus Fakten, der zum Teil auch aus seinen eigenen Büchern, Aufsätzen, Petitionen, Reden und Artikeln bestand, die er im Lauf von vier Jahrzehnten verfasst hatte. Die "Anführer der Neger" dachten, "die weißen Amerikaner wüssten von der anhaltenden Misere der Neger nichts oder würden sie nicht erkennen", schrieb er 1935 in einem Aufsatz. "Entsprechend haben wir uns in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit Büchern und Zeitschriften, Reden und Appellen, mit verschiedenen dramatischen Methoden der Agitation bemüht, den Amerikanern die wesentlichen Fakten darzulegen. Heute kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Amerikaner die Fakten kennen; und doch bleiben sie größtenteils gleichgültig und ungerührt."[11]

In den acht Jahrzehnten, die vergangen sind, seit Du Bois seinen Aufsatz schrieb, haben sich antirassistische Amerikaner weiter mit ähnlichen Methoden bemüht, den Amerikanern die grundlegenden Fakten nahezubringen. Zweifellos kennen diejenigen, die eine rassistische Politik ersinnen, verfechten und ignorieren, die Fakten. Und doch bleiben die meisten gleichgültig und ungerührt: Gleichgültig gegenüber der Notwendigkeit, Gesetze zu erlassen, die das Justizsystem, das die Schwarzen versklavt, gründlich überholen; ungerührt, um sich für Initiativen einzusetzen, mit denen man etwa die Kriminalität mit mehr Arbeitsplätzen und besseren Jobs bekämpfen könnte; gleichgültig gegenüber den Aufforderungen, Drogen zu entkriminalisieren und Alternativen zu Gefängnissen zu finden; ungerührt, um Kommunen die Macht zu geben, die Polizisten, die dort für Sicherheit sorgen, selbst einzustellen und zu entlassen. Sie sind größtenteils nicht bereit, auf umfassende Gesetze zu dringen, die das Verhältnis zwischen den Ethnien in Amerika neu regeln, indem sie von der Annahme ausgehen, dass Diskriminierung die Ursache für ethnische Ungleichheiten ist (anstatt den Fehler bei den Schwarzen zu suchen), und eine Behörde einzurichten, die aktiv die Ungleichheiten untersucht und absichtliche und unabsichtliche Diskriminierung bestraft. Diese Behörde müsste auch auf eine gleichmäßigere Verteilung von Vermögen und Macht in schwarzen und weißen Vierteln und deren Einrichtungen achten und den klaren Auftrag haben, der durch Diskriminierung entstandenen Ungleichheit entgegenzuwirken.

Gesetzgeber haben heute die Möglichkeiten, Rassendiskriminierung auszumerzen und ethnische "Gleichheit als Tatsache" zu schaffen, um Lyndon B. Johnson zu zitieren, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Sie haben die Möglichkeit, die alten Rufe nach sofortiger Emanzipation, die auch die heutigen Antirassisten vertreten, aufzugreifen und sich von der assimilationistischen Sache der schrittweisen Gleichstellung und der segregationistischen Sache dauerhafter Ungleichheit zu verabschieden. Doch die regionalen und staatlichen Gesetzgeber fürchten die Auswirkungen auf Wahlkampfspenden und Wähler. Sie wissen, dass die Vertreter des Postethnizismus jede umfassende antirassistische Gesetzesänderung als diskriminierend gegenüber Weißen verurteilen würden, so wie früher die Sklavenhalter und Segregationisten derartige Gesetze verurteilten, selbst wenn von einem solchen Gesetz fast alle Amerikaner einschließlich der Weißen profitieren würden. Wenn der Rassismus beseitigt wäre, fürchten viele Weiße in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen, dass damit auch eins der effektivsten Werkzeuge beseitigt wäre, das ihnen zur Kontrolle und Ausbeutung der Nichtweißen, aber auch der Weißen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen zur Verfügung steht.

Die Amerikaner, die die Macht haben, den Rassismus, wie wir ihn heute kennen, zu beseitigen, hart dagegen vorzugehen und eine Gesellschaft jenseits des Rassismus aufzubauen (eine Gesellschaft, die die Vertreter der These, wir würden bereits in einer postrassistischen Gesellschaft leben, gar nicht wahrhaben wollen), diese Menschen kennen die Fakten seit den Zeiten von Angela Davis. Amerikaner mit Einfluss kannten die Fakten auch schon zu Lebzeiten von Cotton Mather, Thomas Jefferson, William Lloyd Garrison und Du Bois. Es ist die wichtigste Aufgabe der Mächtigen, über die Fakten in Amerika Bescheid zu wissen. Menschen aufzuklären, die bereits Bescheid wissen, hat daher keinen großen Sinn. Der Versuch, diejenigen zu informieren, die den amerikanischen Rassismus in die Welt setzen, ihn vertreten oder ignorieren, und sie über seine nachteiligen Auswirkungen aufzuklären, wäre ähnlich wie eine Gruppe Geschäftsleute darüber aufzuklären, wie schädlich ihre Produkte sind. Sie wissen es bereits, aber es kümmert sie nicht genug, um dem Schaden ein Ende zu machen.

Fußnoten

8.
William Lloyd Garrison, An Address, Delivered Before the Free People of Color, in Philadelphia, Boston 18312, S. 5f.
9.
W.E.B. Du Bois, My Evolving Program for Negro Freedom, in: Rayford W. Logan (Hrsg.), What the Negro Wants, New York 1969, S. 31–70, hier S. 70.
10.
Gunnar Myrdal, An American Dilemma: The Negro Problem and Modern Democracy, Bd. 1, New York 1944, S. 48.
11.
W.E.B. Du Bois, A Negro Nation Within the Nation, in: Current History 42/1935, S. 265–270.
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Autor: Ibram X. Kendi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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