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Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ibram X. Kendi

Illusion einer postethnischen Gesellschaft - Essay

Schluss

Die Geschichte ist eindeutig. Opferbereitschaft, gesellschaftlicher Aufstieg und Überzeugungsarbeit haben rassistische Vorstellungen nicht beseitigt, sie tun es jetzt nicht und werden es nie tun, und gegen eine rassistische Politik können sie erst recht nichts ausrichten. Die Mächtigen werden nie ihre eigenen Interessen opfern. Die Mächtigen lassen sich nicht davon überzeugen, auf ihre eigenen Interessen zu verzichten. Die Mächtigen lassen sich auch durch Bildung und Aufklärung nicht dazu bringen, auf ihre eigenen Interessen zu verzichten. Wer die Macht hat, die Rassendiskriminierung abzuschaffen, hat das bislang noch nicht getan und wird sich auch weder durch Argumente noch durch Bildung davon überzeugen lassen, solange er in irgendeiner Weise vom Rassismus profitiert.

Ich will damit natürlich nicht sagen, dass es keine Amerikaner in Machtpositionen gibt, die sich nicht selbst geopfert oder durch Bildung oder Argumente oder die Biografien erfolgreicher Schwarzer überzeugen ließen, rassische Ungleichheiten in ihrem Einflussbereich zu beenden. Doch diese mutigen Antirassisten in Machtpositionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Ich will natürlich auch nicht sagen, dass Generationen, die rassistischen Ideen anhingen, sich nicht durch Argumente oder Bildung davon abbringen ließen. Doch wenn die alten rassistischen Ideen verworfen wurden, tauchten immer wieder neue auf. Deshalb gleichen die Bemühungen, rassistischen Ideen in Amerika durch Argumente oder Fakten beizukommen, einer unendlichen Geschichte. Deshalb wird die Überzeugungsarbeit mithilfe von Bildung nie zu einem antirassistischen Amerika führen.

Um die Rassendiskriminierung abzuschaffen, müssen sich die Amerikaner auf diejenigen konzentrieren, die die Macht haben, die Rassendiskriminierung zu beseitigen. Proteste gegen irgendjemand anderen sind genauso eine Zeitverschwendung wie der Versuch, die Mächtigen mit Fakten oder Argumenten zu überzeugen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Amerikaner, die die Macht hatten, weitverbreitete Formen der Rassendiskriminierung abzuschaffen, dies selten getan haben. Sie haben es jedoch getan, wenn sie selbst erkannten, dass die Abschaffung mancher Formen der Diskriminierung in ihrem eigenen Interesse lag, so wie Abraham Lincoln entschied, die Sklaverei abzuschaffen, um die Union zu retten. Sie ließen sich auch auf antirassistische Veränderungen ein, weil diese eine bessere Alternative darstellten als die zerstörerischen, chaotischen, politisch schädlichen und/oder unrentablen Zustände, die die antirassistischen Proteste verursachten.

Proteste gegen rassistische Strategien sind natürlich keine langfristige Lösung zur Beseitigung der Rassendiskriminierung – und damit der rassistischen Vorstellungen – in Amerika. So wie eine Generation von Amerikanern überzeugt oder durch Proteste dazu gebracht werden kann, die Rassendiskriminierung zu beenden, so könnte eine andere Generation die Rassendiskriminierung wieder fördern, wenn sich die Verhältnisse und Bedingungen ändern. Selbst wenn Proteste gegen die Macht des Rassismus Erfolg haben, darf man daraus nicht schließen, dass man die Macht hat. Eine effektive Lösung zur Beseitigung des Rassismus in Amerika muss Amerikaner miteinbeziehen, die sich antirassistischen Maßnahmen verschrieben haben, die nach der Macht greifen und sie halten – in Institutionen, Stadtvierteln, Kommunen, Bundesstaaten, Ländern, auf der ganzen Welt. Es hat keinen Sinn, sich zurückzulehnen und die Zukunft Menschen zu überlassen, die sich einer rassistischen Politik verschrieben haben oder die nur in ihrem eigenen Interesse handeln und ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen, heute für Rassismus, morgen dagegen. Ein antirassistisches Amerika ist nur garantiert, wenn Antirassisten mit Prinzipien an der Macht sind, eine antirassistische Politik zum allgemeinen Gesetzesgrundsatz wird und antirassistische Vorstellungen damit zum festen Bestandteil des Alltagsdenkens werden und die Bürger ihre antirassistischen Politiker und Staatslenker an diesem antirassistischen "Common Sense" messen.

Dieser Tag wird sicher einmal kommen. Keine Macht hält sich ewig. Die Zeit wird kommen, in der die Amerikaner erkennen werden, dass das Einzige, was an Schwarzen nicht stimmt, der Gedanke ist, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Es wird eine Zeit kommen, in der rassistische Vorstellungen uns nicht länger daran hindern, die völlige Abnormität rassischer Ungleichheit zu erkennen. Es wird eine Zeit kommen, in der wir die Menschheit lieben, in der wir den Mut finden werden, für diese geliebte Menschheit um eine gleiche und gerechte Gesellschaft zu kämpfen, in dem Wissen, dass wir für uns selbst kämpfen, wenn wir für die Menschheit kämpfen. Die Zeit wird kommen.

Dieser Beitrag basiert auf Auszügen aus Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika, München 2017 (Verlag C. H. Beck).

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ibram X. Kendi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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