Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Michael Hochgeschwender

Zur Geschichte von Black America

Als im November 2008 Barack Obama zum 44. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde, glaubten viele, eine neue Zeit sei angebrochen. Von einer postethnischen und postrassischen Gesellschaft war die Rede.[1] Die notorisch unrühmliche color line, die strikte Trennlinie zwischen Schwarzen und Weißen, welche die amerikanische Geschichte seit nunmehr 300 Jahren durchzogen habe, sei endgültig überwunden. Wie so oft irrten die Bannerträger des "Fortschritts". Obwohl sich seit der Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre manches geändert hatte, neigte die medial vermittelte Wahrnehmung schwarzer und weißer US-Amerikaner am Ende der Präsidentschaft Obamas dazu, die Kluft zwischen beiden Ethnien tiefer zu verorten als zu Beginn seiner Amtszeit. Was aber sind die Wurzeln dieser Spaltung? Warum wirkt die color line so lange und so intensiv nach?

Vertragsknechte, Kriegsgefangene und Sklaven

Alles begann in den 1610er Jahren in den englischen Plantagenkolonien rund um die Chesapeake Bay, den heutigen Bundesstaaten Maryland und Virginia. Da es in Nordamerika keine Gold- und Silbervorkommen gab, deren Ausbeutung sich gelohnt hätte, standen, neben dem ertragreichen Fellhandel, sogenannte cash crops ("Bargeld-Pflanzen") im Mittelpunkt der kolonialen Wirtschaft, die für den imperialen Markt des Mutterlandes hergestellt wurden.[2] Dabei richtete sich das Hauptaugenmerk auf Tabak, Indigo, Reis und vor allem ab den 1790er Jahren auf Baumwolle, die zum Exportschlager des US-amerikanischen Südens wurde.

Wegen des subtropischen Klimas und des Arbeitskräftemangels, aber auch, um die Produktionskosten möglichst niedrig zu halten, griffen die Pflanzer anfangs auf indianische Sklaven zurück. Ein Modell, das sich jedoch nicht bewährte: Die ortskundigen Indianer verschwanden fast ebenso schnell, wie sie eingefangen wurden. Deshalb griff man auf das System der indentured servitude (Vertragsknechtschaft) zurück.[3] Landarbeiter und Hausangestellte bekamen von den Grundbesitzern die Überfahrt in die Neue Welt bezahlt und arbeiteten dort als unfreie Zwangsarbeiter fünf bis sieben Jahre lang die entstandenen Kosten ab. Oft kamen arme Engländer und Waliser, aber auch viele Iren nutzten diese Chance, um dem Elend der Grünen Insel zu entfliehen – schließlich hatte man im Anschluss an die Dienstzeit das Recht auf eigenes Land. Da die Pflanzer sich diese Spätkosten gerne ersparten, behandelten sie die Leibeigenen im letzten Dienstjahr besonders schlecht, um deren kostengünstigen Tod zu beschleunigen. Parallel zu den weißen Leibeigenen wurden ab 1619 schwarze Plantagenarbeiter eingeführt, zuerst als indentured servants, die nach der Freilassung dann selbst Landbesitzer und schließlich Dienstherren für weitere indentured servants wurden, danach, ab etwa 1630, in wachsendem Maße westafrikanische Sklaven, meist Kriegsgefangene aus innerafrikanischen Territorialkonflikten.

Sklaven waren rechtloser und billiger als die Leibeigenen auf Zeit. Bald wurde der englisch-britische Sklavenhandel zu einem etablierten Bestandteil des Dreieckshandels zwischen Europa, Afrika und Amerika.[4] Zwischen 1619 und 1850 wurden insgesamt 388.747 Schwarzafrikaner lebend als Sklaven in die nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens verschleppt, freilich nur ein Bruchteil der insgesamt 10.702.656 Afrikaner, die Amerika lebend erreichten. Allein in die britische Karibik kamen über 2,3 Millionen Sklaven, nach Brasilien sogar über vier Millionen.[5] Anders als in der Karibik oder in Brasilien beherrschten auf dem nordamerikanischen Festland weniger Großplantagen mit 100, 500 und mehr Sklaven die Szenerie, sondern kleine und mittlere Betriebe mit zwei bis zehn, mitunter bis zu 50 Sklaven. Diese Dislozierung verhinderte zum einen die vielen Sklavenaufstände, die für die Zentralgebiete der amerikanischen Sklaverei charakteristisch waren, zum anderen gab sie den Rahmen für die einzige neuweltliche Sklavenpopulation, die sich aus sich heraus reproduzierte.

Obwohl die Diskussion über die ökonomische Effizienz von Sklavenhalterwirtschaften noch keineswegs beendet ist, muss man festhalten, dass im frühen 19. Jahrhundert die nordamerikanischen Sklavenhalter zu den reichsten Menschen der Welt zählten, da die von ihnen produzierte Baumwolle inzwischen den Weltmarkt beherrscht hatte.[6] Gleichfalls in der Diskussion ist die Frage, ob die nordamerikanisch-angelsächsische oder die iberoamerikanische beziehungsweise karibische Variante der Sklaverei "menschlicher" war. Für erstere These spricht die höhere Lebenserwartung und höhere Reproduktionsquote nordamerikanischer Sklaven – was allerdings die bloße Folge gesünderer Lebensumstände und nicht jenes spezifisch paternalistischen Ansatzes gewesen sein dürfte, den sich nordamerikanische Sklavenhalter selbst zubilligten, wenn sie etwa von Sklaven als Angehörige ihrer "family black and white" sprachen.[7] Für die zweite These, die erstmals der US-amerikanische Historiker Frank Tannenbaum formulierte,[8] spricht insbesondere die deutlich höhere Freilassungsquote gerade in katholischen Pflanzerkolonien, wo kirchliche Bruderschaften die finanziellen und institutionellen Grundlagen für den Freikauf legten.

Fußnoten

1.
Dieses Narrativ wurde maßgeblich auf David Hollinger zurückgeführt: Postethnic America. Beyond Multiculturalism, New York 2000.
2.
Vgl. dazu ausführlich Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2015.
3.
Vgl. John Wareing, Indentured Migration and the Servant Trade from London to America, 1618–1718, Oxford 2017.
4.
Vgl. Udo Sautter, Sklaverei in Amerika, Darmstadt 2014, S. 11–47; Robin Blackburn, The Making of New World Slavery. From Baroque to the Modern, 1492–1800, London 2010; John Hope Franklin/Alfred A. Moss Jr., From Slavery to Freedom: History of African Americans, New York 2009; Peter Kolchin, American Slavery, 1610–1877, New York 2003; James Oliver Horton/Lois E. Horton, Slavery and the Making of America, New York 2005; David Brion Davis, The Problem of Slavery in Western Culture, Oxford 1966; Orlando Patterson, Slavery and Social Death. A Comparative Study, Cambridge MA 1982.
5.
Vgl. Kenneth Morgan, Transatlantic Slavery, London 2016, S. 23.
6.
Eine kritische Evaluation der von Robert F. Fogel und Stanley L. Engerman, Time on the Cross. The Economics of American Negro Slavery, New York 1974 neuerlich angestoßenen, sehr polemischen Debatte um die wirtschaftliche Effizienz der Sklaverei bietet John Ashworth, Slavery, Capitalism, and Politics in the Antebellum Republic, Volume: 1, Commerce and Compromise, 1820–1850, Cambridge 1995, S. 499–509.
7.
Das ist ein Standardtopos aus Briefen und Tagebüchern der Sklavenhalter, den man in zahlreichen Quellen findet. Der Ausdruck spiegelt das paternalistische Selbstverständnis weißer Sklavenhalter wider, die vor allem Haussklaven und Sklavenkinder als Bestandteil ihrer Familien ansahen, wobei der Familienbegriff in etwa dem des oikos, des "Hauses", in der Frühneuzeit entspricht, wo ja auch Knechte und Mägde neben der engeren Verwandtschaft zur Familie gezählt wurden.
8.
Vgl. Frank Tannenbaum, Slave and Citizen: The Negro in the Americas, New York 1947; Michael Hochgeschwender, Wahrheit, Einheit, Ordnung. Die Sklavenfrage und der amerikanische Katholizismus, 1835–1870, Paderborn 2006, S. 198–207.
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Autor: Michael Hochgeschwender für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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