Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Britta Waldschmidt-Nelson

Traum oder Albtraum? Das Erbe von Martin Luther King Jr.

Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King Jr. seine weltbekannte "I Have a Dream"-Rede vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. Der damals 34-jährige Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung drückte hierin seine Hoffnung aus, dass die USA eines Tages ihren schwarzen Bürgerinnen und Bürgern[1] die volle Gleichberechtigung erteilen und Menschen aller Rassen in den USA friedlich und respektvoll zusammenleben werden. Kings entschiedenes Eintreten für Rassengleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit und Frieden brachte ihm weltweit viel Hochachtung ein. In den USA wurde er jedoch immer mehr zur Hassfigur der politischen Rechten und white supremacists. Ein weißer Rassist erschoss King schließlich vor 50 Jahren, am 4. April 1968, aus dem Hinterhalt. Doch Kings Traum lebte weiter und gilt bis heute vielen als Ansporn, sich für eine bessere, tolerantere und gerechtere Gesellschaft einzusetzen.[2] Als 2008 Barack Obama zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA gewählte wurde, glaubten viele, dies sei der Beginn einer neuen Ära, welche die baldige Erfüllung von Kings Traum ankündigte.[3] Hat sich diese Hoffnung bewahrheitet?

Der Beitrag bietet einen Überblick über die Entwicklung seit den 1960er Jahren und diskutiert die wichtigsten Fortschritte und Defizite in Bezug auf die politische, soziale und wirtschaftliche Situation der Afroamerikaner bis zur Gegenwart. Um die Leistung Kings und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung angemessen würdigen zu können, ist es sinnvoll, sich vorab an die Situation schwarzer US-Amerikaner in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern.

Segregationsära

Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) waren durch Verfassungszusätze in den gesamten USA die Sklaverei verboten und den befreiten Afroamerikanern die vollen Bürgerrechte sowie das Wahlrecht zugesprochen worden. Kaum jedoch hatten die letzten Nordstaatentruppen den Süden am Ende der reconstruction 1877 verlassen, begann die weiße Südstaatenelite, durch ein raffiniertes System von neuen Gesetzen ihre Herrschaft über die schwarze Bevölkerung wieder zu etablieren.[4] Diese Gesetze wurden als Jim-Crow-Gesetze[5] bezeichnet und zielten im Wesentlichen auf drei Dinge ab: erstens auf die politische Entmündigung der schwarzen Bevölkerung (zum Beispiel durch den gezielten Ausschluss von den Wählerlisten), zweitens auf die Kontrolle der schwarzen Arbeitskraft (beispielsweise durch Gesetze, die jede Berufstätigkeit außerhalb der Landwirtschaft oder dem Dienstbotenbereich untersagten) und drittens schließlich die Segregation, das heißt Rassentrennung, in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Das Jim-Crow-System beruhte darauf, dass Afroamerikaner nicht als gleichwertige Bürger, sondern als Menschen zweiter Klasse angesehen wurden, die gebührenden Abstand von der weißen "Herrenrasse" zu halten hatten. Schwarze mussten im Bus hinten und im Zug in eigenen Abteilen sitzen; auch Restaurants, Kinos, Schwimmbäder, ja sogar Trinkbrunnen waren segregiert, gleiches galt für Krankenhäuser und Schulen. Die Einrichtungen für Weiße waren hierbei stets deutlich besser ausgestattet als die für Schwarze. Vom Besuch der staatlichen Hochschulen waren Afroamerikaner im Süden ganz ausgeschlossen, nicht nur, weil die meisten Weißen sie nicht für intelligent genug hielten, ein Hochschulstudium zu absolvieren, sondern vor allem, weil es im Interesse der weißen Machthaber lag, die schwarze Bevölkerung auf einem möglichst geringen Bildungsniveau zu halten.

Die Jim-Crow-Gesetze erwiesen sich fast ein Jahrhundert lang als ausgesprochen effektiv, zumal Widerstandsversuche der schwarzen Bevölkerung nicht nur strafrechtlich, sondern auch durch brutale Terrormaßnahmen des Ku-Klux-Klans und anderer rassistischer weißer Organisationen geahndet wurden. Zwischen 1877 und 1950 wurden im Süden der USA mehr als 3.900 Afroamerikaner von weißen Mobs gelyncht.[6]

Zwar versuchten Afroamerikaner immer wieder gegen ihre Unterdrückung aufzubegehren, aber bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur mit relativ geringem Erfolg. Mit dem Zweiten Weltkrieg änderten sich dann allerdings einige wichtige Parameter: Erstens erhöhte sich durch die Teilnahme von über einer Million afroamerikanischer Soldaten im Krieg, die in Europa gegen den Nazi-Rassismus gekämpft und dort ein Leben ohne legale Rassentrennung kennengelernt hatten, deren Selbstwertgefühl und Widerwillen, sich weiterhin den Jim-Crow-Gesetzen zu beugen. Viele engagierten sich darum nach ihrer Heimkehr in der Bürgerrechtsbewegung. Zweitens wurde die legale Diskriminierung schwarzer Bürger im Süden der USA in der Zeit des Kalten Kriegs für die US-Regierung ein zunehmend peinliches, auch international bekanntes Problem. Drittens erklärte das Oberste Bundesgericht der USA im Mai 1954 die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig. Daraufhin begann 1955 eine neue Ära des schwarzen Freiheitskampfes.

Durch den 382 Tage langen, erfolgreichen Busboykott von Montgomery, Alabama, wurde der junge, charismatische Baptistenpfarrer Martin Luther King Jr. an die Spitze der Bürgerrechtsbewegung katapultiert. Er und andere Aktivisten motivierten Hunderttausende zum Mitmachen bei Demonstrationen, Boykotten, Protestmärschen und vielen anderen Aktionen. Die hohen Ideale, die Opferbereitschaft, der Mut und die Standhaftigkeit dieser Bürgerrechtler, von denen Tausende von weißen Rassisten brutal misshandelt und eine ganze Reihe getötet wurden, bewegten die amerikanische Regierung schließlich zum Einlenken. So begann Mitte der 1960er Jahre endlich eine neue Ära der legalen Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung, die viele andere positive Veränderungen nach sich zog.

Fußnoten

1.
Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird im Folgenden bei Gruppenbezeichnungen auf die Doppelnennung beider Geschlechter verzichtet, so nicht anders vermerkt, sind jedoch hierbei immer grundsätzlich Frauen und Männer gemeint.
2.
Siehe hierzu Harvard Sitkoff, King. Pilgrimage to the Mountaintop, New York 2008; Britta Waldschmidt-Nelson, Gegenspieler. Martin Luther King – Malcolm X, Frankfurt/M. 2000.
3.
Vgl. Britta Waldschmidt-Nelson, Barack Obama. Der erste afroamerikanische Präsident: A Dream Come True?, in: Christof Mauch (Hrsg.), Die amerikanischen Präsidenten, München 2018, S. 470–495.
4.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Michael Hochgeschwender in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
5.
Der Name Jim Crow geht auf die erfundene Figur eines, von einem schwarz-geschminkten Weißen dargestellten, singenden schwarzen Tölpels in einer Musikshow der 1830er Jahre zurück. Die Show war so populär, dass sich der Name Jim Crow in den USA schließlich als derogative Bezeichnung für schwarze Amerikaner durchsetzte.
6.
Vgl. Manfred Berg, A History of Lynching in America, Chicago 2011.
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Autor: Britta Waldschmidt-Nelson für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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