Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Jens Kastner

Von Black Power bis Ta-Nehisi Coates. Schwarze Identitätspolitik in den USA

Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA 2017 wird wieder viel über Identitätspolitik diskutiert. Diese Diskussion ist geprägt von einer Gegenüberstellung: auf der einen Seite die partikularen Anliegen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, auf der anderen Seite die Frage allgemeiner sozialer Ungleichheit. Dass diese Entgegensetzung verkürzt oder sogar falsch ist, kann ein Blick in die Diskussionen um Schwarze Identitätspolitik zeigen.[1] Der Beitrag geht von aktuellen Debatten aus und diskutiert die Argumente für emanzipatorische Identitätspolitiken und die Kritiken daran aus feministischer, klassenpolitischer und liberaler Sicht. Dass es alle drei Kritikformen auch in früheren Auseinandersetzungen gab, legen Rückblicke in die 1990er und 1960er Jahre dar. Abschließend wird auf die Kämpfe gegen cultural appropriation (Kulturelle Aneignung) eingegangen. In diesen Debatten werden die Fallstricke eines zu statisch gefassten Verständnisses von Identität deutlich.

Identität und rassialisierte Ungleichheit

Diese linke Vorstellung ist wahrscheinlich so alt wie die Linke selbst: Wenn erst die Klassenspaltung einer Gesellschaft überwunden ist, lösen sich die anderen Widersprüche wie von selbst auf. Unter die anderen Gegensätze fallen dann in der Regel sowohl die Geschlechterverhältnisse als auch jene sozialen Beziehungen, die auf rassialisierten Zuschreibungen beruhen. Es gibt zwar keine menschlichen "Rassen", aber es gibt sehr nachhaltig wirkende Einteilungen nach Hautfarbe und Herkunft.

Die Annahme, dass die Klassifizierungen keine Rolle mehr spielen, wenn nur der Gegensatz zwischen Armen und Reichen verringert oder gar abgeschafft wird, fand auch im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 ihre Aktualisierung. Der Journalist Ta-Nehisi Coates nannte sie die "Liberal Imagination".[2] Coates, der mit seinem Buch "Zwischen mir und der Welt" (2016) auch im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, kritisierte den Kandidaten der Demokratischen Partei, Bernie Sanders, für diese liberale Vorstellung – und damit auch für seine vermeintliche Blindheit gegenüber dem Rassismus.

Coates’ zentraler Vorwurf ist grundlegend und lautet: Die Politik des liberalen Mainstreams versuche ein Problem zu lösen, indem sie einen Kategorienfehler propagiere. Sie fordere mehr soziale Gleichheit und hoffe, dass sich dadurch auch die auf Rassismus beruhenden Ungleichheiten und Diskriminierungen erledigen. Aber, wendet Coates ein, die Verletzungen, die der Rassismus hervorrufe mit klassenbasierten Heilmitteln lindern zu wollen, komme dem Versuch gleich, eine Schusswunde mit einem Verband zu heilen. Der Verband helfe zwar, aber er reiche bei Weitem nicht aus.

Schon in "Zwischen mir und der Welt" hatte Coates darauf hingewiesen, dass Schwarze Familien mit einem Jahreseinkommen von 100.000 US-Dollar in Stadtteilen leben, in denen weiße Familien leben, die im Durschnitt nur 30.000 US-Dollar verdienen; dass die Anzahl der Schwarzen in den US-Gefängnissen im Vergleich zu Weißen überproportional hoch ist; und dass die staatliche Politik gegenüber willkürlich erschossenen Schwarzen Jugendlichen dazu führt, "dass von den jährlich zerstörten Körpern eine wahnwitzig und unverhältnismäßig hohe Zahl schwarz ist".[3] Kurz und bündig schließt er daraus: "Das ist keine Klassenspaltung, sondern eine rassistische Spaltung."[4]

Wie Coates weisen auch viele andere Schwarze Intellektuelle und AktivistInnen gegenwärtig darauf hin, dass diese Spaltung mindestens zwei Besonderheiten aufweist: Sie ist strukturell, und sie ist von Dauer. Strukturell ist sie, weil die Spaltung auf beständigen sozialen Klassifikationen beruht und Diskriminierungen zur Folge hat, die sowohl im Alltag als auch institutionell verankert sind. Dass weiße PolizistInnen viel mehr Schwarze Jugendliche töten als weiße, ist kein Zufall. Von Dauer ist sie insofern, als sich der Spalt, der weiße Existenzweisen und Lebenswirklichkeiten von denjenigen Schwarzer trennt, nicht verkleinert, sondern eher vergrößert hat. Keeanga-Yamahtta Taylor, Professorin für Afroamerikanische Studien in Princeton, schreibt in ihrem aktuellen Buch über die Black-Lives-Matter-Bewegung: "Während der letzten 25 Jahre hat sich der Unterschied im durchschnittlichen Haushaltsvermögen verdreifacht: weiße Haushalte besitzen im Schnitt 91.405 Dollar, Schwarze 6.446 Dollar."[5]

Die Frage ist nun, was politisch daraus folgen soll, wie also dieser rassialisierten Ungleichheit begegnet werden soll. Grundsätzlich bestehe die Herausforderung darin, schreibt Taylor, auf Basis der "Anerkennung Schwarzer Menschlichkeit die Transformation jener Institutionen herbeizuführen, die für die Missachtung dieser Menschlichkeit die Verantwortung tragen".[6] Es geht also um beides: um eine Politik der (spezifischen) Anerkennung und um eine Politik (allgemeinen) institutionellen Wandels. Es geht um die Betonung partikularer Identität einerseits und um den Anspruch auf universelle gesellschaftliche Umgestaltung andererseits.

Die Aussagen von Ta-Nehisi Coates bieten sich nicht nur aufgrund ihrer gegenwärtigen Prominenz zur Verdeutlichung dieser Doppelforderung an. Coates wird von unterschiedlichen Seiten aus kritisiert, und die Kritiken entstammen dem Standardrepertoire, das gegen emanzipatorisch motivierte Identitätspolitiken in den vergangenen 50 Jahren aufgefahren wurde.

Fußnoten

1.
Das großgeschriebene Adjektiv "Schwarz" soll deutlich machen, dass es dabei um politische Deutungen und nicht um die "Hautfarbe" geht.
2.
Ta-Nehisi Coates, Bernie Sanders and the Liberal Imagination, 24.1.2016, http://www.theatlantic.com/politics/archive/2016/01/bernie-sanders-liberal-imagination/425022«. "Liberal" steht in den Vereinigten Staaten für linksorientierte Überzeugungen.
3.
Vgl. Ta-Nehisi Coates, Zwischen mir und der Welt, Berlin 2015, S. 105.
4.
Coates (Anm. 2), dieses und alle weiteren im Original englischen Zitate übersetzt vom Autor.
5.
Keeanga-Yamahtta Taylor, Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation, Münster 2016, S. 22.
6.
Ebd., S. 26.
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Autor: Jens Kastner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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