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12.11.2002 | Von:
Hans-J. Misselwitz

Aufbau Ost, zweite Hälfte - Eine neue Agenda für die politische Bildung

I. "Übernahme der Regeln", "Aufarbeitung der Geschichte"

Die mit der Formel "Vollendung der inneren Einheit" umrissene Aufgabenstellung war für die politische Bildung ein verbindlicher Auftrag. Im "Bericht der Bundesregierung zu Stand und Perspektiven der politischen Bildung in der Bundesrepublik" vom Dezember 1991 hieß es: "Nach dem Niederreißen der Mauer und nach der Vereinigung Deutschlands muss politische Bildung ihren Beitrag dazu leisten, dass aus den bisherigen beiden Teilen Deutschlands ein geistiges und gesellschaftliches Miteinander wird." [3] Thomas Meyer interpretierte den Auftrag im gleichen Jahr in dieser Zeitschrift: "Der Aufbau einer politischen Kultur der Demokratie - also die Übernahme ihrer Regeln, Chancen, Zumutungen und Grundwerte als Teil des persönlichen Selbstverständnisses - setzt die Aufarbeitung der typischen Biographien in der Rückbesinnung auf die Geschichte des kommunistischen Systems in Deutschland voraus. Dazu muss politische Bildung einen, vielleicht den entscheidenden Beitrag leisten." [4]

Vor der politischen Bildung stand also eine Integrationsaufgabe, deren normative Ziele sich aus dem vom Grundgesetz vorgegebenen Menschen- und Gesellschaftsbild ergaben. Politische Bildung sollte an der Überwindung von mitgebrachten Unterschieden mitarbeiten - einerseits durch die Vermittlung der konstitutiven Regeln und Grundwerte der Demokratie zwecks "Übernahme" durch die hinzugekommene Bevölkerung, andererseits durch die "Aufarbeitung" des persönlichen und kollektiven politischen Erbes aus der DDR. Dies entsprach einer allgemeinen Überzeugung und der vom Vereinigungsprozess insgesamt gestalteten Praxis, nicht etwa nur einer bestimmten pädagogischen Absicht. Dass die beiden Aufgabenbeschreibungen "Übernahme der Regeln" und "Aufarbeitung der Geschichte" auch Rollenzuweisungen innerhalb des politischen Bildungsprozesses markieren - wobei den Ostdeutschen bei der Vergangenheitsaufarbeitung die Subjektrolle zufiel und im Hinblick auf Demokratiebildung die Objektrolle -, grenzte geradezu an Selbstverständlichkeit.

Diese Konstellation aber erklärt das eigentlich Paradoxe, ja das Dilemma des darauf folgenden Prozesses: In dem Moment, als die Ostdeutschen die Diktatur, ihre bedrückende oder zumindest als Nachteil empfundene Vergangenheit, hinter sich gelassen hatten, in jenem Moment wurden zugleich die Rollen getauscht und das einzige Kapital, das sie aus der Bankrottmasse der DDR mitbrachten - ihr viel gerühmtes Selbstbewusstsein, das sie als Akteure einer demokratischen Revolution bewiesen hatten und das ihnen gestatten sollte, erhobenen Hauptes in die Vereinigung zu gehen -, der Geist des Aufbruchs und der demokratischen Selbstorganisation, entwertet.

Fußnoten

3.
Bericht der Bundesregierung zu Stand und Perspektiven der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland vor dem Deutschen Bundestag am 10. 12. 1991, Drucksache 12/1773, Einleitung.
4.
Thomas Meyer, Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Politische Bildung im vereinten Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 37-38/91, S. 13.