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12.11.2002 | Von:
Hans-J. Misselwitz

Aufbau Ost, zweite Hälfte - Eine neue Agenda für die politische Bildung

III. Vergangenheit als Zukunft

Die Beobachtung der öffentlichen Debatten der vergangenen zwölf Jahre zeigt, dass Ostdeutschland und Ostdeutsche in ihnen überwiegend im Zusammenhang mit "Vergangenheit" vorkommen. "Zukunft" und Osten zusammen zu denken lag demgegenüber nicht nahe. Ein Grund dafür ist folgender: Ostdeutscher Maßstab für die Zukunft war immer schon das Ankommen in der westdeutschen Gegenwart. Mit anderen Worten: Die ostdeutsche Gegenwart war der über 40 Jahre verweigerte Anschluss an die Zukunft. Auch auf den Modus der Vereinigung angewandt, meinte Jürgen Habermas, hier sei die "Zukunft in der Vergangenheitsform wahrgenommen worden". Alles erinnere an die Konstellationen der fünfziger Jahre: Die "Bilder von damals ... nehmen ... Phantasie in Beschlag, deren Beweglichkeit für die Bewältigung von Zukunftsproblemen doch nötig wäre". Der Grund, weshalb die Leitbilder dieses politischen Großunternehmens überwiegend der Vergangenheit entliehen wurden, sei die unabsehbare Dimension des Systemwechsels. Sie rufe eine "wortmagische Bezähmung der Angst vor unbekannten Risiken" hervor. Wie bei den Anfängen der Fliegerei, als man erst einmal von "Luftschiffahrt" sprach, könne man nun den "beschwörenden Rückgriff auf das Modell der Währungsreform von 1948" erleben. Für den im Osten begonnenen gesellschaftlichen Umbau fungiere daher der Bezug auf die "Vergangenheit als Zukunft" [6] .

Dahinter stand die allgemeine Überzeugung, dass das Ziel der politischen Umgestaltung bekannt sei: "Keine Experimente!" lautete die Botschaft aus dem Osten. Der Amerikaner Francis Fukuyama interpretierte diese Entwicklung dann universell in seinem berühmt gewordenen Aufsatz "Das Ende der Geschichte?" als die "völlige Erschöpfung aller Alternativen ..., das Ende der ideologischen Entwicklung der Menschheit", als den "Triumph des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus" [7] . Auf der Tagesordnung stehe folglich, das Bewährte und Bestätigte zu vollziehen. Das Motto lautete demnach: "Zurück in die Zukunft". Die "Rückkehr nach Europa" war Programm auch der osteuropäischen Bürgerbewegungen. Der Soziologe Heinz Bude stellte noch im zehnten Jahr der deutschen Vereinigung fest: "1989 symbolisiert nicht den Vorboten von etwas Neuem, sondern die Vollendung von etwas Bekanntem." [8]

Der wissenschaftliche Leitbegriff für den postkommunistischen Transformationsprozess hieß entsprechend "nachholende Modernisierung". Das Interesse der politik- und sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung richtete sich folgerichtig nicht auf das Ziel, sondern auf den Übergang. Deshalb vielleicht blieb das Interesse der Wissenschaft, auf die Dauer gesehen, begrenzt. Über den Zeitraum von fünf Jahren wurden in der Bundesrepublik eine Reihe zusätzlicher Programme zur Erforschung des sozialen und politischen Wandels im Osten finanziert. Politik wie Sozialwissenschaften waren primär daran interessiert zu erfahren, auf welchem Wege und in welchen Zeiträumen sich die ostdeutschen Bundesbürger an die für sie neuen Institutionen anpassen würden. An die Frage, auf welchem Wege werden die Bürger die Institutionen an ihre Verhaltensmöglichkeiten und Bedürfnisse anpassen, wurde offenbar gar nicht gedacht.

Wo man nicht sucht, wird man aber auch nicht fündig. Trotz des historisch präzedenzlosen Vorgangs und für den Staat wie für seine Bürger sehr kostspieligen Unternehmens der Deutschen Einheit gibt es bis heute kein den damit verbundenen Problemen wirklich angemessenes sozialwissenschaftliches Forschungsengagement - weder ein spezielles Institut oder Programm im Osten, das etwa bearbeitet, was es bedeutet, dass diese Transformation inzwischen eine "Generationen-Aufgabe" geworden ist.

Fußnoten

6.
Jürgen Habermas, Die andere Zerstörung der Vernunft, in: Die Zeit vom 10. 5. 1991, S. 63 f.
7.
Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte?, in: Europäische Rundschau, 17 (1989) 4, S. 3 ff.
8.
Heinz Bude, Kein dritter Weg, nirgends, in: Frankfurter Rundschau vom 4. 11. 1999.