APUZ Dossier Bild

12.11.2002 | Von:
Hans-J. Misselwitz

Aufbau Ost, zweite Hälfte - Eine neue Agenda für die politische Bildung

V. Neue Leitbilder und Lernprozesse

Der Politologe Claus Offe gebrauchte vor einigen Jahren das merkwürdige Bild vom "Tunnel am Ende des Lichtes" [11] . Er wollte darauf aufmerksam machen, dass der Transformationsprozess nach den oft unrealistischen Erwartungen des Aufbruchs auf einen sehr langen Weg führt, der noch im Dunkeln liegt. Die Voraussetzung dafür, dass man sich auf diesen Weg begibt, sei ein gewisses Maß an Vertrauen - zum einen, dass der Weg zum Ziel führt, und des Weiteren, dass die Chancen einigermaßen gerecht verteilt sind und eine Mehrheit das Ziel für erreichbar hält. Unter dieser Voraussetzung bedeutet der vor uns im Dunkeln liegende Weg, dass wir über das Ziel nur auf dem Weg dahin etwas lernen. Wir werden also die vorgegebenen Leitbilder überprüfen und uns für die Möglichkeiten, Neues zu lernen, öffnen müssen. Gewiss auch in der politischen Bildung.

An Leitbildern, an negativen wie positiven Prognosen für den Aufbau Ost hat es nicht gefehlt. Sie reichen vom "Mezzogiorno Deutschlands" über das eines sozial- und wirtschaftspolitischen Experimentierfeldes ("Minenhund des Westens", Lothar Späth) bis zur "Europäischen Verbindungsregion" (Wolfgang Thierse). Gemeinsam ist den optimistischen Szenarien, dass sie bei bestimmten Standortvorteilen Ostdeutschlands ansetzen und Modernisierungsvorsprünge nutzen wollen - am besten solche, die für die Entwicklung des ganzen Landes Modellcharakter haben könnten. Dies trifft beispielsweise zu für den Ersatz alter Industrien durch moderne Dienstleistungs-Ökonomien. Für ein eigentändiges Leitbild ostdeutscher Modernisierung bedarf es der Kombination von Faktoren, die für eine neu zu bemessene Übergangszeit bestimmte Bedingungen Ostdeutschlands als Vorteile ins Spiel bringen. Solche Vorteile könnten durch "Modellprojekte" in Regionen erprobt und entwickelt werden, z. B. durch die Anwendung neuer regionalpolitischer Instrumente und Formen der öffentlichen Förderung, durch Innovationen im Bildungsbereich und vor allem durch strategische Vorleistungen, die Ostdeutschland - entsprechend seiner Nachbarschaft zu den künftigen Beitrittsländern - als bevorzugten Partner qualifizieren. Schließlich geht es darum, eigene Potenzen, die Ostdeutschland im europäischen Vergleich hat, wahrzunehmen.

Welche Konsequenzen wären daraus zu ziehen, und welche Kapazitäten sind zu schaffen, um solche neuen Konzepte, um realistische Etappenziele zu entwickeln? Wenn das Ziel der Angleichung über den bloßen "Nachbau" nicht zu erreichen ist, muss das Leitbild für die Zukunft Ostdeutschlands im offenen Prozess, im Versuch und Irrtum ermittelt werden. Die Alternative zum Transfer, zur passiven Übernahme, ist ein aktiver Suchprozess. Suche aber bedeutet Experimentieren und Lernen. Wie jeder Lernprozess findet er nur statt, wenn die tatsächliche Rückkopplung der Ergebnisse des Experimentierens an Institutionen, politische Strategien und weiteres Handeln gegeben ist.

Das fundamentale Problem Ostdeutschlands besteht darin, dass auf den meisten Gebieten bislang keine hinreichenden Lernprozesse stattfinden. Wo experimentiert wird, werden befristete "Übergangslösungen" probiert, selten längerfristige Lernprozesse in Gang gesetzt. Deshalb bleiben neue Anläufe stecken, ohne die erhofften Ergebnisse und Innovationen. Es mangelt an Rückkopplung, es fehlt ein entsprechendes Interesse - und deshalb an öffentlicher, medialer Wahrnehmung - sowie an wissenschaftlicher Reflexion, welche die Ergebnisse in bestimmte Förderprogramme oder regionale Entwicklungsmodelle übersetzen könnte. Dem Vorwurf der Politik, dass die Bürger passiv sind und warten, dass der Staat alles richtet, steht am Ende immer die Sicht des Bürgers entgegen, der über fehlende Handlungsspielräume klagt.

Fußnoten

11.
Vgl. C. Offe (Anm. 5).