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31.10.2002 | Von:
Joachim Kersten

Jugendgewalt und Gesellschaft

II. Merkmale von Jugendgewalt in verschiedenen Kulturen

Was in intrakulturellen Studien normativ als "Männlichkeitswahn" oder "Maskulinitätsbesessenheit" bezeichnet wird und die überproportionale Beteiligung von männlichen Jugendlichen und jungen Männern auf der Täter- wie der Opferseite von Jugendgewalt erklären soll, lässt sich kulturvergleichend präziser veranschaulichen. Der Berichterstattung der Medien über Kriminalität und Gewalt sowie der Forschung über Faktoren der Kriminalitätsfurcht folgend, müsste man annehmen, dass Kulturen mit massivem Auftreten von jugendlichen Gangs und Straßencliquen auch durch ein hohes Kriminalitätsaufkommen geprägt sind. Die in kulturellen Aspekten sehr unterschiedlichen Industrieländer Australien, Japan und Deutschland bieten im Hinblick auf diesen Zusammenhang von Jugendgangs und dem offiziellen Bild der Kriminalität einen nahezu paradoxen Zustand. Dort, wo die meisten Gangs nachgewiesen werden können (Japan), ist das gemeldete Kriminalitätsaufkommen am geringsten. Dort, wo sich eine sehr hohe Belastung durch Gewaltkriminalität in den Statistiken und Opferbefragungen abzeichnet (Australien), lassen sich durch Feldforschung nur wenige Gruppierungen nachweisen. [5] Kann es sein, dass unter bestimmten Gegebenheiten, beispielsweise in ethnisch segregierten Ghettos, solche Gruppierungen als Ordnungsfaktor neben oder anstelle von Polizeikräften auftreten? [6]

In allen Industrienationen gibt es im Kontext von Jugendgewalt vorwiegend drei Formen, denen sich Gruppierungen zuordnen lassen: Street-corner- Gruppen, die eher Cliquencharakter haben; mehr oder weniger fest organisierte Jugendgangs und schließlich Netzwerke Heranwachsender und junger Männer im Bereich von Drogenhandel, Prostitution und Eigentumskriminalität. Ein Großteil der wahrgenommenen Jugendgewalt spielt sich in den ersten beiden Kategorien ab. Dabei lassen sich in Bezug auf Schauplätze, Auftreten, Konfliktformen und andere beobachtbare Merkmale des jeweiligen Verhaltens kulturvergleichend Gemeinsamkeiten und Unterschiede beschreiben. Bahnhöfe und Knotenpunkte des Nahverkehrs sind Lokalitäten, die gewaltorientierte Gruppierungen anziehen und sichtbar machen. Dort stören sie den Durchfluss des "Normalen" und können gleichzeitig zum Blickfang werden. Parallel dazu sind Tankstellen oder Parkplätze vor rund um die Uhr, vor allem des Nachts geöffneten Ladenketten (convenience stores) Treffpunkte von Gruppierungen mit lockerer Organisationsform. In der Umgebung solcher Treffpunkte weisen Graffiti oder tags auf Territorialansprüche hin. Die Provokation ist beabsichtigt, es soll Aufmerksamkeit gezollt werden. Ähnlich bewirken die äußerlichen und akustischen Attribute solcher Gruppierungen und Cliquen sowie ihre Verhaltensmerkmale Verunsicherung bei Außenstehenden. Die Beachtung (oder das bewusste Wegsehen) ist eine Art Zoll, der in Form von "Respekt" erhoben wird. Uniformes Auftreten Jugendlicher trifft den Nerv der Öffentlichkeit besonders. Japanische Jugendgangs benutzen die modifizierte Kampffliegerkleidung der Kamikaze-Piloten, "nationalgesinnte" oder rechte Skinheads verwenden anstößige Symbole der deutschen Vergangenheit und erzielen somit den gleichen Effekt: Es werden die Narben des noch nicht verheilten, teils offiziell verdrängten gewaltsamen Nationalerbes berührt. Der Stil japanischer und deutscher Jugendlicher erinnert an die Kriegsgrausamkeiten, begangen in den Zeiten des hässlichen kaiserlichen Japans und Nazideutschlands; die chauvinistischen T-Shirts australischer Gruppenmitglieder rufen den schwelenden Rassismus des White Australia wach, die offizielle Staatsideologie, nach der bis in die siebziger Jahre asiatische und teilweise auch südeuropäische Einwanderung unerwünscht war.

Bewährung angesichts von Gefahr und Rausch, ob durch Alkohol oder andere Drogen, sind über moderne oder vormoderne Kulturen hinweg häufig ein entscheidender Bestandteil der Initiation junger Männer in die Welt erwachsener Maskulinität. Obgleich die Anlässe für die physische Bewährung in Fabrikhallen, auf Kriegs- oder Katastrophenschauplätzen schwinden, bleiben die "Beweise" zählebig mit geschlechtsspezifischen Haltungen der vormodernen oder frühindustriellen menschlichen Gemeinschaften verknüpft:

- Betonung und Zurschaustellung von Kampfbereitschaft; Todesverachtung; Hinnahme von Verletzungen, Schlägen und Narben;

- Betonung und Zurschaustellung von Fertigkeiten im Umgang mit Motorfahrzeugen (auch bei deren Diebstahl) und bei gefährlichem Fahren, Waffenverehrung und -sammeln;

- "Ehre", "Respekt", "echte Kameradschaft", "Zusammenhalt" (sie bilden ein Wertesystem, aus dem sich normative Haltungen zwangsläufig ableiten);

- Betonung heterosexueller Potenz, Verachtung des "Weiblichen", Schwulen- und Fremdenhass (auch bei Migrantengruppen werden jeweils "Andere" zum Gegenstand von Hass), Pflege eines körperbetonten männlichen Erotizismus.

Die Legitimation für antagonistisches Verhalten und für die Provokation von eskalierenden Auseinandersetzungen mit gegnerischen Gruppierungen, vereinzelten Unbeteiligten, spontanen oder "ausgeguckten" Opfern bezieht sich auf:

- territoriale Ansprüche, auch im übertragenen Sinne (mangelnder "Respekt", verletzte "Ehre");

- Besitzansprüche oder Beschützerhaltungen bezogen auf die "eigenen" Frauen;

- Konflikte, die mit Autos und Motorrädern zu tun haben.

Stets finden sich Hinweise darauf, dass sich die Mitglieder solch gewaltorientierter Gruppierungen in der Rolle von männlichen Beschützern sehen, als legitimes Wachpersonal des Ghettos oder benachteiligten Stadtteils. Uniformierung symbolisiert den Anspruch auf die Legitimation des Einsatzes von Gewalt in abgesteckten Gebieten. Die daraus resultierenden Gewaltkonflikte mit "Gegnern", Unbeteiligten sowie ausgesuchten Opfern sind gewissermaßen programmiert und bieten Gelegenheit, die oben angeführten Tugenden wie Mut, Härte, Kampfbereitschaft et cetera öffentlich zu "beweisen".

Bezogen auf die verfügbaren Daten und Kenntnisse über Jugendgewalt im gegenwärtigen Deutschland ist zunächst festzustellen, dass die angezeigte und von jungen Menschen wahrgenommene Gewalt zwischen Personen seit Ende der achtziger Jahre deutlich angestiegen ist. Gleichwohl sollte festgehalten werden, dass in den letzten drei Jahrzehnten die viel beschworenen "amerikanischen Verhältnisse", die in allen größeren US-Städten jährlich Hunderte von Todesopfern aufgrund von Gang-Auseinandersetzungen fordern, bei uns nicht eingekehrt sind. Auch gab es bisher in Deutschland keine Minderheitenaufstände (race riots), die denen in den USA oder in Großbritannien, ansatzweise auch im Nachbarland Frankreich, vergleichbar wären, obwohl die Tendenz zu ethnisch segregierten (und gleichzeitig immer benachteiligten) Stadtvierteln oder Wohngebieten als Folge der Zuwanderung auch bei uns entstanden ist. Viele Experten und Expertinnen stimmen mittlerweile darin überein, dass insbesondere männliche Jugendliche aus zugewanderten Familien ein höheres Kriminalitäts- und Opferrisiko aufweisen als einheimische Jugendliche. Dies entspricht auch den übereinstimmenden Erkenntnissen der internationalen kriminologischen Forschung. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Belastung niemals die Mehrheit der betreffenden Kinder von Zuwanderern betrifft. Selbst im Fall einiger "Spätaussiedler-Ghettos", in denen die Verhältnisse oft als beunruhigend eingeschätzt werden, liegt die Prozentzahl der Nichtauffälligen bei über 90 Prozent. Diese Jugendlichen besitzen einen deutschen Pass. Sprachlich, sozial und kulturell sind sie aber häufig entfremdeter als die Nachkommen südosteuropäischer Zuwanderer. Nachweisbar ist auch, dass das Opferrisiko junger Menschen zugenommen hat, während das der älteren (die aufgrund ihres Medienkonsums besondere Angst vor Jugendgewalt haben) abnimmt. Schließlich kann man glücklicherweise immer noch nachweisen, dass Jugendgewalt eine vorübergehende Angelegenheit ist, d. h., bei über 21-Jährigen, auch bei solchen, die in jüngerem Alter über die Stränge geschlagen haben, tritt sie zunehmend seltener auf. [7]

Fußnoten

5.
Vgl. Joachim Kersten, Männlichkeitsdarstellungen in Jugendgangs. Ein Kulturvergleich, in: Peter-Alexis Albrecht/Alexander P. F. Ehlers/Franziska Lamott/Christian Pfeiffer/Hans-Dieter Schwind/Michael Walter (Hrsg.), Festschrift für Horst Schüler-Springorum, Köln - Berlin - Bonn - München 1993; Ian Warren/Megan Aumair, Media Depictions and Public Discourse on Juvenile "Gangs" in Melbourne, 1989 - 1991, in: Kayleen M. Hazlehurst/Cameron Hazlehurst (Hrsg.), Gangs and Youth Subcultures. International Explorations, New Brunswick - New Jersey 1998.
6.
So wird in der kontrovers aufgenommenen Studie von Martin SÄnchez Jankowski, Islands in the Street. Gangs and American Urban Society, Berkeley 1991, argumentiert; empirisch begründet dazu Mary Patillo-McCoy, Black Picket Fences. Privilege and Peril among the Black Middle Class, Chicago-London 1999.
7.
Vgl. D. Enzmann (Anm. 2), S. 9.