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31.10.2002 | Von:
Joachim Kersten

Jugendgewalt und Gesellschaft

III. Andere Erklärungen, andere Folgerungen und ein anderer Umgang mit Jugendgewalt

Für eine differenziertere Einschätzung und im Hinblick auf Überlegungen zum Umgang mit Jugendgewalt erweist es sich als nützlich, beim Thema Jugendgewalt nach Personen, Gelegenheiten und Schauplätzen zu differenzieren. Den kriminalstatistischen Daten der letzten Jahrzehnte zufolge wird die überwiegende Mehrheit der Gewaltstraftaten von mehr als einem jugendlichen Täter begangen. Gewalttaten, die von Gutmeinenden (aber Schlechtberatenen) häufig mit defizitären Umständen bei den Tätern "(weg)erklärt" werden sollen, bieten einen mehrfachen Gewinn über die materielle Beute hinaus: Die Erniedrigung des Opfers macht Spaß, die Tat gilt als cool, gar als gerecht, weil das Opfer diskriminiert oder "verweiblicht" wird, und so gewinnen Straftaten erheblicher Schwere einen Geschmack von "Spaß" und "Kick". Jack Katz hat dies in seiner Studie des Straßenraubs den "verführerischen Effekt" der Kriminalität genannt und damit gegen die vorherrschenden Defizittheorien argumentiert. [8] James Messerschmidt [9] hat auf der Basis solcher Studien und anknüpfend an die Überlegungen von Robert Connell [10] gezeigt, dass Kriminalität, speziell Gewalttätigkeit, eine Möglichkeit darstellt, bei der randständige Männer an der patriarchalischen Dividende zu partizipieren in der Lage sind. Kurz gesagt: Die Erniedrigung und gewissermaßen "Verweiblichung" der Opfer bringt einen Zuwachs an maskuliner Bestätigung, auch in einer Situation sozialer und kultureller Benachteiligung. Härter ausgedrückt: Gerade wenn sozialer Status und Perspektive, Bildung und andere Ressourcen fehlen, hat Gewalt Sinn und macht Spaß. Im Hinblick auf die Merkmale fremdenfeindlicher Gewalt im vereinigten Deutschland, speziell in den neuen Bundesländern, erscheinen solche theoretischen Modelle weitaus geeigneter als die vorherrschende Tendenz, Jugendgewalt geschlechtsneutral und mithilfe aufgewärmter Theorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Modernisierungsfolge zu erklären (Orientierungslosigkeit). Unterscheidet man auf der Basis solcher Überlegungen, die geschlechtsspezifische Handlungstheorie, Sozialstruktur und kulturelle Faktoren bei der Erklärung von Gewalt miteinander verknüpfen, die gewaltbereiten Tätergruppen und Gruppierungen männlicher Jugendlicher und Heranwachsender in unserem Land, so ergeben sich andere Muster als in der gängigen (Medien-)"Ordnung der Dinge", was Jugendgewalt betrifft.

Nachbarschaftscliquen mit deutschstämmiger oder multiethnischer Zusammensetzung bilden rein von der Quantität her den Brennpunkt der Jugendgewalt, nicht die erwähnten kriminellen Netzwerke. Dabei stehen bei den Gruppierungen häufig territorial definierte Beschützerrollen und die beschriebenen Orientierungen an einer traditionellen Maskulinität im Vordergrund. Auch wenn es aufgrund vorherrschender Meinungen nicht so erscheint, bestehen zwischen Respekt heischenden Cliquen aus Migrantenjugendlichen und Gruppen einheimischer Jugendlicher, die mitunter auch ausländerfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen, gar keine so großen Unterschiede. Einheimische Realschüler und Auszubildende in den alten Bundesländern sind nicht bis ins Mark von Xenophobie besessen, wenn sie die Territorialansprüche von Migrantenjugendlichen sowie ihr nicht selten provozierendes Auftreten an Jugendtreffpunkten oder -clubs fürchten oder ablehnen. [11] Ihr Verhalten ist zu unterscheiden von Gruppierungen, besonders in den neuen Ländern, die als selbst ernannte Wächter der Volksgemeinschaft in Kameradschaften oder ähnlich rechtsextrem orientierten Gruppen die deutschen Frauen vor Fremden schützen wollen, die es dort gar nicht gibt. Wer nicht glauben mag, dass Territorialansprüche, Sozialneid und Eifersucht auf Fremde sowie Beschützergehabe bei Eskalationen eine Rolle spielen, der möge die ethnografische Studie über Hoyerswerda heranziehen, die Rainer Joedecke vorgelegt hat. [12] Wenn Jungkrieger das Gewaltmonopol übernehmen und sich mit dem Mob verbinden, wie dies in Hoyerswerda und Rostock der Fall war, ist das Pogrom angelegt. Insofern sind Kameradschaften und Glatzentrupps in den neuen Ländern, aber auch im Allgäu, nicht mit Nachbarschaftscliquen, ob einheimisch oder ethnisch, gleichzusetzen. Anders bewerten muss man auch Cliquen und einzelne Jugendliche aus dem Spätaussiedlermilieu, die eine extreme Tathäufigkeit im Bereich Jugendgewalt aufweisen. Ein höherer Prozentsatz von Migrantenjugendlichen sowie Kindern aus (einigen, bei weitem nicht allen) Aussiedlerfamilien (trotz deutscher Staatsangehörigkeit; dies zeigt, dass das Problem mit Einbürgerung allein nicht zu bewältigen ist) verfügt über ausgeprägtere Gewalterfahrungen in der Herkunftskultur und -familie. Selbstverständlich sind die Gründe für solche Verhältnisse auch in sozialen Ursachen zu finden, und nicht zuletzt spielen auch kulturell überlieferte Definitionen des Geschlechterverhältnisses eine Rolle. [13] Ungebildete Frauen aus entlegenen Teilen Südosteuropas, die ethnisch segregiert in deutschen Städten leben, können ihren Kindern weder die deutsche Sprache bei- noch ein gleichberechtigtes Verständnis des Umgangs zwischen Frau und Mann nahe bringen.

Aus dieser Zuordnung folgen Konsequenzen für den gesellschaftlichen Umgang mit unterschiedlichen Formen der Jugendgewalt. Cliquenjugendliche, ob einheimisch oder ethnisch, erfordern im Wesentlichen nichts anderes als integrative Maßnahmen und Unterstützung bei der Herausbildung geschlechtsspezifischer Identifikationsmuster, die nicht oder zumindest nicht dramatisch im Bereich von Normverstößen liegen. Dies sind keine polizeilichen oder kriminaljustitiellen Aufgaben- und Kompetenzbereiche. Leider ist aber die gegenwärtige Pädagogik nicht in der Lage, diese Aufgabe zielstrebig wahrzunehmen - und das liegt nicht nur an den Mittelkürzungen. Mittelkürzungen, ob in der Wissenschaft oder in der Praxis, erfolgen vor allem da, wo die Arbeit seit über zehn Jahren kein Profil mehr aufweist. Dies gilt für Teile der Jugendsoziologie und -forschung ebenso wie für bürokratisch vor sich hin laborierende Bereiche der praktischen Sozialpädagogik. Bessere Forschung, bessere Hochschul- und Praxisausbildung unter systematischem Einbezug von Gender-Aspekten stehen auf der Tagesordnung.

Es ist zu differenzieren zwischen den Gruppierungen und Cliquenszenen und dem Problem, das Besucher der schon im Vorfeld mit Gewalt in Verbindung gebrachten Massenereignisse ("Maifeiern", "Chaostage", Bundesligatage für Fußballhooligans) verursachen. Sozialpädagogische Betreuung mag bei Fußballfans Wirkung zeigen, aber der "Kick", den die Gewaltanlässe für die jungen Männer auf der Erlebnis- und Gemeinschaftsebene bieten, wird nicht durch gute pädagogische Gespräche unattraktiv. Hier werden eher die Ordnungskräfte pädagogische und psychologische Betreuung von hoher Qualität benötigen, um Einsätze mit dem Prinzip des minimal impact und der größten Wirkung durchführen zu können. Ähnlich wird man Globalisierungsgegnern - darunter "Autonome" als Mitglieder sozialer Bewegungen, die meinen, beim Steinewerfen auf Polizisten stellvertretend für die Armen der Dritten Welt zu handeln - nicht mit sozialpädagogischer Unterstützung und Betreuung von ihrem Engagement abhalten. Vorfälle wie in Seattle und Genua zeigen deutlich, dass hier die Polizei bzw. die verantwortliche Sicherheitspolitik Lernbedarf hat. Benötigt wird der öffentliche Diskurs mit Politik und Experten, und dem können sich die Eliten auf Dauer nicht straflos verweigern (auch nicht, indem Aktivisten von Protestbewegungen isoliert und kriminalisiert werden), wie die Geschichte der deutschen Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre gezeigt hat.

Gewalt hat bei weiblichen Jugendlichen, trotz der auch hier anschwellenden Unkenrufe von Forschern und Pädagogen, in unserem Land immer noch weitaus weniger mit identitätsstiftenden als mit funktionalen/pragmatischen Beweggründen zu tun und bedarf deshalb einer besonderen Forschung und Praxis. [14]

Die Berichterstattung über "Schauplätze" von Gewalt, wie die Medien sie seit Jahren beispielsweise in Schulen lokalisieren, stellt eine Dramatisierung dar, die dann anlässlich vereinzelter Amoktaten gewissermaßen zum Glauben an ein Naturgesetz der sich stetig verschlimmernden Gewalt beitragen. Medienpräsente Forscher beteiligen sich nicht selten an solcher Dramatisierung, wenn auch die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen solche apokalyptischen Prognosen selten rechtfertigen. Seriöse Gewaltforschung, wie sie beispielsweise in der Langzeitstudie über Gewalt an bayrischen Schulen vorgelegt wurde, [15] führt zum Ergebnis, dass ernst zu nehmende Gewalttätigkeit stagniert oder manchmal sogar abnimmt. Ähnliches zeigen mitunter auch sorgfältige Analysen der Entwicklung von Jugendkriminalität, mitunter auch der Jugendgewalt, die nicht immer "stetig ansteigt". Die Schule hat viele Probleme, aber das Gewaltproblem an Schulen muss im Rahmen der allgemeinen Neuorientierung auf einen besseren und sozialeren Unterricht mit aufgegriffen werden.

Bei Amokläufen in Schulen wird in stets wiederkehrendem Ritual nach solchen Gewalttaten auf die Pathologie des Täters gestarrt, oder man spekuliert über die Mitschuld von Familie und Gesellschaft. Ziel der Bluttat von Erfurt war jedoch eine pädagogische Institution. Sie sollte Entscheidungen, die von jungen Menschen als Demütigung erlebt werden müssen, nicht einfach fällen können, wie im Fall des Schülers in Erfurt. Erlebte Demütigung und rasche Eskalation stehen bei jungen Männern, die Amok gelaufen sind, in einem Zusammenhang, gottlob nicht in einem monokausalen. Einige dieser Demütigungen lassen sich vermeiden. Ein wirksames Mittel, das den Amok verhindern oder früh erkennbar machen könnte, wird es jedoch nicht geben. Amok ist ein Phänomen jenseits von Krankheit, Kriminalität und Kontrolle. Die Begleitumstände des modernen Amoklaufs treffen auf zu viele zu, um für Präventionsansätze tauglich zu sein: Man(n) wird gedemütigt, man(n) liebt Waffen oder virtuellen Waffenersatz, trainiert mit ihnen, man(n) übt sich in der Entmenschlichung (Dehumanisierung) der vermeintlichen Gegner, man(n) teilt sich niemandem mit. Kein Staat, keine Polizei kann das kontrollieren.

Mittlerweile besteht ein Nachahmungsrisiko: Die Aufmerksamkeit der Medien, natürlich in der (besten) Absicht zu informieren, wird selbst zum Gefährdungsmoment. Die Diagnosen der Experten und die Vorschläge der Politiker finden in den Medien eine Plattform, aber sie machen auch in ihrer Häufung und stetigen Wiederholung aus dem Amokläufer einen Superstar und aus der Tat etwas, das wirklich die Welt anhalten kann.

Die Einschränkung menschenverachtender Praktiken auf der virtuellen Folie von Film, Video- und Computerspiel, aber auch auf der Ebene von realen Waffen und ihrer Verfügbarkeit, ist nicht nur eine Frage von raschen Verboten, Strafverschärfungen und -verfolgung. Solche Maßnahmen werden nur greifen können, wenn sich ein Konsens erreichen lässt, was sich die Gesellschaft zumuten und verkaufen lassen will. Das ist eine pädagogische, ästhetische und eine politische Frage, aber sie liegt außerhalb der gewohnten politischen Routinen, in denen Verantwortung delegiert wird. Wir selbst müssen die Aufgabe eines besseren Umgangs mit Jugendgewalt in stärkerem Maß verantwortlich übernehmen und in gemeinsamer Forschung und in gegenseitigem Austausch in Angriff nehmen. Wer Verbote predigenden Populisten oder resignierten Endzeitphilosophen diese Aufgabe überlässt, ergibt sich in die ohnmächtige Sehnsucht, die an der Wurzel von Gewalt und Amok liegt.

Internetverweise des Autors:

  • Jugendkulturen
    (mit vielen sinnvollen Informationsmöglichkeiten).

  • Film-Kultur

  • (zur Bestellung der Filmhefte zu "Hass" (M.Kassovitz F 1994/1995) und "American History X" (T. Kaye USA 1999), Filme, die das Thema Jugendgewalt aufgreifen und sich als Diskussionsgrundlage für Schulklassen oder Jugendgruppen anbieten)

  • Die Zeit

  • (im Archiv "Jugendgewalt" eingeben)

  • Cilip

  • (eine Kritik an der "immer schlimmer"-Optik)

  • Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen

  • (Zahlen und Erhebungen zum Thema)

  • Universität Greifswald

  • (Untersuchungen und Empfehlungen)

    Fußnoten

    8.
    Vgl. Jack Katz, Seductions of Crime. Moral and Sensual Attractions of Doing Evil, Stanford 1988.
    9.
    Vgl. James Messerschmidt, Masculinities and Crime. Critique and Reconceptualization of Theory, Lanham 1993.
    10.
    Vgl. Robert W. Connell , Masculinities, Cambridge 1995.
    11.
    Vgl. Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2002. 14. Shell-Jugendstudie, Frankfurt/M. 2002, S. 42.
    12.
    Vgl. Rainer Joedecke, Willkommen in Hoyerswerda, in: Kursbuch 107 (Die Unterwanderung Europas), März 1992.
    13.
    Vgl. Deutsche Shell (Anm. 11), S. 38.
    14.
    Vgl. ebd., S. 41.
    15.
    Vgl. Siegfried Lamnek, Die Gewaltentwicklung an Schulen in Deutschland. Status quo ante?, in: Gesine Folyanti-Jost (Hrsg.), Schule, Schüler und Gewalt. Beiträge zu Deutschland, Japan, China und der Mongolei, München 2000.