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15.10.2002 | Von:
Dieter Smolka

Die PISA-Studie: Konsequenzen und Empfehlungen für Bildungspolitik und Schulpraxis

II. Folgerungen für die Schul- und Bildungspolitik

Zentrales Anliegen der Schule ist, eine allgemeine Kultur der Anstrengung und Wertschätzung des Lernens fest zu verankern, die Unterrichtsqualität zu sichern und weiterzuentwickeln. Die PISA-Studie zeigt, dass im internationalen Wettbewerb Kreativität, Handlungsorientierung und problemlösender Anwendungsbezug gefordert sind - die Fähigkeit nämlich, gelerntes Wissen auch anwenden zu können. Das können nur selbstständige Schülerinnen und Schüler. Die Paukschule ist passé.

1. Eckpunkte einer Bildungsreform



Für alle Bundesländer liegt die Herausforderung darin, den durch PISA-E initiierten föderalen Wettbewerb produktiv für die Weiterentwicklung des Schulsystems zu nutzen. Die bereits bestehenden Ansätze sollten meines Erachtens verstärkt werden, insbesondere:

- Der Ausbau schulischer Ganztagsangebote, die zusätzliche Möglichkeiten zu einer intensiveren Förderung und Forderung der Schülerinnen und Schüler bieten. Ganztagsangebote sind insbesondere für die Kinder wichtig, bei denen häusliche Defizite in der Schule kompensiert werden müssen. In enger Kooperation mit den externen Partnern der Schule wird das schulische Ganztagsangebot organisiert. Die Schule mit ihrem lokalen Umfeld wird zum Lern- und Lebensraum, in dem sich Schüler und Lehrer auch außerhalb des Unterrichts begegnen und sich gegenseitig als Lernende erfahren.

- Eine Verstärkung der Sprachförderung im vorschulischen Bereich und in den Grundschulen sowie die gezielte Förderung der "Risikogruppe" schwacher Schülerinnen und Schüler, insbesondere bildungsbenachteiligter Kinder von Migranten, in den weiterführenden Schulen.

- Die Stärkung schulischer Selbstständigkeit und Eigenverantwortung in pädagogischen, finanziellen und personellen Fragen. Wenn wir die Qualität unserer Schulen verbessern wollen, müssen wir ihnen mehr Freiheit geben. Die Verantwortung für die Lern- und Bildungsprozesse muss in der Schule bleiben. Schulen brauchen ein hohes Maß an pädagogischer Freiheit und Flexibilität - also weniger zentrale Regulierung. Eine Bildungsverwaltung, die alles und jedes auf Punkt und Komma zu regeln versucht, ist nicht mehr zeitgemäß. "Schulen brauchen statt dessen mehr Freiräume und mehr Entscheidungsfreiheit, damit sie schneller auf den gesellschaftlichen Wandel antworten und angemessen auf veränderte Anforderungen in ihrem Umfeld reagieren können." [12] "Gestalten statt Verwalten" ist das Motto der selbstständigen Schule, in der die Schulleitung in enger Kooperation mit dem Kollegium die permanente Verbesserung der schulischen Qualität als Hauptaufgabe betrachtet und die volle Verantwortung für die Ergebnisse übernimmt. Ein zukunftsweisendes Modell könnte das Projekt "Selbstständige Schule" in Nordrhein-Westfalen sein, an dem (ab August 2002) ca. 300 Schulen teilnehmen.

- Die Einführung klar definierter, bundesweit geltender Standards und Verfahren zur geeigneten Qualitätssicherung in Form von Vergleichsarbeiten und Aufgabenpools für Beispielaufgaben. Nicht jedoch eine zentral organisierte Test-Inflation, die weder effektiveren Unterricht noch bessere Schülerleistungen bringt. Wichtig sind Qualifizierungsangebote, die den Lehrerinnen und Lehrern helfen, das eigene Methodenrepertoire weiterzuentwickeln. [13]

- Schüler individuell fördern und fordern. Eine Bildungsreform muss zum Ziel haben, Leistung zu fördern und Chancengleichheit zu sichern. PISA zeigt: Die fehlende Lesekompetenz sowie die wenig ausgeprägte mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz beruhen z. T. auf der mangelnden Förderung durch die Schule. Die Schul- und Bildungssysteme anderer Länder - z. B. Finnland, Schweden und Kanada - schaffen es besser, diese Kompetenzen früh zu fördern, Schwächen der Schüler zu erkennen und sie unabhängig von der Herkunft der Schüler auszugleichen. Sie schaffen es außerdem, mehr Spitzenleistung zu fördern. Daher muss die individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen - der bildungsbenachteiligten, der so genannten "normal begabten" und der besonders leistungsstarken - verstärkt Ausgangspunkt und Zielsetzung eines Bildungssystems sein, das sich seiner Aufgabe stellt: die Kinder und Jugendlichen so zu erziehen und zu bilden, dass sie als aktive Bürgerinnen und Bürger in einer demokratischen Gesellschaft ihr persönliches, berufliches und das gesellschaftliche Leben verantwortungsbewusst gestalten können.

- Begabtenförderung: Die Förderung besonderer Begabungen ist neben der Breiten- und der Benachteiligtenförderung ein wichtiges Ziel der Bildungspolitik. Auch hochbegabte Kinder brauchen günstige Entwicklungsbedingungen, um ihr Begabungspotenzial voll entfalten zu können. [14] Sie müssen besonders gefördert und gefordert werden. Dazu zählen z. B. die Teilnahme an Wettbewerben, das individuelle Überspringen einer Jahrgangsstufe oder das Überspringen einer Jahrgangsstufe in Gruppen, die Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen.

2. Kontextbedingungen des schulischen Lernens



Die PISA-E Studie betont zu Recht, dass auch die "zentralen Kontextbedingungen des schulischen Lernens" [15] berücksichtigt werden sollten. Hier werden die teilweise unzureichende Versorgung der Schulen mit Fachlehrkräften, einige Merkmale individueller Schullaufbahnen (z. B. Klassenwiederholungen, Wechsel zwischen Schulformen) oder auch die Einstellung der 15-Jährigen und ihrer Eltern zur Schule (z. B. Formen auffälligen Schülerverhaltens, Schulzufriedenheit) angesprochen. Aus der Sicht der Schulpraxis müssen folgende zusätzliche Kontextbedingungen ergänzt werden: Die bildungspolitischen und schulischen Rahmenbedingungen lassen im Hinblick auf die Motivation der Lehrerinnen und Lehrer derzeit zu wünschen übrig. Dazu tragen insbesondere auch die verschärften Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte bei: Die ministeriell verordnete Mehrarbeit, die Streichung der Stellenreserve, die zunehmende Zahl der Vertretungsstunden, die Erhöhung der Pflichtstundenzahl, die größeren Klassenfrequenzen sowie die zunehmende Zahl verhaltensschwieriger Kinder und Jugendlicher sind einige Beispiele.

Auch müssten einige langsam verlotternde Schulgebäude dringend von den Schulträgern renoviert werden, damit auch die Lernumgebung - so zeigt das Beispiel Schweden - motivierend wirken kann.

In manchen Elternhäusern sind Erziehungsunfähigkeit, Resignation und Ratlosigkeit festzustellen. Die pädagogischen und erzieherischen Anforderungen an die Schule steigen, weil Erziehungsprobleme u. a. mitverursacht werden durch

- die negativen Auswirkungen von Dauerarbeitslosigkeit der Väter und auch der Mütter auf die Familien sowie die wachsende Armut in unserer Gesellschaft;

- die immer größere Anzahl der Kinder aus gescheiterten Ehen, aus Familien von getrennt lebenden Eheleuten bzw. von Alleinerziehenden;

- den immer stärkeren und unkontrollierteren Einfluss der Medien auf Kinder und Jugendliche;

- die Defizite in der außerschulischen Sozialisation.

Diese Entwicklungen und Begleiterscheinungen verstärken die psychischen und physischen Stressfaktoren in der Schule. Gerade engagierte und hochmotivierte Lehrerinnen und Lehrer stoßen häufig an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Hinzu kommt, dass wegen der vergleichsweise geringen Zahl der Neueinstellungen an den Schulen die Lehrkräfte immer älter werden. Seit 1996 ist das durchschnittliche Alter der Lehrer stark gestiegen - von 45,9 auf 47,3 Jahre. In Nordrhein-Westfalen sind 43,1 Prozent der Lehrer älter als 50. Schon bald droht eine Pensionierungswelle die Schulkollegien drastisch zu verkleinern. Die nachrückenden Lehramtsstudenten werden die Lücken nicht schließen können. [16]

Die Erwartungen der Gesellschaft an die Schule - d. h. die Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrags - einerseits und die Schwierigkeiten, diesen Erwartungen gerecht zu werden, andererseits können Gefühle der Überforderung, Selbstüberlastung, Spannungen und Konflikte auslösen. Denn niemals ist der Pädagoge - gemessen an pädagogischen Idealansprüchen - gut genug. Mangelndes Ansehen des Berufsstandes in der Öffentlichkeit ("Faule Säcke") bei gleichzeitiger Schuldzuweisung an die Lehrer für alle schulischen Missstände tun ihr Übriges, die Motivation in den Lehrerkollegien zu mindern. Bei vielen Pädagogen sind zudem die Leistungsreserven erschöpft. Demotivation, innere Kündigung, Burnout und Frühpensionierungen sind teilweise die fatalen Folgen. Dennoch gibt es in vielen Kollegien viel Elan, Motivation, Engagement, gutes Teamwork und gemeinsam entwickelte Innovationen, die die Schulentwicklung unterstützen. Hier zeichnet sich die Schulleitung durch einen kommunikativen, integrativen und demokratischen Führungsstil aus. Eine "gute" Schule legt auf eine kooperative Führungsstruktur viel Wert. Personalführung ist von der Grundhaltung des Vertrauens, von Teamarbeit, nicht von Hierarchie und Weisung gekennzeichnet. [17]

Deshalb die Forderungen an die Schul- und Bildungspolitiker: Die sächlichen, personellen und schulorganisatorischen Rahmenbedingungen müssen verbessert, die Klassenfrequenzen deutlich gesenkt, die Wochenstundenzahl der Lehrkräfte verringert werden. Aufgrund der Altersstruktur und der steigenden Schülerzahlen in bestimmten Schulformen ist es dringend notwendig, jüngere Lehrkräfte einzustellen. Denn junge Lehrerinnen und Lehrer sind ein unverzichtbares Innovationspotenzial für eine ausgewogenere Zusammensetzung der Lehrerkollegien und für die Weiterentwicklung der Schule. Auch in Zeiten enger finanzieller Ressourcen sollte nicht ausschließlich der Spargedanke, sondern gerade die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder die politischen Entscheidungen bestimmen. Vor allem im Primar- und Sekundarstufe-I-Bereich muss investiert werden. Dort schneidet Deutschland im OECD-Vergleich besonders schlecht ab.

3. Reform der Lehrerausbildung



Wie können Lehrerinnen und Lehrer die (Selbst-) Motivation und Leistungsbereitschaft ihrer Schüler unterstützen? Indem sie Moderatoren von Lerngruppen sind, Tutoren ihrer Schüler, professionelle Gestalter anregender und motivierender Lernumwelten sowie verantwortliche Garanten für die Erreichung vielfältiger Lern- und Bildungsziele. Erfolgreich unterrichten zu können ist aber nicht nur eine Frage des guten Willens von Lehrern, ihrer intensiven Vorbereitung und der persönlichen Anstrengungsbereitschaft. Pädagogische und fachliche Fähigkeiten müssen in der Ausbildung erworben und in der persönlichen Weiterbildung ständig verbessert werden. Voraussetzungen dafür sind

- die verstärkte pädagogisch-psychologische Qualifizierung und praxisnahe Professionalisierung der Lehrerausbildung, in der neben fachwissenschaftlichen Lerninhalten auch die für eine spätere Berufstätigkeit notwendigen pädagogischen und didaktischen Kompetenzen erworben werden;

- eine systematische Weiterbildung und persönliche Weiterqualifizierung, die in Form von schulinternen oder schulnahen Arbeitsgruppen wechselseitige kollegiale Anregungen sowie Impulse für Innovationen ermöglicht;

- eine finanzielle Grundausstattung des gesamten Bildungswesens in Deutschland, die den öffentlichen Erwartungen an die zu erreichende Qualität von Schule und Unterricht gerecht wird;

- eine Schulorganisation, die sich durch Leistungen in internationalen und nationalen Vergleichsstudien bewähren muss.

Das Lehrerbild, das bislang der Lehreraus- und -fortbildung zu Grunde liegt, bringt in erster Linie Experten für die jeweiligen Fächer hervor. Diese Lehreraus- und -fortbildung muss daher grundsätzlich neu konzipiert werden. Die fachliche Ausbildung muss entscheidend ergänzt werden um eine didaktisch-methodische und schulpraxisnahe Ausbildung. Diese muss den umfangreichen Erwerb von Schlüsselkompetenzen für Lehrer - wie u. a. erzieherische Kompetenzen, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Medienkompetenz - ebenso ins Zentrum rücken wie den Erwerb eines umfassenden Methodenrepertoires für die abwechslungsreiche und anspruchsvolle Gestaltung von Lernprozessen für Schüler unterschiedlicher Leistungsstärke. Praktische Lernphasen in den Ausbildungsschulen müssen die Ausbildung ebenso prägen wie theoretische Abschnitte, in denen Praxis reflektiert und mit Theorie verknüpft wird. Die neue (ab dem Wintersemester 2002/03 startende) "konsekutive" Lehrerausbildung an den Universitäten Bielefeld und Bochum könnte hier ein zukunftsweisendes Modell mit einem hohen Praxisanteil darstellen.

Gute Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler werden durch professionell gestaltete Lernarrangements erreicht, die die Selbst-Motivation der Schülerinnen und Schüler fördern. Die Vermittlung von Lern- und Arbeitstechniken unterstützt die Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung. Ein lernförderndes Schul- und Arbeitsklima, mehr Handlungsorientierung, mehr Verantwortung fördern Motivation und verbessern die Lernleistung. Das Ziel ist, bei der nächsten PISA-Studie zu den Testsiegern der Spitzengruppe zu gehören.

Fußnoten

12.
Gabriele Behler, SelbststÌndige Schule - Ein Modellprojekt, in: Bernd Fahrholz u. a. (Hrsg.), Nach dem Pisa-Schock - PlÌdoyers fÏr eine Bildungsreform, Hamburg 2002, S. 92.
13.
Vgl. Dieter Smolka (Hrsg.), SchÏlermotivation. Konzepte und Anregungen fÏr die Praxis, Neuwied 2002, S. 135 ff.
14.
Vgl. Edelgard Bulmahn, Aufstieg durch Bildung - Ûber den Sinn von Chancen und Unterschieden, in: B. Fahrholz u. a. (Anm. 12), S. 55.
15.
J. Baumert u.Äa. (Anm. 3), S. 202.
16.
Vgl. Peter Hacker, Einsamkeit im Lehrerzimmer. In Deutschland droht in den nÌchsten Jahren ein Mangel an PÌdagogen, in: SÏddeutsche Zeitung vom 14./15. 8. 2002, S. 9.
17.
Vgl. Dieter Smolka (Hrsg.), Motivation und MitarbeiterfÏhrung in der Schule. Neuwied 2002, S. 3Äff.