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Street of Prophets

6.4.2018 | Von:
Susanne Knaul

Jerusalemer Begegnungen: Eine Straßenbahnfahrt - Essay

Vom Rathaus zum DamaskusTor

Am Rathaus biegt die Bahn Richtung Osten ab und hält nicht weit entfernt vom Damaskustor, dem Eingang zum muslimischen Teil der Altstadt. Freitags steht dort oft ein Sonderaufgebot berittener Grenzpolizisten bereit, sollte es zu Demonstrationen kommen, was nach Trumps Jerusalem-Erklärung immer wieder der Fall war. Gegen Mittag strömen Tausende Muslime vom Freitagsgebet in der al-Aqsa-Moschee durch die engen Gassen zurück in Richtung Damaskustor und zum palästinensischen Busbahnhof direkt vor der Altstadt.

Der 26-jährige Maslim Barakan aus dem arabischen Stadtviertel Beit Safafa kehrt auf dem Heimweg bei Abu Shukri ein, "dem besten Falafelbäcker in der Altstadt", wie sich Juden und Muslime ausnahmsweise einmal einig sind. Barakan bestellt Falafel, Humus, einen Teller mit sauren Gurken und je einer geviertelten Zwiebel und Tomate. Das essen hier alle. Zweimal wöchentlich geht der fromme Muslim in die al-Aqsa-Moschee. "Jerusalem war immer arabisch und wird es immer bleiben", sagt Barakan und meint beide Stadthälften, Ost und West. Ein Zusammenleben von Juden und Arabern schließt er aus. Die beiden Völker seien zu unterschiedlich. "Es wird immer wieder Probleme geben."

Am Freitag ist im Restaurant von Abu Shukri nicht viel los. Die meisten Muslime essen zusammen mit ihren Familien. Barakan wischt mit einem Stück Pita über den Humusteller. "Allahu akbar", rufen draußen vor dem Laden zornige Frauen und Männer und drängeln die mit Helmen und kugelsicheren Westen ausgestatteten israelischen Grenzpolizisten zur Seite. Beide Gruppen scheinen jedoch darauf bedacht zu sein, es nicht zu Gewalt kommen zu lassen.

"Al-Quds", Barakan benutzt den arabischen Namen für Jerusalem, "gehört uns". Über die al-Aqsa-Moschee möchte er reden und über die Probleme, "die die Juden machen", wenn sie dorthin kämen. "Das dürfen sie nicht, das verbietet der Koran." Schließlich gingen die Muslime ja auch nicht in "ihre Synagogen". Barakan schimpft – nicht wütend, eher entmutigt – darüber, dass "sie uns unser Land wegnehmen" und darüber, dass die Israelis "überall neue Wohnungen bauen", die Palästinenser hingegen gar nicht erst einen Antrag zu stellen bräuchten, denn eine Baugenehmigung zu bekommen, sei ohnehin aussichtslos. "Das ist Rassismus. Das hier ist doch mein Zuhause."

Ob er sich wehrt und ob er schon einmal im Gefängnis war? Er nickt. "Hier wird man schon verhaftet, wenn man nur in die falsche Richtung atmet", ruft ein Mann vom Nebentisch. Sie sitzen zu dritt und haben das Gespräch verfolgt. "Wir waren alle schon einmal im Gefängnis, und wir sind alle schon verprügelt worden." Die drei Männer berichten der Reihe nach, wie lange und wie oft sie hinter Gittern gesessen haben.

Ahmad, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, ist 30 Jahre alt, er trägt moderne Stoffhosen und einen dunkelblauen Strickpullover mit Reißverschluss am Kragen. Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Familie wohnt in Beit Hanina, einem eher bürgerlichen palästinensischen Viertel in Ost-Jerusalem, das die jüdische Stadtverwaltung nach dem Sechstagekrieg vor rund 50 Jahren eingemeindet hat. Viele Menschen aus der Jerusalemer Altstadt und aus Hebron im Westjordanland sind nach 1967 dort hingezogen. Er berichtet von dem Tag, an dem er seine Frau aus der Entbindungsklinik abholen wollte, von der Sperre und den Polizisten, "die vier Autos vor mir durchließen, mich aber nicht". Am Ende habe er noch ein Bußgeld zahlen müssen und Strafpunkte bekommen. "Ich war gerade Vater geworden", schimpft er. "Sie hätten mir gratulieren müssen, stattdessen machen sie solche Probleme."

Die drei Palästinenser sind sich einig, dass sie vom israelischen Staat keine Gerechtigkeit erwarten können und dass sie der Willkür der Sicherheitsbeamten ausgesetzt sind. Ahmad ist wütend über die Israelis und über den US-Präsidenten. "Wer ist dieser Trump überhaupt?" Und: "Was bildet der sich ein, darüber zu entscheiden, dass Jerusalem Hauptstadt Israels ist?" So etwas solle er lieber lassen, warnt er. "Denn es kann sein, dass hier was passiert, was du, Trump, dir gar nicht vorstellen kannst." Ahmads Freunde drängen zum Gehen. "Nun komm schon", sagt einer der beiden.

Vor Abu Shukris Fast-Food-Laden hat sich die Menge der vom Gebet heimkehrenden Muslime aufgelöst, und die Grenzpolizisten stehen wieder an ihrem Posten, der dritten Station der Via Dolorosa, gleich neben dem legendären Österreichischen Hospiz mit dem Wiener Kaffeehaus im ersten Stock, wo es Apfelstrudel und Melange gibt. Nur am Damaskustor rufen noch ein paar palästinensische Demonstranten im Chor, dass sie mit "Blut und Seele für Jerusalem kämpfen" werden.

Vom Damaskustor nach Pisgat Ze’ev

In der Straßenbahn ist es leerer geworden. Ein junges Paar in Jeans sitzt im Zug, eine ältere Dame mit dunkler Sonnenbrille und Hut und ein Palästinenser, der drei Plastiktüten mit frischem Brot auf dem Schoß hat. Mamduh Mohammad ist 36 Jahre alt, hat sechs Kinder und sieht müde aus. Er kommt von der Frühschicht in der israelischen Backfabrik Angel im Westen Jerusalems. "Pita backen", sagt er, sei seine Aufgabe.

Vom Damaskustor aus führen die Bahngleise eine Weile entlang der alten Schnittstelle zwischen Ost- und West-Jerusalem. Von der Mauer und dem Zaun, die hier bis 1967 Jordanien und Israel voneinander trennten, ist nichts mehr übrig. Gefühlt ist die Stadt aber noch immer geteilt. Links liegt Me’a She’arim mit seinen frommen Juden, rechts das palästinensisch-muslimische Sheikh Jarrah. Beide Viertel eint ihre Armut und ihre Frömmigkeit. Unterschiedlich sind die Menschen: links die kinderreichen Familien der ganz in schwarz gekleideten frommen Juden, die Männer mit Hüten und die Frauen mit Perücken oder Kopftüchern, rechts die muslimischen Frauen, die auch mit Tüchern die Haare bedecken, anstelle von Röcken aber Kaftane tragen, die ihre Körper vom Hals bis zu den Füßen bedecken. Auch viele der jungen palästinensischen Mädchen in Schuluniform tragen schon früh Kopftücher.

Kaum merklich erreicht die Straßenbahn schließlich Ost-Jerusalem. Es gibt keine Kontrollen an dieser unsichtbaren Grenze, schon deshalb nicht, weil von israelischer Seite der Eindruck bewahrt werden soll, dass die ganze Stadt eins ist. Jerusalem ist die "ewige, unteilbare Hauptstadt Israels", wie Regierungschef Benjamin Netanyahu gerne betont.

Mamduh Mohammad, der mit der Linie 1 nach Hause fährt, hätte nichts gegen ein ungeteiltes Jerusalem, nur sollten die Palästinenser dort das Sagen haben. Am liebsten ist er in der Altstadt von Jerusalem, trinkt Kaffee, isst Knafeh, einen sehr gehaltvollen arabischen Käsekuchen, und trifft Freunde. Auch mit seinen jüdischen Kollegen käme er gut aus, sagt er. "Wir arbeiten und essen zusammen, früher haben sie mich sogar manchmal besucht." Inzwischen kämen sie nicht mehr. "Ich weiß nicht, warum das so ist", sagt er. Da seien immer wieder Leute, "die Probleme machen", aber es helfe ja nichts, "wir müssen hier zusammenleben". Er zuckt mit den Schultern, sagt: "Ich weiß nicht", aber am Konflikt trügen die Muslime keine Schuld. An der Haltestelle in Shu’afat schnappt er sich seine drei Plastiktüten und steigt aus. Mit schweren langsamen Schritten schlurft er nach Hause. Das Viertel ist wie Beit Hanina 1967 der Stadt Jerusalem zugeschlagen worden. Die Gegend wirkt am Freitagmittag fast wie ausgestorben.

Dass die Bahn bis nach Shu’afat und Beit Hanina fährt, ist nicht unbedingt ein Geschenk des Rathauses an die palästinensische Bevölkerung. Beide Stadtteile liegen einfach auf dem Weg zur israelischen Siedlung Pisgat Ze’ev. Beit Hanina und Pisgat Ze’ev sind so nah benachbart, dass sich schwer sagen lässt, wo das eine Viertel aufhört und das andere beginnt. Am frühen Freitagnachmittag ist rund um das Einkaufszentrum, das ungefähr in der Mitte der beiden Ortschaften liegt, lebhafter Betrieb. Ohne großes Sicherheitsaufgebot scheint hier die friedliche Koexistenz der beiden Völker gut zu funktionieren. Für die Palästinenser ist das Einkaufszentrum vor allem ein Arbeitsplatz. Küchen- und Putzpersonal ist oft arabisch. An den Haltestellen und vor dem Geldautomaten stehen die Menschen Schlange. Noch fahren Busse und die Straßenbahn, bis der öffentliche Verkehr vor Einbruch der Dunkelheit zum jüdischen Shabbat den Betrieb einstellt.

Rachlam Matwabi ist Palästinenserin, trotzdem wohnt sie in Pisgat Ze’ev. Das allein macht sie schon zur Exotin. Die 23-Jährige spricht akzentfrei Hebräisch, trägt die langen dunklen Haare offen und ist dezent geschminkt. Ihre Eltern, so erklärt sie, hätten sie in einen jüdischen Kindergarten geschickt und auf jüdische Schulen, damit sie später bessere Berufschancen habe. "Meine Freunde gehen zur Armee", lacht sie, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Sie meint ihre jüdischen Freunde. Ob sie sich auch vorstellen könnte, einen Juden zu heiraten? "Bestimmt nicht. Ich bin Muslimin und das werde ich immer bleiben."

Matwabi fährt mit der Straßenbahn von Pisgat Ze’ev stadteinwärts zu ihrer Großmutter in Shu’afat. "Du solltest hier nicht aussteigen", rät sie, als ihre Haltestelle kommt. Der Stadtteil ist einer der Brennpunkte, wenn politische Entwicklungen die Palästinenser zu Protesten auf die Straße rufen. Manchmal habe sie sogar selbst Angst vor politischer Gewalt und Terror, wenn sie von der Uni kommt oder aus dem israelischen Justizministerium, wo sie als studentische Hilfskraft arbeitet. Sie ist für Management, Politologie und Internationale Beziehungen eingeschrieben, und man will ihr glauben, dass sie die drei Fächer parallel meistert. "Ich liebe Jerusalem", sagt sie, nur "die Spannungen zwischen den Völkern sind nervig". Die Stadt sollte einfach allen gehören. "Wir sind doch Cousins, und alles, was Euch heilig ist, ist auch uns heilig." Es könnte so einfach sein, findet sie. "Wenn nur die Politiker nicht wären, dann kämen wir schon lange gut miteinander aus."

Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien im Dezember 2017 in der "taz".

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Susanne Knaul für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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