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20.4.2018 | Von:
Barbara Holland-Cunz

Was ihr zusteht. Kurze Geschichte des Feminismus

Recht auf Wissen und Bildung

Dass auf dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Aufklärung, sowie der Diagnosen de Gouges und Wollstonecrafts die feministischen Anstrengungen zunächst vorrangig dem Erwerb von Wissen, Bildung, Erziehung und Ausbildung gelten, kann nicht überraschen. Wollstonecraft versucht sich selbst in koedukativer öffentlicher Schulgründung und -bildung; prominente Aktivistinnen der Hochzeit der deutschen Frauenbewegung wie Helene Lange (1848–1930) bilden Lehrerinnen aus und weiter und demokratisieren das eigene Wissen für andere Frauen. Der Kampf ums Frauenstudium wird gleichfalls geführt.

In den politischen Bildungskämpfen des 19. und teilweise auch noch des 20. Jahrhunderts steckt die tief verwurzelte Überzeugung von einem weiblichen Menschen, der/die weder von den biologischen noch den sozialen Anlagen her anderen unterlegen ist. Der Anspruch, dass eine Erziehung zur Vernunft das Recht und die Fähigkeit jedes menschlichen Wesens sind, wird zur Grundvoraussetzung der Würde von Frauen, denen die tradierten Geschlechterbilder des 18. und 19. Jahrhunderts bekanntlich Rationalität, Wissenschaftsverständnis und öffentliches politisches Wirken absprechen. Patriarchale Herrschaft meint hier, dass Wissen und Bildung vorenthalten werden und Frauen sich damit abfinden.

Viele Denkerinnen des 19. Jahrhunderts sind keine Gleichheitstheoretikerinnen. Trotz des Bestehens auf Wissen, Bildung und Erziehung zur Vernunft unterstellen viele von ihnen, dass Frauen gleichsam anders denken und fühlen und gerade dies ihren besonderen Beitrag zum Denken und Fühlen der Menschheit darstellt. Der differenzfeministische Tugenddiskurs des 19. Jahrhunderts besteht ausdrücklich darauf, dass in der grundlegenden Andersartigkeit von Frauen gesellschaftliche Zukunftsmöglichkeiten liegen.

Es ist deshalb erkenntnistheoretisch logisch, dass das feministische Verhältnis zu Wissenschaft und bildungspolitischem Fortschrittsversprechen nicht allein von Aufklärungsemphase geprägt ist. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts warnen konservative Feministinnen wie Gertrud Bäumer (1873–1954) in fortschrittskritischer Diktion vor der Moderne und setzen ihr Mütterlichkeit, Häuslichkeit, Lebens-, Natur- und völkische Gattungsrettung entgegen.

Das Motiv der Wissenschaftskritik wird dann erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts im Zusammenspiel von Frauen- und Ökologiebewegung wieder dominant, wenn Kritikerinnen einer patriarchalen, kapitalistischen, menschen- und naturzerstörerischen (Natur-)Wissenschaft wie Carolyn Merchant (*1936), Evelyn Fox Keller (*1936), Sandra Harding (*1935) und Donna Haraway (*1944) den Konnex zwischen sozial männlicher Forschung und ihrer Gefährlichkeit für das globale Überleben analysieren. Besonders profiliert und prominent sprechen dazu Theoretikerinnen des Globalen Südens wie Vandana Shiva (*1952), Wangari Maathai (1940–2011) und Bina Agarwal (*1951), die Wissenschafts-, Kapitalismus- und Patriarchatskritik mit einer fundamentalen Analyse des Kolonialismus verbinden.

Im Rückblick auf 230 Jahre Bildungskämpfe lässt sich die These wagen, dass Feministinnen hier politisch gut vorangekommen sind. Selbst die Vereinten Nationen erkennen heute an, dass Menschheitsbedrohungen wie die Klimakrise ohne Bildung für Mädchen und Frauen nicht gelöst werden können. Und doch sind weltweit noch immer fast zwei Drittel aller AnalphabetInnen Frauen. Politiktheoretisch betrachtet ist es ein weiter Weg von der Beanspruchung der Vernunft zur Kritik der Vernunft. Auf dem wissens- und bildungspolitischen Themenfeld liegt der Startpunkt beim öffentlichen Anspruch auf die Würde der Vernunft und der aktuelle Stand bei kontroversen Debatten um postmoderne oder ökofeministische Vernunft- und Wissenschaftskritiken.

Recht auf Arbeit und (gleichen) Lohn

Es dauert nicht lange, bis die feministische Bildungsprogrammatik in die direkt anschließenden Forderungen nach sinnvoller Tätigkeit und eigenständigem Lohn weiterentwickelt wird. Nicht nur Bildung, auch sinnvolle Arbeit verleiht Würde. Noch vor Marx und Engels und dem Erstarken der Arbeiterbewegung befasst sich Flora Tristan (1803–1844) mit dem Recht auf Arbeit und ihrer Organisierung. Auch in den Kontexten des utopischen Sozialismus und der 1848er-Revolutionen arbeiten feministisch orientierte Frauen. Die Kämpfe um Arbeit sind im 19. Jahrhundert endemisch. Ausgelöst durch die katastrophalen Folgen von Industrialisierung und wissenschaftlich-technischem Fortschritt prägen Massenarmut, Ausbeutung und soziale Verelendung das Leben vieler. Zur Frauenfrage tritt die Arbeiterfrage, die Frauenbewegung streitet mit der Arbeiterbewegung. Bedeutende Kämpferinnen wie die Kommunistin Clara Zetkin (1857–1933) und die Sozialdemokratin Lily Braun (1865–1916) plädieren für Gleichheit in Löhnen und außerhäuslichen Beschäftigungsmöglichkeiten und verdeutlichen den Wert von häuslichen und außerhäuslichen Tätigkeiten für Familie und Gesellschaft. Arbeit und eigenständiger Unterhalt schaffen individuelle Würde und mehren das gesellschaftliche Wohl. Patriarchale Herrschaft meint hier, dass Arbeit und Unterhalt vorenthalten werden und Frauen sich mit häuslichen Tätigkeiten zufriedengeben.

Im Einklang mit fortschrittlichen Denkern der Arbeiterbewegung wie August Bebel (1840–1913) imaginiert vor allem der sozialistische Flügel des Feminismus die Utopie einer Vergesellschaftung der Haus-, Familien- und Erziehungsarbeit, um Frauen auf Dauer den Zugang zum Öffentlichen zu gewährleisten. Dass dies zu politischen Konflikten mit "bürgerlichen" Feministinnen führt, die die weibliche "Andersartigkeit" und "Besonderheit" politisieren, versteht sich von selbst. Die Idee einer Vergesellschaftung der Reproduktion ist bis heute uneingelöste Utopie.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erobern sich Frauen den Zugang zu immer mehr (vereinzelt auch akademischen) Berufen, doch bleiben alle berufstätigen Frauen überall auf der Welt für die privaten Versorgungsarbeiten verantwortlich. Die feministische Theorie befasst sich deshalb bis heute mit folgenden Fragen: der ungleichen Bewertung und (Nicht-)Bezahlung häuslicher Arbeit sowie der ungerechten Bewertung und (Nicht-)Anerkennung sorgender Tätigkeiten (care). Auf dem arbeits- und lohnpolitischen Themenfeld liegt der Startpunkt beim Anspruch auf die Würde einer sinnvollen, finanziell absichernden Tätigkeit und die aktuelle Forderung beim Anspruch auf Anerkennung und Gleichverteilung von Sorgearbeit als gesellschaftliche Tätigkeit, die im naturzerstörerischen, kapitalistisch-patriarchalen 21. Jahrhundert dringend gebraucht wird. Die alte Forderung nach Lohngleichheit bleibt akut, alte und neue Formen der Ausbeutung bis hin zur SklavInnenarbeit sind auf dem Vormarsch.

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Autor: Barbara Holland-Cunz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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