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20.4.2018 | Von:
Barbara Holland-Cunz

Was ihr zusteht. Kurze Geschichte des Feminismus

Recht auf politische Teilhabe

Mit dem sozialdemokratischen und kommunistischen, aber auch dem sogenannten radikalen Flügel der Alten Frauenbewegung vieler Länder wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das feministisch entscheidende Thema ganz vorn auf die Agenda platziert: das Frauenstimmrecht. Während die politischen Erfahrungen europäischer und nordamerikanischer Feministinnen sich bis dato auf unkonventionelle Partizipationsformen beschränken, legen die Kämpfe um Bildung und Arbeit nahe, für konventionelle Teilhabe zu streiten: aktives und passives Wahlrecht, nationale Repräsentation, Parteimitgliedschaft und -engagement, politische Forderungen aus dem sozial weiblichen Lebenszusammenhang. Weil die geschwisterlich gleiche Bürgerin mittlerweile gebildet und vernünftig ist sowie einer für Familie und Gemeinwohl sinnvollen Tätigkeit nachgeht, erwirbt sie sich zwingend das Recht auf politische Teilhabe. Patriarchale Herrschaft meint hier, dass das vornehmste demokratische Recht aus Machtanmaßung vorenthalten wird und Frauen lange nicht laut genug dafür streiten.

Keine andere deutschsprachige Theoretikerin des 19. Jahrhunderts hat überzeugender für das Frauenstimmrecht argumentiert als Hedwig Dohm (1831–1919).[9] Auch sie zeigt sich als scharfe Kritikerin des verlogenen, eitlen, ausbeuterischen, sexistischen männlichen und des heuchlerischen eigenen Geschlechts und damit als eine Meisterin des komplexen doppelten Motivs patriarchaler Herrschaftsanalyse. Dohm ist überzeugt: "Wahrhaftigkeit wohnt nur in den Seelen freier Menschen",[10] und ergänzt: "Wenn nur eine einzige Frau das Stimmrecht fordert, so ist es Gewaltthat, sie an der Ausübung ihrer bürgerlichen Pflicht zu hindern."[11] Frauen fordern das Stimmrecht als Recht, sittliche Notwendigkeit, Mittel der Veredelung, Gerechtigkeit und Demokratie.[12] In der Realgeschichte gebührt freilich das höchste Lob den englischen Suffragetten, diesen unerschrockenen, radikalen Kämpferinnen, die sich nicht scheuen, sich ausgesprochen ungehöriger, zugleich medial höchst wirksamer Mittel zu bedienen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.[13]

Dass Frauen in Deutschland dieses Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erringung des aktiven Wahlrechts noch immer nicht mit substanzieller Gleichheit (nicht nur) in Bezug auf das passive Wahlrecht verbunden ist. Der Deutsche Bundestag hat 2017 einen eklatanten Rückschritt von 37 auf knapp 31 Prozent Frauenanteil vollzogen; und Frauen kommen seltener über Direktmandate ins Hohe Haus. Die Hürden in parteiinternen Rekrutierungsverfahren, die benachteiligenden Grenzen von Mehrheitswahlsystemen, die Abwehr gegen Quotenmodelle (ob Gesetzesquoten, freiwillige Parteiquoten oder garantierte Sitze), die "andere" mediale Präsentation von Politikerinnen variieren zwar von Land zu Land, doch verhindern all diese Hürden fast überall eine die Bevölkerung angemessen widerspiegelnde Zusammensetzung der Legislative, wie sie Anne Phillips (*1950) für einzig demokratisch legitim hält.[14] Während sich Feministinnen des 19. Jahrhunderts wünschen, dass Frauen ein "weibliches" Element in die politische Öffentlichkeit tragen, verabschieden sich Demokratietheoretikerinnen im 21. Jahrhundert vom Differenzfeminismus und plädieren, wie Seyla Benhabib (*1950), Nancy Fraser (*1947) oder Martha Nussbaum (*1947), für Pluralität und inklusive BürgerInnenschaft. Sie wissen, dass quantitative Gleichheit keine qualitative Gerechtigkeit erzeugt; doch selbst die numerische Gleichheit steht weltweit aus.

Auf dem Themenfeld politische Teilhabe liegt der Startpunkt beim Anspruch auf formale demokratische Inklusion und der aktuelle Stand bei der Forderung nach emphatischer Anerkennung aller differenten Personen als freie und gleiche BürgerInnen. Derzeit fordern Feministinnen Paritätsgesetze nach französischem Vorbild, weil nur noch Gesetzesquoten schnell und effektiv gleiche Teilhabe herbeiführen können.

Freiheit von Gewalt

Olympe de Gouges bezahlt ihre mutige Proklamation mit dem Leben, Judith Butler (*1956) denkt momentan über Bündnispolitiken unter dem Zeichen lebensbedrohender Prekarität nach. Bis heute erleiden und bekämpfen Frauen Gewalt in unzähligen Formen (der theoretischen Sortierung Johan Galtungs (*1930) folgend): als sexualisierte und körperliche personale Gewalt, als die strukturelle Gewalt gesellschaftlicher Ungleichheiten, als kulturelle Gewalt im Sinne subtiler Verankerungen von Abhängigkeit. Die Kritik der Ehe als Ort der Entmündigung und Körperverletzung gehört im Feminismus des 19. Jahrhunderts zu den bekannten Topoi; Frauen empören sich über ihre Situation als Eigentum von Vätern und Ehemännern. Im Feminismus der Neuen Frauenbewegung stammt eine der ersten und schärfsten Analysen von Kate Millett (1934–2017), die die Gewalt der Sexualpolitik bereits 1970 ausführlich beschreibt. Susan Brownmiller (*1935) analysiert früh das Verbrechen Vergewaltigung, Andrea Dworkin (1946–2005) die Pornografie. Weltweit bekämpfen Frauen-NGOs heute auch Genitalverstümmelung, sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Jungen, (Zwangs-)Prostitution, Frauenmorde als "Ehrverbrechen", Totalverhüllung, Sextourismus, Frauenhandel, Versklavung.

Bekanntlich wird Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 zum Straftatbestand; noch einmal fast 20 Jahre braucht die strafrechtliche Verankerung des Prinzips "Nein heißt nein". 2017 schließlich wird in die Geschichte des Feminismus als jenes Jahr eingehen, in dem (zunächst vor allem prominente) Frauen ihre erschütternden Erfahrungen mit Belästigung und sexualisierter Gewalt einer globalen Öffentlichkeit offenbaren und damit dokumentieren, dass die vermeintliche Gleichheit nur die interessierte Leugnung von alltäglich fortbestehender Gewalt darstellt. Wie Young verdeutlicht: Unter anderem über Gewalt(androhung) wird Herrschaft permanent (re)produziert. Im Themenfeld Gewalt ist das zentrale Doppelmotiv nicht gültig; Zustimmung ist suspendiert, Empörung leitet Theorie und Politik seit 230 Jahren an.

Während "private" Formen personaler Gewalt seit Anbeginn des modernen Feminismus regelmäßig thematisiert werden, kommen "öffentliche" Formen personaler Gewalt vor allem im Kontext pazifistischer und antinationalistischer Strömungen ab dem Ersten Weltkrieg und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezogen auf kollektive Gewaltexzesse zur Sprache: seien es die Massenvergewaltigungen in sämtlichen Kriegen, rassistische Vertreibungen ("ethnische Säuberungen") oder Genozide. Hier ist personale Gewalt bezogen (nicht nur) auf Frauen meist sexualisierte Gewalt.

Auch wenn körperliche Unversehrtheit hier erst als viertes genannt wird, bedeutet das keinesfalls, dass sie einen nachrangigen Anspruch darstellt. Im Gegenteil spannt feministische Gewaltkritik einen zentralen Bogen von den Anfängen bis heute: von de Gouges’ Proklamation bis zur aktuellen Sexismus-Debatte.

Fußnoten

9.
Siehe dazu auch den Beitrag von Susanne Maurer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Hedwig Dohm, Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen, Neunkirch 1986 (1876), S. 46.
11.
Ebd., S. 111.
12.
Ebd., S. 159f., S. 163, S. 168.
13.
Vgl. Karl (Anm. 8), S. 61–78.
14.
Vgl. Anne Phillips, Geschlecht und Demokratie, Hamburg 1995 (1991).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Barbara Holland-Cunz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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