Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Imke Schmincke

Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt." So lautet Artikel 3, Absatz 2 Grundgesetz, seit 1994 ergänzt um den Satz, dass es die Aufgabe des Staates sei, an dieser Gleichberechtigung mitzuwirken. In vielerlei Hinsicht sind Männer und Frauen heute gleichberechtigt: Seit 100 Jahren haben Frauen das Wahlrecht, seit gut 40 Jahren dürfen sie ein eigenes Konto eröffnen, seit zwei Jahren können sie sich gegen sexuelle Belästigung mit körperlicher Berührung auch juristisch zur Wehr setzen. In mancherlei Hinsicht jedoch sind sie es (noch) nicht: sexualisierte Gewalt, Gender Pay Gap, weibliche Altersarmut und viele Dinge mehr zeigen, dass Frauen strukturell eher mit Nachteilen rechnen müssen. Der Kampf um Gleichberechtigung ist eine lange und noch nicht abgeschlossene Geschichte und Gegenstand zahlreicher, auch widersprüchlicher Auseinandersetzungen: Ende Juni 2017 wurde die "Ehe für alle" und damit die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften im Bundestag beschlossen, im Herbst 2017 erschütterte die Debatte um #MeToo die Machtverhältnisse in Kultur, Medien und Politik in vielen Ländern dieser Welt und machte deutlich, dass sexualisierte Belästigung eine massive Grenzverletzung darstellt. Parallel dazu lässt sich in vielen Ländern ein neuer Antifeminismus beobachten, der sich den Kampf gegen "Gender" auf die Fahnen geschrieben hat.

Seit Frauen Gleichheit einfordern, gibt es mehr oder weniger organisierte Widerstände dagegen. Beide – Forderung nach Gleichheit und Widerstand dagegen – sind als moderne Phänomene zu verstehen. Die mit der Moderne verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen, seien sie technischer, sozioökonomischer oder politischer Natur – Stichworte: Industrialisierung, Urbanisierung, Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie – hatten zur Voraussetzung und verstärkten ein Aufbrechen traditioneller Strukturen, Werte und Bindungen. Dieses Aufbrechen ermöglichte einerseits Freiheiten, löste andererseits auch Ängste aus. Moderne bedeutet daher einerseits Freiheits- und Gleichheitsversprechen, andererseits Individualisierung, Vereinzelung und Verelendung und den Verlust von alten Ordnungsvorstellungen, die bestimmte Gruppen privilegierten und anderen Partizipationsmöglichkeiten vorenthielten. Die Widerstände gegen Emanzipationsversprechen speisen sich daher aus der Angst vor dem Verlust (auch und gerade von Privilegien) wie auch aus dem Unbehagen angesichts der nur widerspruchsvollen Einlösung dieser Versprechen.

Widerstände gegen Emanzipationsbewegungen werden mit verschiedenen Begriffen beschrieben: Frauenfeindlichkeit, Misogynie, Sexismus, Antifeminismus und Antigenderismus. Während Misogynie, Frauenhass und Frauenfeindlichkeit sowie Sexismus häufig synonym verwendet werden, lassen sich am ehesten der Begriff des Antifeminismus und der des Antigenderismus davon abgrenzen. Im Sinne der Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk und der Historikerin Ute Planert sollen mit Antifeminismus primär Einstellungen und Verhaltensweisen bezeichnet werden, die sich gegen die Frauenbewegung respektive den Feminismus und dessen Errungenschaften richten. Schenk begründet diese Unterscheidung wie folgt: "Es erscheint sinnvoll, zwischen ‚Frauenfeindlichkeit‘ im allgemeinen und ‚Antifeminismus‘ im engeren Sinn zu trennen, obwohl beide Phänomene gelegentlich ineinander übergehen. Frauenfeindlichkeit hat es, lange vor dem Auftreten einer Frauenbewegung, immer wieder gegeben; sie bildet einen festen Bestandteil abendländischer Kultur. Unter ‚Antifeminismus‘ soll hier nur Frauenfeindlichkeit verstanden werden, die direkt als Reaktion auf die Frauenbewegung, als Widerstand gegen deren tatsächliche oder vermeintliche Ziele anzusehen ist."[1] Antigenderismus verstehe ich als aktuelle Variante des Antifeminismus.

Im Folgenden erläutere ich die Begriffe näher. Die vorgenommene Trennung ist als analytische zu verstehen, in der Realität lassen sich die Phänomene nicht so scharf voneinander abgrenzen: So ist beispielsweise eine misogyne Haltung häufig die Voraussetzung von antifeministischen Aktionen beziehungsweise drückt sich in diesen aus.

Fußnoten

1.
Herrad Schenk, Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1980, S. 163. Vgl. Ute Planert, Antifeminismus im Kaiserreich, Göttingen 1998, S. 12.
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Autor: Imke Schmincke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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