Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Thomas Gesterkamp

Männerpolitik und (Anti-)Feminismus

Keine Erbschuld

Der "emanzipatorisch kräftigende" oder "kritische" Ansatz, wie ihn Markus Theunert in seiner Einführung eines grundlegenden Sammelbands nennt, versteht Männerpolitik und Frauenpolitik als "gleichwertige Pfeiler einer modernen Gleichstellungspolitik". Männer und Frauen sind ihm zufolge "sowohl Anwälte resp. Anwältinnen ihrer eigenen Perspektiven und Anliegen wie auch Verbündete im Hinblick auf die Gestaltung eines lebenswerten Ganzen".[7] Von persönlichen Erfahrungen ausgehend sollen neben den unbestrittenen Privilegien der männlichen Rolle auch deren Nachteile thematisiert werden. Wesentliche Aspekte sind dabei zum Beispiel die geringere Lebenserwartung, die Schwierigkeiten mancher (nicht aller) Jungen im Bildungssystem, die (nicht immer selbst gewählte) familiäre Randständigkeit von Vätern oder die hohe männliche Suizidrate.

Die Männerbewegung – wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will – war einst beeinflusst von der These, es gebe eine männliche "Erbschuld" qua Geschlecht. Nach dieser Lesart sind alle Männer unabhängig von ihrer Lebenslage mitverantwortliche Profiteure der Frauenunterdrückung. Die australische Geschlechterforscherin Raewyn Connell prägte die Formel von der "hegemonialen Männlichkeit": Danach nehmen Männer eine "vergoldete" Rolle ein, sind Nutznießer einer "patriarchalen Dividende": Sie haben es in beruflichen wie privaten Situationen leichter als Frauen, weil sie sich auf unsichtbare Vorteile in der Gesellschaft stützen können.[8]

Die Analyse der geschlechtsspezifischen Privilegierung führte zu einer demütigen Haltung männlicher Aktivisten gegenüber der Frauenbewegung. Symptomatisch war ein Satz, der in den 1980er Jahren jeden Band der Reihe "rororo mann" im Rowohlt Verlag einleitete. Ursprünglich stammt das Zitat aus dem Buch "Der Untergang des Mannes" des damals viel gelesenen Autors Volker Elis Pilgrim, es lautet: "Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot."[9] Mit diesem verbalen Kniefall sprachen männliche "Antisexisten" sich selbst und ihren Geschlechtsgenossen wichtige menschliche Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Beziehungskompetenz pauschal ab. Die unkritische Übernahme einer diffamierenden Extremposition war schon damals falsch und überflüssig – und ist es heute mehr denn je.

Erziehungsprogramm

Auf den Mottospruch wurde in der Männerliteratur bald verzichtet, die allzu saloppen Selbstbezichtigungen aber sind nicht völlig verschwunden. Der US-amerikanische Männerforscher Michael Kimmel, ein bekennender Profeminist, veröffentlichte 2011 etwa "The guy’s guide to feminism".[10] Der griffige Titel beruht auf einer gezielten Vermarktungsstrategie; der Geschlechterdialog wird aber auch als Erziehungsprogramm interpretiert: Männer sollen an den Feminismus herangeführt werden – Frauen haben eine Veränderung in Wahrnehmung und Verhalten offenbar nicht nötig. Ein Buch mit der Umkehrung "The woman’s guide to masculism" ist kaum vorstellbar – zumal die Begriffe "Maskulismus" oder "Maskulinismus" (letzteres ist im Deutschen grammatikalisch korrekt) durch konfrontative Männerrechtler diskreditiert sind.

In den vergangenen Jahren sind die antifeministischen Stimmen in der geschlechterpolitischen Debatte lauter geworden. Rechtskonservative und christliche Fundamentalisten propagieren die Rückkehr zu alten Rollenbildern. Gegen alles, was mit dem Reizwort "Gender" zu tun hat, wird ein regelrechter Kulturkampf geführt. Anfangs überwiegend Selbstbestätigung in den Filterblasen der eigenen Online-Foren, finden solche Gedanken in der AfD mittlerweile eine programmatische Basis und eine parlamentarische Bühne. In dieser veränderten Konstellation sollte sich eine unabhängige Männerpolitik jenseits von Feminismus und Antifeminismus verorten. Das Wort "jenseits" impliziert dabei keineswegs gleiche Distanz in beide Richtungen: Die meisten emanzipatorisch orientierten Männer dürften Feministinnen erheblich näher stehen als deren Gegnern.[11]

Wenn Frauenpolitik alle Männer für privilegiert, die eigene Zielgruppe aber für stets benachteiligt und daher förderungswürdig hält, macht sie sich angreifbar. Auch die Gleichstellungsberichte der Bundesregierung behandeln Diskriminierung fast ausschließlich aus weiblicher Perspektive. In der Kurzfassung des Gutachtens zum 2017 vorgelegten zweiten Bericht dieser Art gibt es immerhin ein eigenes Themenblatt zu "Männer und Gleichstellung". Darin betont die (gemischtgeschlechtlich besetzte) Sachverständigenkommission, "dass gleiche Verwirklichungschancen für Frauen und Männer nur erreicht werden können, wenn auch Strukturen erkannt und beseitigt werden, die Männer aufgrund des Geschlechtes an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe hindern". Die Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Politikberatung erwähnen als Beispiel die überlangen Arbeitszeiten, das wachsende Engagement von Männern als Väter und bei der Pflege von Angehörigen sowie die besonderen Schwierigkeiten der überwiegend männlichen Geflüchteten.[12]

Das Gutachten listet zahlreiche "Gender Gaps" auf: Vom Gender Pay Gap ist die Rede, ebenso vom Gender Lifetime Earnings Gap, vom Gender Pension Gap oder vom Gender Time Gap. Zu Deutsch: Überall tut sich ein Gefälle, eine Kluft zwischen den Geschlechtern auf – zulasten der Frauen. Sie verdienen im Durchschnitt 21 Prozent weniger (im öffentlichen Dienst beträgt der Unterschied immerhin nur 6 Prozent).[13] Ihr Gesamteinkommen im Lebensverlauf ist sogar um 49 Prozent niedriger, und sie haben um 53 Prozent geringere eigene Rentenansprüche.[14] Und ihre bezahlte Wochenarbeitszeit ist um 8,2 Stunden kürzer, ebenfalls eine Lücke von 21 Prozent.[15]

Fußnoten

7.
Markus Theunert (Hrsg.), Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht, Wiesbaden 2012, S. 53.
8.
Raewyn (vorm. Robert) Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 2000, S. 97.
9.
Volker Elis Pilgrim, Der Untergang des Mannes, München 1973.
10.
Michael Kimmel, The Guy’s Guide to Feminism, New York 2011.
11.
Vgl. Thomas Gesterkamp, Jenseits von Feminismus und Antifeminismus. Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik, Wiesbaden 2014.
12.
Vgl. Gutachten der Sachverständigenkommission für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung: Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten, Themenblatt 6: Männer und Gleichstellung, Berlin 2017.
13.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Berlin 2017, S. 94, S. 130.
14.
Vgl. ebd., S. 94f.
15.
Vgl. ebd., S. 95.
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Autor: Thomas Gesterkamp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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