Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Thomas Gesterkamp

Männerpolitik und (Anti-)Feminismus

Erwerbsarbeit und Sorge

Diesen Gender Time Gap könnte man nicht als Nachteil, sondern auch als zeitsouveränes Privileg interpretieren – wäre es immer frei gewählt und käme dazu nicht die unbezahlte private Sorgearbeit, die die Expertise ausführlich herausstellt. Der Gender Care Gap beträgt 52 Prozent, bei Paaren mit Kindern 83,3 Prozent.[16] Hier gibt es die größte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen leisten erheblich mehr als Männer im Haushalt, kümmern sich um Kinder und bedürftige Familienmitglieder.

Der Zweite Gleichstellungsbericht setzt wie sein Vorgänger aus dem Jahr 2011 den Schwerpunkt auf die Erwerbsarbeit, auf die daraus abgeleiteten sozialpolitischen Ansprüche sowie auf das Steuer-, Ehe- und Familienrecht. Diese "konturierte" Betrachtungsweise der Kommission hat Stärken, weil die fortbestehenden Benachteiligungen von Frauen in zentralen Bereichen herausgearbeitet werden. Die Schwäche liegt darin, dass andere Politikfelder kaum vorkommen. Ausgerechnet dort aber sind die Gaps, die Differenzen zwischen den Geschlechtern, längst nicht so eindeutig. Teilweise liegen die Schattenseiten eher bei den Männern.

Hilfreich ist daher eine Wortkreation, die nicht in dem Bericht auftaucht, aber eigentlich in ihn hinein gehören würde: der Gender Life Expectation Gap. Die Lebenserwartung von Männern in Deutschland ist im Schnitt über fünf Jahre kürzer als die von Frauen. In der Nachkriegszeit lag diese Differenz bei acht Jahren, in Teilen Osteuropas beträgt das Gefälle nach wie vor bis zu 15 Jahre. Die Klosterstudie des Demografen Marc Luy, der die vergleichbaren Biografien von Nonnen und Mönchen untersucht hat, ergibt einen biologisch bedingten Geschlechterunterschied von nur einem Jahr.[17] Alles andere ist soziale Konstruktion, hat mit der Art zu tun, wie Männer leben, arbeiten und mit ihrem Körper umgehen. Sie gehen seltener zum Arzt, haben körperlich ruinöse Jobs in der Industrie und auch in prekären Dienstleistungen; sie ernähren sich ungesünder, rauchen und trinken mehr als Frauen. Männer weinen heimlich, Männer kriegen ’nen Herzinfarkt, hat der Sänger Herbert Grönemeyer das Phänomen knapp zusammengefasst.

Nachrangige Männergesundheit

Männer hatten in der Gesundheitspolitik lange keine Lobby. Die Krankenkassen setzten klare Prioritäten: Die Vorsorge gegen Brustkrebs und die regelmäßige gynäkologische Kontrolle waren besonders unterstützenswert, galten sie doch als entscheidend für die biologische Reproduktionsfähigkeit der Gesellschaft. Schon in den 1970er Jahren entstand zudem im Umfeld der Auseinandersetzungen um den Abtreibungsparagrafen 218 eine Frauengesundheitsbewegung. Die Aktivistinnen skandalisierten zu Recht, dass Testreihen zu neuen Medikamenten bisweilen nur mit männlichen Probanden vorgenommen wurden. Sie verwiesen auf die Geschlechterblindheit der zu dieser Zeit noch überwiegend männlichen Ärzteschaft, die spezifisch weibliche Symptomatiken ignorierte. So unterscheiden sich beispielsweise die Anzeichen von Herz- und Kreislauferkrankungen nach Geschlecht: Männer spüren typische Lehrbuch-Anzeichen wie Engegefühl und Stechen in der Brust, Frauen klagen eher über Schlafstörungen und Übelkeit – mit der Gefahr, dass ein möglicher Infarkt zu spät erkannt wird.

Weibliche Initiativen haben dafür gesorgt, dass sich der geschlechtsspezifische Blick auf die Medizin schärfte. Früh entstanden Selbsthilfezentren und Ansätze einer Gesundheitsberichterstattung über Frauen, die bald auch von öffentlichen Institutionen gefördert wurde. Dem stand, abgesehen von einzelnen Selbsthilfegruppen wie der Aids-Hilfe, zunächst kein männliches Pendant gegenüber – weder als Männergesundheitsbewegung noch in Form einer auf sie ausgerichteten Berichtskultur. Um die Faktoren, die Männer krank machen, kümmerten sich weder Politik noch Wissenschaft in ausreichendem Maße, weil zu wenig Druck ausgeübt wurde. Erst nach der Jahrtausendwende verstärkten sich die Forderungen nach einer geschlechtsspezifischen Prävention auch für Männer. Es dauerte dann aber noch bis 2014, ehe das Robert-Koch-Institut eine umfangreiche Studie zur "Gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland" vorlegte und so staatlich unterstützt männliche Probleme und Versorgungsengpässe sichtbar machte.[18]

Schon zuvor hatte es eine erste Expertise zur Männergesundheit gegeben. Auftraggeber war bezeichnenderweise aber nicht die Bundesregierung, sondern eine private Krankenversicherung. Die DKV kooperierte 2010 mit zwei Stiftungen und dem Gesundheitswissenschaftler Matthias Stiehler als Herausgeber.[19] Sie ließ die Abrechnungsdaten von über 400.000 Patienten auswerten. Wichtige Ergebnisse waren unter anderem: Männer tragen ein höheres Risiko bei Schlaganfall und Herzinfarkt, sie sind häufiger übergewichtig und alkoholkrank, sie stellen drei Viertel der Verkehrstoten.

Viele Männer betrachten ihren Körper als eine Maschine, die nur repariert werden muss, wenn sie überhaupt nicht mehr funktioniert. Sie missachten selbst massive Warnsignale. Nach der Maxime "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" vermeiden sie medizinische Vorsorgeangebote. Allerdings liegen auch die Zugangsschwellen höher: Für Mammografien zum Beispiel werden Frauen gezielt angeschrieben, die Kosten von den Kassen übernommen. Wollen sich Männer gegen Prostatakrebs schützen, müssen sie die entsprechenden Untersuchungen meist aus eigener Tasche bezahlen – es sei denn, sie nutzen die unentgeltlichen PSA-Tests auf Männergesundheitstagen oder ähnlichen Veranstaltungen.

Fußnoten

16.
Vgl. ebd., S. 95f.
17.
Vgl. Marc Luy, Warum Frauen länger leben. Erkenntnisse aus einem Vergleich von Kloster- und Allgemeinbevölkerung, Wiesbaden 2002.
18.
Vgl. Robert-Koch-Institut, Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland, Berlin 2014.
19.
Matthias Stiehler (Hrsg.), Erster Deutscher Männergesundheitsbericht, München 2010.
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Autor: Thomas Gesterkamp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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