Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Thomas Gesterkamp

Männerpolitik und (Anti-)Feminismus

Toxische Männlichkeit

Dass Männer früher als Frauen sterben, ist schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt, als erstmals geschlechtsspezifische Mortalitätsstatistiken erstellt wurden. Das ist aber eben kein Naturgesetz, sondern auf krank machende gesellschaftliche Bedingungen, historische Geschlechternormen und das ihnen zugeschriebene Rollenkorsett zurückzuführen. Diese Erkenntnis müsste eigentlich einen gewichtigen Stellenwert haben in einem Bericht zur Gleichstellung der Geschlechter, der die "Lebensverlaufsperspektive" zum zentralen Konzept erklärt. Dem ist aber nicht so.

Die Liste der Wortkreationen, die unbehandelte Lücken bezeichnen, lässt sich ergänzen: um den Gender Suicide Gap, die dreimal höhere männliche Selbstmordrate. Oder um den Gender Homeless Gap: Mehr Männer als Frauen sind obdachlos, mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Sie sind auch die Leidtragenden des Gender Work Accident Gap, verunglücken häufiger am Arbeitsplatz, weil sie dort gefährliche Tätigkeiten zugewiesen bekommen oder freiwillig übernehmen. Und der Gender Prison Gap macht darauf aufmerksam, dass über 90 Prozent der Gefängnisinsassen männlich sind.

Ist es ein größeres Privileg, mehr Geld zu verdienen, als länger zu leben? Eine dialogisch orientierte Geschlechterpolitik sollte vermeiden, in eine unproduktive Hitparade der Benachteiligung einzusteigen. In seinem Buch "Boys don’t cry", das er als Reaktion auf den plötzlichen Tod seines Vaters schrieb, weist der britische Autor Jack Urwin auf die Folgen des von ihm als "toxisch" bezeichneten männlichen Verhaltens hin – ohne die Schuld dafür bei den Frauen zu suchen.[20] Die Feministin Laurie Penny lobte "das brillante, persönliche, nicht-einmal-sexistische Buch des Jahrtausends über Männlichkeit und Politik, auf das die Welt gewartet hat".[21]

Dass Anliegen von Männern in der Gleichstellungsberichterstattung jetzt zumindest auftauchen, ist ein Fortschritt – und im Sinne eines Verständnisses, das sie als eigene Akteure anerkennt. Viele geschlechterpolitische Debatten, erst recht in internationalen Netzwerken oder in der Förderungspraxis der Europäischen Union, folgen jedoch weiter der Devise "Gender means women". So ist ein Vakuum entstanden, das Maskulinisten versuchen zu nutzen. Die vor allem in den Echokammern des Internets präsente "antifeministische Männerrechtsbewegung" inszeniert sich als Opfer weiblicher Emanzipation. Sie behauptet, nicht Frauen, sondern Männer seien mittlerweile in nahezu jeder Lebenslage benachteiligt. Ein von der "Gender-Ideologie" geprägter "Umerziehungsstaat" würde sie auf vielfältige Weise diskriminieren.[22]

Die viel beschworene Krise traditioneller Männlichkeit betrifft nur bestimmte soziale Milieus. Vor allem angelernte Industriearbeiter fühlen sich entwertet, sie werden in einer von der Digitalisierung geprägten Ökonomie weniger gebraucht. Im Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft machen Männer Erfahrungen, die Frauen schon immer gemacht haben: Unterbrechungen beruflicher Biografien, schlechte Bezahlung, unsichere Beschäftigung, ein Flickwerk aus befristeten Arbeitsverträgen, nicht immer freiwilliger Teilzeit und Phasen der Erwerbslosigkeit, des erzwungenen Totalausstiegs. Ihrer Rolle als finanzieller Versorger entledigt und auf privater Ebene oft vereinsamt sind die "Angry White Men" besonders anfällig für die einfachen Erklärungen des Rechtspopulismus. Durch die Deindustrialisierung ausgestoßen aus "ihrer" Welt, so Michael Kimmel, machen zornige weiße Männer Feministinnen, Schwarze, Homosexuelle, Politiker oder Richterinnen für den Verlust ihrer Vorrechte verantwortlich.[23]

Fußnoten

20.
Jack Urwin, Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit, Hamburg 2017.
21.
Zit. nach http://www.edition-nautilus.de/programm/Flugschriften/buch-978-3-96054-042-7.html«.
22.
Vgl. hierzu ausführlich Thomas Gesterkamp, Für Männer, aber nicht gegen Frauen, in: APuZ 40/2012, S. 3–10.
23.
Vgl. Michael Kimmel, Angry White Men. American Masculinity at the End of an Era, New York 2013.
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Autor: Thomas Gesterkamp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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