Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Thomas Gesterkamp

Männerpolitik und (Anti-)Feminismus

Augenhöhe

Andere, privilegierte Männer stehen weiterhin an der Spitze der Hierarchien in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Sie pflegen dabei einen charakteristischen beruflichen Habitus: ständige Verfügbarkeit, auch abends, am Wochenende oder auf Reisen; selbstverständliche Bereitschaft zu Überstunden, absolute Priorität für Karriereziele. Private Aufgaben und Verpflichtungen in Erziehung oder Pflege sind nachrangig, sie werden delegiert an fürsorgliche (Ehe-)Partnerinnen oder bezahlte, meist ebenfalls weibliche Bedienstete.

Nicht nur Spitzenmanager, auch andere Beschäftigte müssen sich (teilweise in abgeschwächter Form) nach diesem Verhaltenskodex richten. Im Umgang mit Vorgesetzten sind sie konfrontiert mit "Dinosaurier-Vätern", mit männlichen Führungskräften, die "eine Frau zu Hause" haben und keine Rücksicht auf Familien- oder Freizeitinteressen ihrer Untergebenen nehmen. Wünsche nach Elternpause oder kürzeren Arbeitszeiten werden mit vorgeschobenen Argumenten abgewiesen. Viele Männer treffen dann eine schmerzliche, aber eindeutige Entscheidung zugunsten ihrer Erwerbsarbeit. Die Rolle des Zaungastes in der eigenen Familie nehmen sie als Nachteil in Kauf.

Angesichts solcher, durch äußere Anforderungen verursachten persönlichen Zwangslagen nützt es wenig, Männer als "soziale Idioten" abzuwerten – oder sie, wie einst das feministische Autorinnenpaar Cheryl Benard und Edit Schlaffer in ihrer süffisanten Klageschrift "Viel erlebt und nichts begriffen" als lernunfähige Wesen zu schildern.[24] Auf Augenhöhe debattieren und kooperieren kann man nur mit einem Gegenüber, das nicht ständig mit Vorwürfen überhäuft wird. Es reicht auch nicht, die Vertreter emanzipatorischer Männerpolitik gut gemeint in die Frauenpolitik "einzubeziehen". Das geschlechterpolitische Themenspektrum muss sich dringend erweitern – und die Selbstvertretung männlicher Interessen hat dabei eine eigenständige Legitimation.

In diesem Sinne agiert das 2010 gegründete Bundesforum Männer, das männerpolitische Pendant zum (erheblich länger bestehenden und breiter aufgestellten) Deutschen Frauenrat. Getragen von kirchlichen Männergruppen, Gewerkschaften, Sozialverbänden, Jungenprojekten und Väterinitiativen versteht sich der Zusammenschluss von inzwischen über 30 Organisationen als Lobby, Beratungsinstanz und Sprachrohr. Der Dachverband kritisiert, dass emanzipatorische Männeranliegen in den Parteien auf so wenig Resonanz stoßen. Während der schwierigen Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 gerieten geschlechterpolitische Themen (männer- wie frauenpolitische) erst recht ins Abseits. Das Forum meldete sich daraufhin mit der Stellungnahme "Männerpolitik gehört in den Koalitionsvertrag" zu Wort.

Gefordert wird darin zum Beispiel eine zweiwöchige Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt mit Lohnfortzahlung, eine bedarfsorientierte Familienarbeitszeit mit Rückkehrrecht auf Vollzeit, der Abbau steuer- und sozialrechtlicher Anreize für das traditionelle Ernährermodell sowie verbesserte Rahmenbedingungen für pflegende Angehörige. Zudem müssten "die Voraussetzungen verbessert werden, dass Eltern in Nachtrennungsfamilien weiterhin gemeinsam Verantwortung übernehmen können". Das Forum will "die Position von getrennten Vätern mehr in den Blick" nehmen und das Wechselmodell, die von Juristen so bezeichnete paritätische Doppelresidenz von Trennungskindern, "als eine mögliche Umgangs- und Betreuungsform neben anderen" stärken.[25]

Diese zwar vorsichtige, aber dennoch parteiliche Formulierung ist auch eine Reaktion darauf, dass im Wahlkampf neben der FDP nur die AfD mehr Rechte für Scheidungsväter verlangt hatte. Gerade dieses Thema, ein geschlechterpolitisches Minenfeld, das Antifeministen als Eingangstor und Rekrutierungsfeld nutzen, sollte eine dialogisch orientierte Männerpolitik nicht dem rechten Rand überlassen.

Fußnoten

24.
Cheryl Benard/Edit Schlaffer, Viel erlebt und nichts begriffen. Die Männer und die Frauenbewegung, Reinbek 1986.
25.
Bundesforum Männer, Männerpolitik gehört in den Koalitionsvertrag, Pressemitteilung vom 22.1.2018.
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Autor: Thomas Gesterkamp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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