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15.7.2002 | Von:
Sebastian Braun

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit

Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates

IV. Putnam und Bourdieu - die politische Wirkung zweier Konzepte

Mit einer Definition, die soziales Kapital als wohlfahrtssteigernde soziale und moralische Kompetenz der Gesellschaft begreift, verliert man soziale Ungleichheiten, zu denen soziales Kapital als individuelle Ressource immer beiträgt, leicht aus den Augen. Insofern ist es auch wenig überraschend, dass sich der von Putnams Arbeiten inspirierte politische Diskurs bislang kaum von Problemen der sozialen Ungleichheit provozieren ließ. Mehr noch: Dieser Diskurs hat eine Weltversion erzeugt, der - wie US-amerikanische Sozialwissenschaftler zuletzt mehrfach kritisierten - selbst eine "elitäre Sichtweise" von der sozialen Welt eingeschrieben ist. [22]

Denn für "The strange disappearance of civic America" [23] werden in erster Linie die "non-elite classes" [24] verantwortlich gemacht; und von ihnen wird auch mehr oder weniger explizit gefordert, durch Solidarität, Partizipation und Engagement in der assoziativen Lebenswelt den Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu kompensieren. Diese eindimensionale Sichtweise hat nicht zuletzt durch die Einfachheit an Evidenz gewonnen, mit der Putnam seine einfühlsam ausgebreiteten empirischen Daten auf einen Punkt konzentrierte: auf den Erosionsprozess sozialen Kapitals. Dieser Prozess wurde im politischen Diskurs einem ausufernden abstrakten liberalen Individualismus in modernen Gesellschaften zugeschrieben, der in Verbindung mit der Kulturindustrie den passiven TV-Zuschauer hervorgebracht habe.

Wenig beachtet wurde bislang hingegen jener gesellschaftsstrukturelle Wandel in politischer, ökonomischer und technologischer Hinsicht, der in den letzten Jahrzehnten gerade für die wirtschaftliche Erfolgsstory der USA so bedeutsam war: die Verkündung des Marktes und des Minimalstaates als einzig legitime und lebensfähige Zukunft. Die neokonservative Wende in den USA, die den Menschen massive Veränderungen in ihren Arbeits- und Lebensweisen sowie Vergemeinschaftungsformen zumutete, wurde aber gerade nicht vom einfachen Bürger, sondern von Eliten in Wirtschaft, Politik, Administration und auch Wissenschaft forciert. Dass diese Zusammenhänge in dem an Putnams Arbeiten sich orientierenden politischen Diskurs bisher kaum diskutiert wurden, bezeichnet ein fundamentales Wirklichkeitsdefizit.

Diesem Defizit hat Jean Cohen unlängst eine explizit politische Stoßrichtung verliehen. [25] Demnach spielt dieser Diskurs all jenen in die Hände, die an zweierlei interessiert sind: einerseits daran, traditionelle und autoritäre Formen der Bürgergesellschaft (einschließlich des "klassischen" Familienmodells) wieder zu beleben anstatt eine weitere Demokratisierung zu forcieren; und andererseits daran, die Institutionen des Wohlfahrtsstaates sukzessive zu zerschlagen, anstatt sie reflexiv zu modernisieren. "Wer diesen Angriff nicht zu erkennen und zu analysieren bereit ist", so argumentiert David Held in einem ähnlichen Zusammenhang, "ignoriert eine der größten Gefahrenquellen für die Freiheit in der gegenwärtigen Welt - die enorm angewachsene Ungleichheit." [26]

Genau diese Ungleichheiten, die aus dem Wandel gesellschaftsstruktureller Rahmenbedingungen re-sultieren, hat Bourdieu immer wieder ins Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeiten und zuletzt vor allem seines politischen Engagements gestellt. Exemplarisch dafür ist seine Untersuchung über "Das Elend der Welt", in der es nicht nur um eine Kritik an den ökonomischen Ungleichheiten zwischen "Modernisierungsgewinnern" und "Mo-dernisierungsverlierern" geht. [27] Vielmehr wird anhand ausführlicher Interviews gezeigt, was Modernisierung für all jene bedeutet, die als Jugendliche chancenlos, als Facharbeiter überflüssig, als Landwirte ohne Erben, als Einzelhändler ohne Markt sind oder als Sozialarbeiter und Therapeuten in sozialen Brennpunkten vergeblich mit unmotivierten Jugendlichen arbeiten.

Diese Studie, die zum Bestseller in Frankreich avancierte, hat ihren politischen Sprengstoff vor allem darin, dass die Lebensgeschichte jedes Befragten "die Kluft zwischen Sorgen und Nöten des ‘Volkes‘ und dem hiervon völlig abgehobenen und dadurch zynischen Diskurs der ‘Volksvertreter‘ in ihrem ganzen, unüberbrückbar und unversöhnlich wirkenden Ausmaß zu Bewusstsein bringt und dadurch in eine offene gesellschaftliche Wunde unserer Zeit stößt" [28] . Denn in ihrer Zusammenschau verdichten sich die sehr verschiedenen Lebensgeschichten "von unten" zu einer radikalen Kritik an der Entwicklung moderner Gegenwartsgesellschaften, insbesondere an der schleichenden "Abdankung des Staates" [29] aus seiner Verantwortung für das "Gemeinwohl": von der sozialen Sicherung und der Durchsetzung von Verteilungsgerechtigkeit bis hin zu seiner Schiedsrichter- und Regelungsfunktion in der Arbeitswelt.

Insofern ist diese Studie auch eine fundamentale Kritik an jenen gesellschaftlichen Gruppen, auf die sich Bourdieu seit seinen Studien der sechziger Jahre besonders konzentrierte: die Eliten, die für ihn den eigentlichen Schauplatz der sozialen und symbolischen Auseinandersetzungen darstellen. Denn bei der heutigen Verfassung der Gesellschaftsordnungen läge es prinzipiell in ihren Händen, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit Verteilungsgerechtigkeit zu verbinden und in eine Kultur innen- und außenpolitischer Konfliktführung zu integrieren. Stattdessen ginge man aber, so Bourdieu, sukzessive "von einer staatlichen Politik, die auf eine Beeinflussung der Verteilungsstrukturen aus ist, zu einer Politik über, die nur noch eine Korrektur der Auswirkungen der ungleichen Ressourcenverteilung an ökonomischem und kulturellem Kapital zum Ziel hat, das heißt eine Staatswohltätigkeit für die ‘würdigen Armen‘ (deserving poors) wie zu den guten alten Zeiten religiöser Philanthropie" [30] .

Fußnoten

22.
Vgl. z. B. Katha Pollit, For Whom the Ball Rolls, in: The Nation, 9 (1996), S. 9; Theda Skocpol, Unraveling from a above, in: American Prospect, 25 (1996), S. 20 - 25; Alejandro Portes, Social Capital. Its Origins and Applications in Modern Sociology, in: Annual Reviews of Sociology, 24 (1998), S. 1 - 24; Sebastian Braun, Bürgerschaftliches Engagement - Konjunktur und Ambivalenz einer gesellschaftspolitischen Debatte, in: Leviathan, 29 (2001), S. 83 - 109.
23.
Robert D. Putnam, The strange disappearance of civic America, in: American Prospect, 24 (1996), S. 34 - 48.
24.
K. Pollit (Anm. 22), S. 9.
25.
Vgl. Jean Cohen, Trust, voluntary association and workable democracy: the contemporary American discourse of civil society, in: Mark E. Warren (Hrsg.), Democracy and Trust, Cambridge 1999, S. 208 - 248.
26.
David Held, Die Rückkehr der Politik. Die wachsende Ungleichheit ist ein Angriff auf die politische Freiheit aller Bürger, in: Werner A. Perger/Thomas Assheuer (Hrsg.), Was wird aus der Demokratie?, Opladen 2000, S. 87.
27.
Pierre Bourdieu u. a., Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997.
28.
Franz Schultheis, Deutsche Zustände im Spiegel französischer Verhältnisse, in: P. Bourdieu u. a. (Anm. 27), S. 830.
29.
Pierre Bourdieu, Die Abdankung des Staates, in: ders. u. a. (Anm. 27), S. 211.
30.
Ebd.