Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Franka Maubach

Weimar (nicht) vom Ende her denken. Ein skeptischer Ausblick auf das Gründungsjubiläum 2019

Der Topos "Weimar" – seine Füllung wie seine Verwendung – ist seit Kriegsende ein zuverlässiger Seismograf für den Zustand der bundesdeutschen Demokratie. Diese Diagnose geht über den immer noch gern zitierten Titel des 1956 erschienenen Buches des Journalisten Fritz René Allemann, "Bonn ist nicht Weimar", und dessen zahllose Aufgriffe, Abwandlungen und Anfechtungen hinaus. Von Anfang an und bis heute verstanden und verstehen die politischen und intellektuellen Eliten die Demokratie in diesem Land gerne mithilfe von Weimar.[1]

Für die allerjüngste Vergangenheit gilt dies in einer lange nicht mehr erreichten Quantität und Intensität. Das Ergebnis der Bundestagswahl im September 2017, der Einzug der rechtspopulistischen AfD ins Parlament, die über Monate hinweg schmerzhaft stagnierende, zeitweise wie blockiert erscheinende Regierungsbildung, das dräuende Szenario von "Neuwahlen", das Schüler und Schülerinnen sonst nur aus dem Weimar-Kapitel ihrer Geschichtsbücher kennen – all das stimulierte Kommentatorinnen und Kolumnisten, Intellektuelle und Wissenschaftlerinnen zu Analogiebildungen und historischen Vergleichen, mindestens aber zu unterschwelligen Assoziationen. Und wer am Feierabend auf Sky parallel die Serie "Babylon Berlin" schaute, an dem zog das phantasmagorische Panorama einer Gesellschaft am Ende vorbei, die ihre Erschöpfung – fernsehtauglich inszeniert – mit dem Sieg der Sünde und der Gewalt auf den Straßen bezahlte. Berlin, 1929.

Während das Scheitern von Weimar nicht nur den Deutschen wieder deutlich, ja plastisch wie selten nach 1945 vor Augen tritt, beschäftigt sich die historische Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten vor allem mit den Chancen von Weimar. Spätestens seit dem neunzigsten Gründungsgedenken der Republik 2009 auch in der breiteren Öffentlichkeit wahrnehmbar, verweisen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf die prinzipielle (Gestaltungs-)Offenheit der Geschichte der Weimarer Zeit: auf die demokratischen Verheißungen und Hoffnungen der ersten Jahre; auf die Möglichkeits- und Handlungsräume, die den historischen Akteuren noch bis zuletzt verblieben; aber auch auf das tatsächlich Erreichte, die Modernisierungsleistungen der sozialen Demokratie wie das 1918 eingeführte, im europäischen Vergleich besonders progressive aktive und passive Frauenwahlrecht oder die Arbeitslosenversicherung von 1927. Statt Weimar immer nur im Rückspiegel, vom Scheitern der Republik und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 her zu sehen und zu verstehen, fordern sie – mal mehr, mal weniger programmatisch – eine antiteleologische Perspektive, die den offenen Erwartungshorizont der Zeitgenossen und Zeitgenossinnen ernst nimmt.[2]

Die Dissonanz zwischen Forschungsstand und gesellschaftlicher Debatte, von der der Historiker Andreas Wirsching in einem Radio-Interview im April 2017 sprach, ist frappierend – und erklärungsbedürftig.[3] Warum wird die Geschichte der Weimarer Republik immer noch in alternative Erzählungen geschieden, als wären Chancen und Scheitern, Anfang und Ende, Hell und Dunkel, Demokratie und Diktatur so säuberlich voneinander zu trennen? Wäre es nicht an der Zeit, diese Dichotomien durch eine entschiedene Historisierung zu überwinden – eine Historisierung indes, an deren Ende kein antiquarisches Geschichtsbild steht, kein Mosaik, das durch neue differenzierende Details nur immer bunter wird, sondern eine dynamische, zum Nachdenken herausfordernde Geschichtserzählung?

Im Folgenden und im Vorausblick auf das anstehende hundertste Gründungsjubiläum der Weimarer Republik möchte ich argumentieren, dass die beiden Perspektiven einander nicht – wie in der Debatte gelegentlich suggeriert – ausschließen. Weimar ist nicht nur von seinem Anfang oder von seinem Ende her zu verstehen, vom hoffnungsvollen Beginn oder vom fatalen Scheitern aus zu schreiben. In Anlehnung an den Titel von Ursula Büttners einschlägiger Gesamtdarstellung der Geschichte Weimars und an Vorstellungen einer contested democracy könnte man formulieren: Weimar war von Anfang an und bis zum Schluss eine herausgeforderte, ja fundamental umkämpfte Demokratie, in der Chancen und Scheitern oft dicht beieinander lagen.[4] So entfaltet sich die Geschichte dieses demokratischen Experiments in jeder ihrer Phasen – am Anfang und Ende genauso wie dazwischen – als eine Geschichte spannungsvoller, uneindeutiger Konstellationen.

Fußnoten

1.
Zum "Weimar-Komplex" in der Bundesrepublik vgl. Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945–1959, Göttingen 2009. Siehe auch den Beitrag von Jörn Leonhard in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Zur Semantik von Krise und Zukunft vgl. die avancierten Forschungen von Rüdiger Graf, Die Zukunft der Weimarer Republik, München 2008; ders./Moritz Föllmer (Hrsg.), Die "Krise" der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M. 2005.
3.
Vgl. Weimarer Verhältnisse? Gespräch mit dem Historiker Andreas Wirsching, Bayerischer Rundfunk, 21.4.2017, http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kulturjournal/weimarer-verhaeltnisse-gespraech-mit-dem-historiker-andreas-wirsching-100.html« sowie die Beiträge unter http://www.ifz-muenchen.de/aktuelles/themen/weimarer-verhaeltnisse«.
4.
Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008. Vgl. Jan-Werner Müller, Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert, Berlin 2011.
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Autor: Franka Maubach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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