Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Jörn Leonhard

Prekäre Selbstversicherung. Die Weimarer Republik als Metapher und geschichtspolitisches Argument

Jedem Vergleich ist eine besondere Suggestionskraft eigen. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht erkannte Hans-Ulrich Wehler im scharfen "Säurebad des Vergleichs" den einzigen und unübertrefflichen Ersatz "für das naturwissenschaftliche Experiment", über das Historiker verfügten, um wie in einer Laborsituation das relative Gewicht von Faktoren für historische Prozesse zu bestimmen.[1]

Die Vielfalt möglicher Vergleiche lässt sich anhand von zwei Kategorien ordnen: Kontrastierende Analysen fragen nach Divergenzen, generalisierende Analysen nach Konvergenzen zwischen Vergleichsfällen.[2] Beide Positionen gehören zu den grundlegenden Kategorien komparativen Vorgehens.[3] Der Historiker Otto Hintze beschrieb sie 1929: "Man kann vergleichen, um ein Allgemeines zu finden, das dem Verglichenen zugrunde liegt; man kann vergleichen, um den einen der möglichen Gegenstände in seiner Individualität schärfer zu erfassen und von dem anderen abzuheben."[4]

Damit sprach Hintze eine besondere Funktion des Vergleichs an, nämlich die Abgrenzung von spezifischen Kennzeichen eines Falls in der historischen Entwicklung eines Staates oder einer Gesellschaft. Diese "Instrumentalisierung des Fremden" dient einer geschärften Erkenntnis, so wie der Soziologe Max Weber mit Blick auf die asiatischen Hochkulturen die Charakteristika der okzidentalen Kultur in ihrer rational-modernen Ausprägung analysiert und zugleich dokumentiert hat, wie sehr solche asymmetrischen Vergleiche häufig mit Verzerrungen einhergehen.[5] Letztlich folgt auch die Auseinandersetzung mit impliziten oder expliziten historischen Sonderwegerzählungen einem solchen asymmetrischen Vorgehen, aus dem selten ergebnisoffene Analysen hervorgehen. Vielmehr sind die Ergebnisse des Vergleichs häufig vorstrukturiert, indem nur solche Aspekte ausgewählt werden, die die vermeintliche Sonderentwicklung belegen.

"Weimar" ist für die deutsche Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Chiffre für eine solche Art asymmetrischer Vergleiche geworden, bei denen das Ergebnis häufig bereits durch die Ausgangsfrage oder den Fokus vorstrukturiert war. Als eine suggestive Ortsmetapher steht der Begriff weniger für eine komparative Gegenüberstellung von Staaten und Gesellschaften, sondern in erster Linie für einen diachronen Vergleich zwischen Epochen der deutschen Geschichte, die mit den Begriffen der Weimarer, der Bonner und der Berliner Republik die tektonischen Umbrüche zwischen 1918 und der Gegenwart in eine Beziehung zueinander setzen.[6]

Dabei entwickelte der Vergleich der politischen und sozialen Ordnungen nach 1945 mit der Weimarer Republik, der über Analogien und historische Parallelisierung funktionierte und im Kern immer wieder um die Frage nach den Bedingungen stabiler Demokratie in Deutschland kreiste, seine eigene geschichtspolitische Dimension. Der Vergleich mit der ersten deutschen Demokratie, ihrer schwierigen Geburt aus dem Kontext von Niederlage und Revolution 1918, ihrer prekären Stabilisierung nach 1923, der Hinweis auf Krise und Untergang ab 1928, sind bis heute ein fest verankerter Teil des politisch-historischen Vokabulars und des geschichtspolitischen Argumentationsreservoirs.[7]

Ob in der Selbstversicherung "Bonn ist nicht Weimar" oder der Warnung vor "Weimarer Verhältnissen": In der Abgrenzung oder im warnenden Appell wird bis in die Gegenwart ein besonderer Modus sichtbar, mit dem man sich in Deutschland auf die Weimarer Republik bezieht und sich die erste demokratische Republik aneignet. Die historische Linie der Weimar-Vergleiche spiegelt daher wie eine Fieberkurve die Suche nach Selbstvergewisserung und die Rhythmen kollektiver Erregung der deutschen Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wider. Daher verraten Weimar-Vergleiche wenig über die Weimarer Republik selbst – und umso mehr über Suchbewegungen, Selbstbilder und Standortbestimmungen der Deutschen nach zwei Weltkriegen, vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs und der Konkurrenz zwischen Bundesrepublik und DDR und schließlich angesichts der Neudefinition der Berliner Republik nach 1989/90.

Fußnoten

1.
Hans-Ulrich Wehler, "Deutscher Sonderweg" oder allgemeine Probleme des westlichen Kapitalismus?, in: ders., Politik in der Geschichte. Essays, München 1998, S. 78–92, hier S. 91. Vgl. Jürgen Kocka, Probleme einer europäischen Geschichte in komparativer Absicht (1988), in: ders., Geschichte und Aufklärung. Aufsätze, Göttingen 1989, S. 21–28; Johannes Paulmann, Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 267/1998, S. 649–685.
2.
Vgl. Heinz-Gerhard Haupt/Jürgen Kocka, Historischer Vergleich: Methoden, Aufgaben, Probleme. Eine Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt/M. 1996, S. 9–45, hier S. 11.
3.
Dies gilt seit der Unterscheidung zwischen einer "method of difference" und einer "method of agreement" durch den Philosophen Stuart Mill und bis hin zu jener zwischen "contrasting type" und "universalizing type" durch den Historiker Charles Tully. Vgl. John Stuart Mill, Philosophy of Scientific Method, New York 1881, S. 211ff.; Charles Tully, Big Structures, Large Processes, Huge Comparisons, New York 1984, S. 80.
4.
Otto Hintze, Soziologische und geschichtliche Staatsauffassung (1929), in: ders., Soziologie und Geschichte. Gesammelte Abhandlungen, Bd. 2, Göttingen 1964, S. 251.
5.
Haupt/Kocka (Anm. 2), S. 15f. Vgl. Stephen Kalberg, Max Weber’s Comparative-Historical Sociology, Cambridge 1994.
6.
Vgl. Heinrich August Winkler (Hrsg.), Weimar im Widerstreit. Deutungen der ersten deutschen Republik im geteilten Deutschland, München 2002; Dirk A. Moses, The "Weimar Syndrome" in the Federal Republic of Germany. The Carl Schmitt Reception by the Forty-Fiver Generation of Intellectuals, in: Stephan Loos/Holger Zabrowski (Hrsg.), Leben, Tod, Entscheidung. Studien zur Geistesgeschichte der Weimarer Republik, Berlin 2003, S. 187–207; Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945–1959, Göttingen 2009; ders., Der lange Schatten der ersten deutschen Demokratie. Weimarer Prägungen der frühen Bundesrepublik, in: Alexander Gallus (Hrsg.), Rückblickend in die Zukunft: Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, Göttingen 2011, S. 35–50.
7.
Vgl. Karl Dietrich Bracher, Die Weimarer Erfahrung, in: ders., Wendezeiten der Geschichte. Historisch-politische Essays 1987–1992, Stuttgart 1992, S. 11–16; Marie-Luise Recker, "Bonn ist nicht Weimar." Zu Struktur und Charakter des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland in der Ära Adenauer, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 5/1993, S. 287–307; Frank Bärenbrinker/Christoph Jakubowski, "Bonn ist nicht Weimar." Historisch-politische Überlegungen zum Demokratiebild in Deutschland, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 5/1996, S. 436–446; Christoph Gusy (Hrsg.), Weimars lange Schatten. "Weimar" als Argument nach 1945, Baden-Baden 2003, S. 215–237.
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Autor: Jörn Leonhard für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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