30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Jörn Leonhard

Prekäre Selbstversicherung. Die Weimarer Republik als Metapher und geschichtspolitisches Argument

Negative Kontrastfolie

Es war kein Zufall, dass das bis heute einflussreiche Gegennarrativ zu diesem skeptischen Interpretationsmodus des Weimar-Vergleichs und der negativen Selbstfixierung von einem ausländischen Beobachter stammte. 1956 legte der Schweizer Journalist Fritz René Allemann eine Analyse des politischen Systems der Bundesrepublik und der auf die Person Konrad Adenauers zugeschnittenen Kanzlerdemokratie vor, mit der er den Deutschen vermitteln wollte, wie sehr sich die Rahmenbedingungen zwischen Weimar und Bonn verändert hatten.

Allemann war davon überzeugt, dass sich die westdeutsche Republik außerordentlich stabil entwickelt hatte. Vor allem sei es gelungen, die elementaren Vorbelastungen des deutschen Parlamentarismus nach 1945 hinter sich zu lassen. Der Bonner Staat habe eine eindrückliche "Leistung der nationalen und politischen Integration" vollbracht und stehe auf einem weitaus stabileren Fundament als die erste deutsche Republik von Weimar – und das alles trotz der belastenden Vorbedingungen und der nach 1945 zunächst durchaus herrschenden Zweifel am zweiten demokratischen Experiment auf deutschem Boden.

Der "große – und wohl entscheidende – Unterschied gegenüber der Zeit zwischen 1918 und 1933" lag für Allemann darin, dass es nach 1945 beziehungsweise 1949 "keine lebendigen Gegenbilder gegen die Idee des demokratisch und parlamentarisch geordneten Gemeinwesens" mehr gab, dass "Demokratie und Parlamentarismus, wenn sie nicht als positive Zielsetzungen vom ganzen Volke angenommen (…) doch jedenfalls als Gegebenheiten hingenommen" worden waren.[16]

Allemann schrieb seine Analyse 1963 fort und sah sich durch die Entwicklungen seit 1956 bestätigt. Er kam sogar zu dem Schluss, dass der junge Staat der Bundesrepublik "nach außen und innen besser konsolidiert" sei, als man dies 1956 habe abschätzen können. Trotz des Endes der Ära Adenauer und damit des Auslaufens eines auf Person und Stil des ersten Kanzlers hin orientierten Regierungssystems, eben einer speziellen bundesdeutschen Kanzlerdemokratie, vertraute Allemann der Stabilität der Bonner Republik, die 1963 fast so lange existierte wie die erste deutsche Republik; sie sei auch für anstehende Veränderungen und mögliche Krisen in der Innen- und Außenpolitik gut gerüstet.[17]

Mit der von vielen Deutschen seit den 1950er Jahren konkret erfahrenen Stabilität der Kanzlerdemokratie, dem Wechselspiel von demokratischer Regierung und Opposition im Bonner Parlament, der wirtschaftlichen Dynamik in der Variante der sozialen Marktwirtschaft und der Verankerung der Bundesrepublik in das westeuropäisch-transatlantische Wertesystem, das zugleich Sicherheit im Kalten Krieg versprach, wuchs die Distanz vieler Deutscher zur Weimarer Republik.

An die Stelle des nach 1945 zunächst noch dominierenden Alarmismus, der im Rekurs auf Weimar das Misstrauen in den demokratischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt hatte, trat eine immer deutlichere Distanzierung. Erst auf der Grundlage positiver Erfahrungen in Westdeutschland konnte Bonn zum Anti-Weimar werden und emanzipierte sich allmählich von der skeptischen Erwartung der ersten Nachkriegsjahre. Jetzt wurde die Weimarer Republik zur negativen Kontrastfolie, die eine positive Selbstversicherung auf unterschiedlichen Politikfeldern erlaubte.

Stand "Bonn" ab Mitte der 1950er Jahre politisch für einen demokratischen Konsens, für Stabilität, Westorientierung und außenpolitische Verlässlichkeit, so repräsentierte "Weimar" eine instabile Konfliktkultur mit instabilen Regierungen, einer gefährlichen Sonderstellung des Militärs und einem Reichspräsidenten mit weitgehender Ersatzlegitimität sowie eine außenpolitisch schwierige Position zwischen Isolation und fragilen Versuchen des Ausgleichs mit dem Westen.

Vor allem wirtschaftlich wurde der Kontrast zwischen "Bonn" und "Weimar" Teil einer Selbstversicherung der bundesrepublikanischen Demokratie gegenüber der gescheiterten ersten Republik. Verbanden die Deutschen mit "Bonn" Prosperität, Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität, blieb "Weimar" ein Synonym für hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und den Übergang der wirtschaftlich-sozialen Krise in politische Instabilität. Schien "Bonn" gleichbedeutend mit einer gesellschaftlichen Pazifizierung im Zeichen der sozialen Marktwirtschaft und der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", hatten soziale Spannungen und Ungleichheit die Weimarer Republik stark belastet.

Allenfalls mit Blick auf die kulturelle Entwicklung fiel der Vergleich zugunsten Weimars aus: Hier stand der Eindruck des Aufbruchs zur Moderne, die Experimentierfreude und die Vielfalt von Kunst und Literatur im Gegensatz zur Wahrnehmung einer kulturellen Stagnation wenn nicht gar Restauration nach 1945.[18]

Fußnoten

16.
Fritz René Allemann, Bonn ist nicht Weimar, Köln 1956, S. 413, S. 428. Vgl. Recker (Anm. 7), S. 287, S. 291.
17.
Fritz René Allemann, Zwischen Stabilität und Krise. Etappen der deutschen Politik 1955–1963, München 1963, S. 9. Vgl. Recker (Anm. 7), S. 287.
18.
Vgl. Schirmer (Anm. 9), S. 140.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jörn Leonhard für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.