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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Jörn Leonhard

Prekäre Selbstversicherung. Die Weimarer Republik als Metapher und geschichtspolitisches Argument

Historisierung

Unübersehbar trug die durch die anerkannten Erfolge der Bundesrepublik beglaubigte Distanzierung von den "Weimarer Verhältnissen" zu einer systematischen und wissenschaftlichen Historisierung der Epoche zwischen 1918 bis 1933 bei. Das Ergebnis war eine neue dezidiert geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik im Gegensatz zur geschichtspolitischen Instrumentalisierung der Erinnerung an das Scheitern der ersten deutschen Republik. Brachers grundlegender Studie folgten seit Mitte der 1950er Jahre eine Vielzahl von Untersuchungen, die der Unterscheidung zwischen Bonn und Weimar neue Impulse vermittelten.

So argumentierte der Soziologe Mario Rainer Lepsius, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft viel homogener strukturiert sei als die der Weimarer Republik, was erhebliche Auswirkungen auf das Parteiensystem und die Entwicklung konsensualer Überzeugungen hatte. Das galt ebenso für das Problem der Elitenkontinuität. Anders als nach 1918, als viele Beamte weiterhin dem Kaiserreich anhingen und der Republik feindselig begegneten, war das Selbstbild der westdeutschen Beamtenschaft durch die Erfahrung des Nationalsozialismus nachhaltig erschüttert und erleichterte das Bekenntnis zum neuen demokratischen Staat der Bundesrepublik. Der Zeithistioriker Udo Wengst resümierte, dass es "Weimarer Verhältnisse" unter den Beamten der Bundesrepublik "nie gegeben" habe.[19]

Doch ging Weimar in der Kontrastfolie zur jeweiligen Gegenwart der Bundesrepublik nicht auf. Denn alle wichtigen Kontroversen zur historischen Interpretation der Weimarer Republik wie die zwischen den Historikern Werner Conze und Karl Dietrich Bracher zu den Gründen für das Scheitern des Parteienstaates wiesen immer über die konkrete historische Situation hinaus. Sie bildeten stets einen Kern für grundsätzliche Debatten über die Bedingungsfaktoren stabiler Demokratien in der Moderne.[20] Dafür stellte der deutsche Fall ohne Zweifel einen besonders dramatischen Fall dar, der für jede neue Generation die politische Selbstverortung gegenüber Weimar zur Aufgabe machte. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand und der Historisierung der Weimarer Republik seit den 1970er Jahren konnte man den Vergleich jedoch auch auf die Fragilität von Demokratien außerhalb Deutschlands anwenden.

In der Bundesrepublik wie in der DDR ging es nach 1949 darum, den Schnitt gegenüber 1933 und 1945 besonders hervorzuheben. Die Wiederkehr des Nationalsozialismus zu verhindern, führte jedoch in den beiden deutschen Staaten zu ganz unterschiedlichen Antworten und geschichtspolitischen Rekursen auf die Republik von 1918. In der kommunistischen Auslegung stellte sie die allenfalls demokratisch camouflierte Variante einer bürgerlichen Klassenherrschaft dar, die 1933 im Faschismus enden musste. In diesem Sinne wurden die Geschichte Weimars und des Nationalsozialismus unter Berufung auf die negative Trias von Bürgerlichkeit, Imperialismus und Faschismus zusammengezogen und ihr im Zeichen des Antifaschismus das sowjetische Modell, die Aufhebung der bürgerlichen durch eine proletarische Klassenherrschaft, entgegengestellt.

Dagegen hielt man in Westdeutschland nach 1945 im Zeichen der Totalitarismuskritik, die Nationalsozialismus und Kommunismus als ideologische Erfahrungen von Unfreiheit zusammenband, an der Republik als Gehäuse des parlamentarischen Verfassungsstaates fest und konzentrierte sich auf die historischen Mängel ihrer Selbstbehauptung in der Krise, die schließlich 1933 in den Untergang geführt hatten.[21]

Veränderte Vorzeichen

Die vielfältigen Umbrüche von 1989 bis 1991, vom Ende der deutsch-deutschen Teilung bis zum Auslaufen des Kalten Kriegs und dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, markierten für Rekurse auf die Weimarer Republik einen Einschnitt. Die am Ende der 1980er Jahre relativ gesicherte Kontinuität der geschichtspolitischen Selbstversicherung, die die Bonner Republik als Anti-Weimar erscheinen ließ, lief aus und warf spätestens mit dem symbolisch wichtigen Umzug der Regierung nach Berlin und der Gestaltung der Gedenkstätten in der Hauptstadt die Frage nach einem neuen Selbstverständnis der Berliner Republik auf.

Dabei behauptete sich der Rekurs auf Weimar, und bis in die Gegenwart bleibt der implizite oder explizite Vergleich zur ersten demokratischen Republik ein suggestives Mittel der politischen Kommunikation. Wie zuvor wirken dabei zwei Varianten des Weimar-Vergleichs: entweder als Versuch, die Furcht vor einer abermals gefährdeten Demokratie in Deutschland einzudämmen, als Erweis also, dass "Berlin" so wenig wie "Bonn" in der Gefahr ist, "Weimar" zu werden; oder als warnender Appell, solche Verhältnisse nicht eintreten zu lassen und die Adressaten des Weimar-Vergleichs für die Gefährdung der Demokratie zu sensibilisieren, um die demokratische Ordnung gerade dadurch wehrhaft zu machen.[22]

Wenn der historische Rekurs weiterhin mit ähnlichen Mechanismen funktioniert, so haben sich seit 1989 entscheidende Rahmenbedingungen verändert und zu neuen Akzenten geführt.[23] Bemerkenswert war bereits der Stellenwert des Weimar-Vergleichs in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte nach 1990.[24] So wurden aus ostdeutscher Perspektive die politische Revolution und nationale Wende von 1989/90 in die Kontinuität von Konflikten der Weimarer Republik gestellt, erschienen "Weimarer Verhältnisse" für das Ende der DDR konstitutiv. Mitglieder der SED/PDS bemühten sich, die Bürgerrechtsbewegungen in die Tradition der Räte von 1918 zu stellen.

Auf einer von der "Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte" organisierten Diskussion über die "drei deutschen Republiken 1918 und 1949" unterstrich der Philosoph Peter Ruben die Kontinuität der Konfliktlinien: "Zwischen 1945 und 1949 haben sich die Bürgerkriegsparteien von 1918/19, die Reichstagsmehrheit einerseits und die revolutionäre Linke andererseits, erneut einander entgegengestellt. Sie haben sich im Bündnis mit ihren Alliierten staatlich organisiert und die Fragestellung von 1918 ‚Räterepublik oder Nationalversammlung‘ reproduziert." Die Verklärung der Räte war genauso bemerkenswert wie die doppelte Kritik an der Verantwortung der Kommunisten für den Untergang Weimars und das Ende der DDR: "Ich bin auch der Meinung, dass Weimar wie die DDR an der Unfähigkeit der Kommunisten scheiterten, die Aussichtslosigkeit des Räteprinzips im ökonomischen Sinne zu begreifen und die Demokratie als zivile Demokratie, als Form der Konstituierung der Nation zu akzeptieren. Die Kommunisten sind einer Illusion aufgesessen, als sie glaubten, es könne eine politische Konstitution der Arbeiterschaft als Klasse geben."[25]

Neben der Funktion des Weimar-Vergleichs als Mittel der Aufarbeitung der DDR-Geschichte stimulierten neue Krisensymptome seit den 1990er Jahren den Hinweis auf die 1920er Jahre. So fragte der israelische Publizist Uri Avnery Ende 1992 angesichts der rechtsextremen Gewaltwelle und der Zunahme nationalistischer Strömungen in der gesamtdeutschen Gesellschaft: "Ist das eine Wiederholung der Weimarer Geschichte?"[26] Seither haben sich die Krisenanzeichen eher vervielfältigt. Dazu zählen die rechtsextremistische Gewalt, überhaupt eine zunehmende Gewaltbereitschaft von links und rechts, der Niedergang der Volksparteien, die wahrgenommene Zersplitterung des Parteiengefüges, das Aufkommen populistischer Bewegungen in vielen europäischen Gesellschaften und darüber hinaus.

Der Hinweis auf "Weimarer Verhältnisse" in der Berliner Republik weist aber noch eine weitere Dimension auf, denn die Debatten um die Selbstpositionierung des neuvereinigten Deutschland drehen sich nicht erst seit dem Aufkommen der "Alternative für Deutschland" um den Stellenwert des Nationalen, der Nation und des Nationalstaates als Antwort auf Globalisierungserfahrungen und die Krise der europäischen Integration.[27] Das wurde auch vor 1989 zwar immer wieder thematisiert, etwa in der erbitterten Diskussion um die angebliche "Normalisierung" der deutschen Geschichte im Zuge des Historikerstreits um die Historisierbarkeit des Nationalsozialismus, doch seit den 1990er Jahren hat diese Diskussion erheblich an Schärfe gewonnen. Diese Symptome lassen die Gegenwart als eine Bewährungsprobe der Demokratie im 21. Jahrhundert erscheinen und akzentuieren die Frage nach der "Wiederholung" oder "Wiederholbarkeit" der Geschichte neu.

Fußnoten

19.
Mario Rainer Lepsius, Die Bundesrepublik Deutschland in der Kontinuität und Diskontinuität historischer Entwicklungen: Einige methodische Überlegungen, in: ders./Werner Conze (Hrsg.), Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Beiträge zum Kontinuitätsproblem, Stuttgart 1983, S. 11–19, hier S. 12. Vgl. Udo Wengst, Beamtentum zwischen Reform und Tradition. Beamtengesetzgebung in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland 1948–1953, Düsseldorf 1988, S. 314; Recker (Anm. 7), S. 291.
20.
Vgl. Peter Steinbach, Die Weimarer Republik – Kontrastfolie deutscher Demokratiegeschichte und politischer Integration, in: Politische Vierteljahresschrift 4/1994, S. 702–714, hier S. 707f. Vgl. Schirmer (Anm. 9), S. 130.
21.
Vgl. ebd., S. 130f.; Heinrich August Winkler, Aus Weimar lernen? Über Deutschlands noch immer gespaltene Geschichtskultur, in: Hans Wilderotter/Michael Dorrmann (Hrsg.), Wege nach Weimar. Auf der Suche nach der Einheit von Kunst und Politik, Berlin 1999, S. 291–295; ders., Kein Bruch mit Lenin. Die Weimarer Republik im Geschichtsbild von SED und PDS, in: ders., Streitfragen der deutschen Geschichte. Essays zum 19. und 20. Jahrhundert, München 1997, S. 107–122.
22.
Vgl. Bärenbrinker/Jakubowski (Anm. 7), S. 436.
23.
Vgl. Hans Mommsen, Die Weimarer Republik und die Bundesrepublik nach der Wende, in: Balke/Wagner (Anm. 9), S. 111–124.
24.
Vgl. Wolfgang Bialas, Weimar in der DDR. Von der Faszination des historischen Traumas, in: ebd., S. 147–168.
25.
Auszüge aus einer Podiumsdiskussion der "Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte", in: Neues Deutschland, 27./28. November 1993.
26.
Uri Avnery, Wiederholung der Geschichte?, in: Der Spiegel 49/1992, S. 30ff.
27.
Vgl. Schirmer (Anm. 9), S. 140f.
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Autor: Jörn Leonhard für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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