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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Jörn Leonhard

Prekäre Selbstversicherung. Die Weimarer Republik als Metapher und geschichtspolitisches Argument

Zeitlose Chiffre

Hier wird ein Grundproblem historischer Sinnstiftung erkennbar, nämlich das Verhältnis von Einmaligkeit und Wiederholbarkeit vergangener Konstellationen, das den von dem Staatsrechtler Carl Schmitt unterschiedenen drei Sinnschichten historischer Kontinuität – "Prognose, Diagnose und historische Parallele" – zugrunde liegt.[28] Jeder Rekurs auf "Weimar" setzt ein bestimmtes Deutungswissen des Publikums voraus. Ohne diese Wissensspeicher lassen sich Analogien und Metaphern nicht glaubwürdig kommunizieren. Damit aber wird die Vergangenheit zwischen 1918 und 1933 zu einer Vergangenheit, die sich einem "Vorher" und "Nachher" entzieht. Eher erscheint die Geschichte als eine komplexe Struktur sich überlagernder Zeitschichten, in denen im Späteren das Frühere stets erkennbar und abrufbar bleibt.

Die Metapher der Zeitschicht verweist auf den Bereich der Geologie, auf sedimentierte Formationen, die sich im Laufe der Erdgeschichte mit verschiedenen Geschwindigkeiten verändert und voneinander abgehoben haben. Historische Zeiten sind in diesem Sinne weniger als diachrone Abfolge zu verstehen, sondern als ein Phänomen der Mehrschichtigkeit, der polyvalenten Semantiken und der Gleichzeitigkeit von historisch ungleichzeitigen Bedeutungsebenen.[29]

Wendet man diese Überlegung auf das Sprechen über "Weimar" an, also auf den Einsatz der Weimar-Vergleiche in der politisch-historischen Argumentation, dann wird die besondere Spannung zwischen der Einmaligkeit historischer Ereignisse einerseits und einer Wiederholungsstruktur, der Wiederkehr und Wiedererkennbarkeit durch strukturelle Analogien, andererseits sichtbar. So wie auch das Sprechen auf die Wiedererkennbarkeit von Lexik und Grammatiken in der Sprache oder die Forderung der wiederholt anwendbaren Gesetze auf die Forderung nach Gerechtigkeit zurückverweist, so setzt jeder Bezug auf die Weimarer Republik ein Minimum an Rekurrenz, an Analogiebildung, an historischer Wiederholungsstruktur und Wiedererkennbarkeit voraus, um überhaupt verstanden und vermittelt werden zu können.

Hermeneutisch lässt sich dies mit dem von dem Philosophen Hans Blumenberg entwickelten Begriff der Präfiguration verknüpfen. Mit ihm verwies er auf die Eigenmächtigkeit eines bestimmten historischen Vorrats an Bedeutungen, auf die in einer bestimmten Situation zurückgegriffen wird. Der unter Umständen nahezu zwanghafte Akt der Wiederholung des Präfigurats kann für die Handelnden eine besondere Wirkung entfalten, weil sich mit der Wiederholung "die Erwartung der Herstellung des identischen Effekts" verbindet.[30]

In diesem Sinne wirkte und wirkt die Chiffre "Weimar" für die geschichtspolitische Selbstvergewisserung als Präfigurat. Seine Virulenz erinnert uns daran, dass die Zeitschichten viel dichter aufeinander ruhen, als es die gängige Selbstversicherung von hundert Jahren Abstand, von drei oder vier Generationen, nahelegt. Der Erste Weltkrieg, die deutsche Revolution 1918, der Kampf um den Frieden und die Möglichkeiten einer politischen und sozialen Demokratie entziehen sich aus dieser Perspektive dem Diktum der Vorvergangenheit, die gerade aus deutscher Perspektive immer wieder bemüht wird, um das Zeitalter der Extreme bis 1945 zu kategorisieren: als seien 1914 und 1918/19 nur Etappen auf dem Weg in die noch größere, noch schlimmere Katastrophe nach 1933, als könne man die Phase zwischen August 1914 und Mai 1945 als "zweiten dreißigjährigen Krieg" epochal bündeln, als enthalte das Ende des Ersten Weltkriegs und der Beginn der ersten deutschen Republik bereits den Keim zum Zweiten Weltkrieg, als sei es 1933 oder 1939 nur so gekommen, wie es nach 1918 habe kommen müssen. Demgegenüber bei aller Belastung die Offenheit des historischen Moments von 1918/19 zu betonen, bedeutet auch, dem Vergleich der Gegenwart mit der Vergangenheit seinen deterministischen Grundzug und zynischen Fatalismus zu nehmen.

Aufklärend im besten Sinne wirkt ein Vergleich immer dann, wenn er produktiv verfremdet und dazu zwingt, die eigene Perspektive und die einfache Analogie zu hinterfragen. Denn Geschichte bietet keine einfachen Handlungsanleitungen für die Gegenwart – die Auseinandersetzung mit ihr lässt uns in der Gegenwart aber mehr erkennen.

Fußnoten

28.
Carl Schmitt, Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation. Vier Aufsätze, Köln 1950, S. 87. Vgl. Reinhard Mehring, Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie, München 2009, S. 435.
29.
Vgl. Reinhart Koselleck, Zeitschichten (1995), in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt/M. 2000, S. 19–26.
30.
Hans Blumenberg, Präfiguration. Arbeit am politischen Mythos, Berlin 2014, S. 9. Vgl. Reinhart Koselleck, Geschichte, Geschichten und formale Zeitstrukturen (1973), in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989, S. 130–143.
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