Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Ursula Büttner

Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung

Versäumnisse in der Revolution?

Brachers Erklärung lenkte den Blick auf mögliche Versäumnisse während der Revolution. Die intensive Forschung über die Umbruchphase, die sich ab Beginn der 1960er Jahre entwickelte, stand damit von vornherein unter dem negativen Vorzeichen, verhängnisvolle Defizite zu entdecken, statt auch die positiven Neuansätze zu betonen. Die zuvor fast unbestritten herrschende These, dass es im Winter 1918/19 nur die Wahl zwischen einer Rätediktatur nach russisch-bolschewistischem Vorbild oder der Errichtung und Sicherung einer parlamentarischen Demokratie durch ein Zweckbündnis von Sozialdemokraten und konservativen Kräften gegeben habe,[5] wurde durch große empirische Untersuchungen und Quelleneditionen über die Arbeiter- und Soldatenräte revidiert, die deren demokratisches Potenzial und pragmatischen Reformwillen herausstellten.[6] Ob die Räte ausreichende Rückendeckung für eine entschlossene Demokratisierungspolitik bieten konnten, wird inzwischen allerdings wieder skeptischer eingeschätzt. Damit relativiert sich auch die harte Kritik an der SPD-Führung, deren Legalismus und mangelnder Machtwille als Hauptursache für den Verzicht auf radikale Strukturveränderungen gegolten hatten. Das Argument des Politikwissenschaftlers Richard Löwenthal, dass der in klassischen Revolutionsmodellen geforderte Elitenaustausch in modernen, hocharbeitsteiligen Gesellschaften nicht mehr möglich sei, erhielt stärkeres Gewicht.[7] Anders als in einer Agrargesellschaft konnte die Masse der Menschen ihren Nahrungs- und Energiebedarf nicht mehr mit eigenen Erzeugnissen decken. Die Bedenken der sozialdemokratischen Spitzenpolitiker, dass ein Zusammenbruch des Staats- und Wirtschaftsapparats die elementare Versorgung und Sicherheit der Bevölkerung gefährden würde, waren deshalb sehr berechtigt. Ihre Furcht vor dem "Chaos" oder auch vor dem "Bolschewismus", das wird heute aus kulturgeschichtlicher Perspektive betont, war außerdem, ob real begründet oder nicht, ein historisches Faktum.

Die zur Macht gelangten Sozialdemokraten waren bei den schwierigen Tagesaufgaben auf die Kompetenz der Fachleute angewiesen, aber die Fachleute brauchten auch die Arbeiter- und Soldatenräte und die SPD. Nach dem Bankrott des alten Staates, der im Krieg durch seine rücksichtslose Überforderung der militärischen, wirtschaftlichen, physischen und psychischen Kräfte des deutschen Volkes allen Kredit verloren hatte, besaßen nur die Räte noch genügend Autorität, um Anordnungen durchzusetzen. Diese gegenseitige Abhängigkeit von Unternehmern und Gewerkschaften, Behörden und Räten war der Grund für ihre pragmatische Zusammenarbeit in den Tagen des Umbruchs; sogar beim Militär fand sie regional und auf Reichsebene statt.[8] Möglicherweise enthielt diese Situation die Chance für größere Veränderungen der gesellschaftlichen Machtstrukturen; zweifellos hätte das der Weimarer Republik das Überleben erleichtert. Aber die Grenzen des Machbaren sind trotz der umfangreichen Revolutionsforschung nicht klar.

Auch die Frage, wieviel Widerstand eine weniger auf Ausgleich und Integration bedachte Politik im Bürgertum und bei der Landbevölkerung hervorgerufen hätte, ist weiterhin offen. Der Historiker Conan Fischer hat der vorsichtigen Politik der SPD in der Revolution ein gutes Zeugnis ausgestellt, weil ihm zufolge nur so die Stabilisierung der Republik gelingen konnte.[9] Gab es für die erforderliche Demokratisierung der gesellschaftlichen Strukturen wirklich nur in den ersten Revolutionswochen ein kleines Zeitfenster? Ansätze für eine Republikanisierung der Reichswehr im ersten Jahr des Neuaufbaus und der allmähliche Ersatz hoher Beamter durch eindeutig republiktreue Kollegen deuten auf längere Spielräume hin.[10]

Kriegserfahrungen und Gewalt

Unentschiedene Forschungskontroversen gibt es auch in Bezug auf die zweite, Ende Dezember 1918 beginnende Phase der Revolution. Ihre Signatur war die Eskalation gewalttätiger politischer Konflikte zum regionalen Bürgerkrieg; soweit herrscht Einigkeit. Aber für ihr Ende werden unterschiedliche Termine zwischen Anfang Mai 1919 und März 1921 oder sogar November 1923 diskutiert. Das fürchterliche Ausmaß der Gewalt im Innern wird in jüngsten Arbeiten stark hervorgehoben.[11] Auch in anderen aufgewühlten Zeitabschnitten, so auf dem Höhepunkt der Hyperinflation 1923 und in den letzten beiden Jahren der Republik, spielte Gewalt wieder eine Rolle, wenn auch nicht mehr im gleichen Umfang.

Die Ursache für die Gewalt sehen viele Forscher und einige Forscherinnen im Anschluss an den Historiker George Mosse in der nachwirkenden Brutalisierung der Soldaten durch den Krieg.[12] Besonders bei der Suche nach den Gründen für die vom Nationalsozialismus und seinen militanten SA-Kolonnen ausgehende Faszination erscheint diese Herleitung plausibel.[13] Andere Autoren halten eher die traumatisierende Erfahrung der Niederlage und die Wut über den Versailler Vertrag oder die Furcht vor einer Ausbreitung des "Bolschewismus" für ausschlaggebend.[14]

Je mehr die Geschichtswissenschaft den mentalen und kulturellen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs nachspürte, desto umfassender stellten sie sich dar, nicht nur in der Gewaltakzeptanz, sondern in der Auffassung der Politik als Kampf, in der Betonung militanter Männlichkeit auf Wahlplakaten, in sprachlichen Vorlieben, in der Modellierung des Sportlers nach dem Vorbild des Soldaten, in der Sehnsucht nach "Volksgemeinschaft" und klarer Führung, in der Freude an Uniformen und militärähnlichen Aufmärschen, kurz: in einem lagerübergreifenden "bellizistischen", am Krieg orientierten Grundkonsens (Bergien) oder noch weitergehend: in einer durchgreifenden Militarisierung der gesamten Gesellschaft und politischen Kultur der Weimarer Republik (Fritzsche).[15]

Diese Zuspitzung ist allerdings auf entschiedenen Widerspruch gestoßen. Von den rund acht Millionen ehemaligen Soldaten schloss sich nur ein kleiner Teil den paramilitärischen Organisationen an; die meisten zogen ziviles Leben und Denken durchaus vor. Die größten Kriegsopferverbände standen der Sozialdemokratie nahe und waren pazifistisch eingestellt. Der Gefallenenkult der Republikaner kam ohne Revanchegedanken aus und unterschied sich inhaltlich deutlich vom Gedenken der Nationalkonservativen und Rechtsradikalen. Der zum Schutz der Republik gegründete Wehrverband "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", mindestens dreimal so groß wie der rechte "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten", übernahm von den Konkurrenten zwar die militärische Propagandaform der Parade in Uniform, aber das geschah eher widerwillig, um ihnen nicht die Straße zu überlassen. Der Kampf um den öffentlichen Raum forderte am Ende der Weimarer Republik wieder einige hundert Tote; aber es war kein Bürgerkrieg wie in den Jahren 1919 bis 1921 mit mehreren Tausend Toten.[16]

Fußnoten

5.
Der entschiedenste Vertreter dieser These war Karl Dietrich Erdmann. Vgl. u.a. die Überschrift von §20 seiner Darstellung der Weimarer Republik in der 8. Aufl. des "Gebhardt": Karl Dietrich Erdmann, Rätestaat oder parlamentarische Demokratie?, in: ders. (Hrsg.), Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4: Das Zeitalter der Weltkriege, Stuttgart 1959.
6.
Aus der umfangreichen Literatur seien exemplarisch genannt Eberhard Kolb, Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918 bis 1919, Frankfurt/M. u.a. 19782; Ulrich Kluge, Soldatenräte und Revolution. Studien zur Militärpolitik in Deutschland 1918/19, Göttingen 1975.
7.
Vgl. z.B. Richard Löwenthal, Vom Ausbleiben der Revolution in der Industriegesellschaft, in: Historische Zeitschrift 232/1981, S. 1–24.
8.
Vor dem Hintergrund einer Reihe von Vereinbarungen zwischen regionalen Kommandeuren und Räten erscheint das "Ebert-Groener-Bündnis" zwischen dem Rat der Volksbeauftragten und der Obersten Heeresleitung weniger brisant. Vgl. Peter Keller, "Die Wehrmacht der Deutschen Republik ist die Reichswehr". Die deutsche Armee 1918–1921, Paderborn 2014, S. 33–70.
9.
Vgl. Conan Fischer, "A Very German Revolution"? The Post-1918 Settlement Re-evaluated, in: German Historical Institute Bulletin 2/2006, S. 6–32.
10.
Vgl. Keller (Anm. 8), S. 146–160; Anthony McElligott, Rethinking the Weimar Republic. Authority and Authoritarianism, 1916–1936, London u.a. 2014, S. 163–167.
11.
Mit zum Teil fragwürdigen Schlussfolgerungen: Mark Jones, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017. Die europäische Dimension betonen Robert Gerwarth/John Horne (Hrsg.), Krieg im Frieden. Paramilitärische Gewalt in Europa nach dem Ersten Weltkrieg, Göttingen 2013; Boris Barth, Europa nach dem Großen Krieg. Die Krise der Demokratie in der Zwischenkriegszeit 1918–1938, Frankfurt/M. 2016.
12.
Vgl. George L. Mosse, Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses Sterben, Stuttgart 1993, S. 265–276; Nachweis der umfangreichen Literatur bei Büttner (Anm. 1), S. 566f., Anm. 12; ferner Arndt Weinrich, Der Weltkrieg als Erzieher. Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Essen 2013.
13.
Repräsentative Beiträge in Gudrun Brockhaus (Hrsg.), Attraktion der NS-Bewegung, Essen 2014; Gerd Krumeich, Wie die Nazis den Ersten Weltkrieg gewannen, in: ders., Deutschland, Frankreich und der Krieg. Historische Studien zu Politik, Militär und Kultur, Essen 2015, S. 302–316; Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Zur Popularität eines Unrechtsregimes, Paderborn u.a. 2013, S. 82–87, S. 218–231.
14.
Vgl. Klaus Weinhauer/Anthony McElligott/Kirsten Heinsohn, Introduction: In Search of the German Revolution, in: dies. (Hrsg.), Germany 1916–23. A Revolution in Context, Bielefed 2015, S. 23–26.
15.
Vgl. Rüdiger Bergien, Die bellizistische Republik. Wehrkonsens und "Wehrhaftmachung" in Deutschland 1918–1933, München 2012; Peter Fritzsche, The Economy of Experience in Weimar Germany, in: Kathleen Canning/Kerstin Brandt/Kristin McGuire (Hrsg.), Weimar Publics, Weimar Subjects. Rethinking the Political Culture of Germany in the 1920s, New York–Oxford 2010, S. 360–382, insb. S. 369. Zur Weimarer Erbschaft des Ersten Weltkriegs siehe auch den Beitrag von Dirk Schumann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
16.
Vgl. Dirk Schumann, Political Violence, Contested Public Space, and Reasserted Masculinity in Weimar Germany, in: Canning/Brandt/McGuire (Anm. 15), S. 236–253, insb. S. 239–247; Benjamin Ziemann, Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933, Bonn 2014, S. 40–54, S. 63ff., S. 168–190; Weinrich (Anm. 12), S. 105–124.
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Autor: Ursula Büttner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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