Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Ursula Büttner

Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung

Währungs- und Wirtschaftskrisen

Zur Forschung gehören die Korrektur von Thesen und für sicher gehaltenen Erkenntnissen wie auch die oft daraus resultierenden Debatten. Zwei wichtige Kontroversen seien noch erwähnt.

Die sich anfangs langsam und dann immer rasanter beschleunigende Inflation der Jahre 1918 bis 1923 wurde von Historikern und Historikerinnen lange zu den fatalen, die Weimarer Republik destabilisierenden Entwicklungen gerechnet. Dagegen betonten Wirtschaftswissenschaftler die günstigen Auswirkungen der Geldentwertung für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach dem Krieg und ihre Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft. Angesichts der verheerenden sozialen, sozialpsychischen und politischen Folgen des Währungschaos fiel es der historischen Zunft schwer, dieses Argument zu akzeptieren. Inzwischen scheint sich eine vermittelnde Sicht durchzusetzen: Bis zum Beginn der Hyperinflation im Juli 1922 überwogen die günstigen Effekte; dann aber brachte das Währungsversagen Wirtschaft, Staat und Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs.[17]

Die andere Kontroverse entwickelte sich in den 1980er Jahren und betraf wieder, wie dreißig Jahre zuvor der Conze/Bracher-Disput, unmittelbar das Scheitern der Weimarer Republik. Von der Geschichtswissenschaft war Brünings harte Spar- und Deflationspolitik zunächst für sachgerecht und mutig gehalten worden; dann aber hatte sie sich die völlig andere Bewertung der keynesianischen Schule der Wirtschaftswissenschaft zu eigen gemacht, dass diese Politik durch ihre verheerenden prozyklischen Wirkungen Deutschland tiefer in die Wirtschaftskrise gestoßen, viele Menschen in Elend, Verzweiflung und politischen Radikalismus getrieben und so zum Untergang der Republik beigetragen habe.

Ein Konsens schien erreicht, bis 1979 ein anderer Wirtschaftshistoriker, Knut Borchardt, widersprach und in den folgenden Jahren zusammen mit seinen Schülern in zahlreichen Arbeiten die These untermauerte: Wegen der schlechten Finanzlage des Staates, des überhöhten Lohnniveaus, der Beschränkung der geldpolitischen Souveränität durch die Reparationspflichten, wegen wirtschaftstheoretischer Defizite und der verbreiteten Inflationsfurcht der Deutschen sei Brünings Politik die einzig mögliche gewesen.[18] Diese Argumentation rief viele Einwände hervor, unter anderem den, dass zeitgenössische Wirtschaftsexperten und sogar Brüning selbst seit der Einführung einer strengen Devisenkontrolle im August 1931 Spielraum für eine antizyklische Finanzpolitik sahen.[19] Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl und andere ließen sich nicht überzeugen. Sie räumen ein, dass die extreme Sparpolitik den Sozialstaat ruinierte und die Verzweifelten den Nationalsozialisten in die Arme trieb; unter dem Young-Plan, dem Reparationsvertrag von 1930, sei sie jedoch unvermeidbar gewesen.[20] Das läuft auf die alte Behauptung hinaus, dass die Alliierten an Hitlers Machtübernahme schuld waren.

Fußnoten

17.
Vgl. die Literaturnachweise bei Büttner (Anm. 1), S. 561–565; ferner Fred Taylor, Inflation. Der Untergang des Geldes in der Weimarer Republik und die Geburt eines deutschen Traumas, München 2013.
18.
Literaturnachweis bei Büttner (Anm. 1), S. 661f., Anm. 87. Auslöser der Debatte war Knut Borchardt, Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Wirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre. Zur Revision des überlieferten Geschichtsbildes, in: ders., Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien zur Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 1982, S. 165–182.
19.
Vgl. Büttner (Anm. 1), S. 451–454.
20.
Vgl. Albrecht Ritschl, Deutschlands Krise und Konjunktur 1924–1934. Binnenkonjunktur, Auslandsverschuldung und Reparationsproblem zwischen Dawes-Plan und Transfersperre, Berlin 2002; ders., Schuldenkrise und Austerität. Die Rolle des Reichswirtschaftsministeriums in der Deflationspolitik 1929–1931, in: Carl-Ludwig Holtfrerich (Hrsg.), Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer. Strukturen, Akteure, Handlungsfelder, Berlin–Boston 2016, S. 579–636.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Ursula Büttner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.