Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Ursula Büttner

Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung

Krise der Moderne?

Die unvereinbaren Meinungen blieben nebeneinander stehen. Auch andere offene Fragen wurden nicht geklärt; es gab und gibt weiterhin große Wissenslücken, einige sind in meinem Buch von 2008 genannt.[21] Trotzdem ließ das Forschungsinteresse an der Weimarer Republik nach der "Wende" von 1989/90 für längere Zeit deutlich nach. Die Situation änderte sich wieder mit dem Erfolg der "neuen Kulturgeschichte", die am Beispiel Weimars viele Aspekte der Moderne untersucht.

Kultur wird dabei im weitesten Sinn als Gesamtheit der kreativen Leistungen einer Gesellschaft verstanden: Neben den Hervorbringungen der "Hochkultur" und der "Massenkultur" umfasst sie auch die intellektuelle, mentale und emotionale Verarbeitung von Erfahrungen, ihre sprachliche und bildhafte Präsentation, Werte, Symbole und Mythen, kurz: die subjektive Wahrnehmung und Deutung von Zeit und Umwelt. Die untersuchten Fragen entsprechen zum Teil der im Anschluss an die französische Annales-Schule entwickelten "Mentalitätsgeschichte" der 1970er und 1980er Jahre, die das politische Verhalten von sozialen Gruppen zu verstehen versuchte. Ihre Ergebnisse werden jedoch wenig rezipiert. Das mag daran liegen, dass die Mentalitätsgeschichte gerne einzelne Regionen exemplarisch untersuchte, während die "neue Kulturgeschichte" zum großen Überblick tendiert und sogar den transnationalen Vergleich anstrebt.[22] Mit elaborierten Methoden behandelt sie viele neue Themen wie Generationen- und Genderfragen, Raum-, Zeit- und Körperwahrnehmung, die symbolische Vermittlung von Politik, Gedenkrituale und politische Mythen, um nur einige Aspekte zu nennen.

Die historische Forschung neigt dazu, auf der Suche nach der Vorgeschichte und den Voraussetzungen von Entwicklungen immer weiter zurückzugehen. Bei der Analyse subjektiver Faktoren ist das in besonderem Maß der Fall. Schon die Annales-Schule hatte Mentalitäten der "longue durée", den sehr langsamen, über Epochengrenzen hinwegreichenden Wandlungen von "langer Dauer", zugerechnet. Arbeiten zur "politischen Sozialgeschichte" von gesellschaftlichen Gruppen in der Weimarer Epoche setzten deshalb bereits oft mit 1914 ein. Auch von der "neuen Kulturgeschichte" wird aus ähnlichem Grund die zeitliche Eingrenzung der Weimarer Republik sowohl bei Spezialstudien als auch bei Gesamtdarstellungen zunehmend infrage gestellt.

Meistens wird dann 1914 als Ausgangspunkt gewählt.[23] Der Historiker Anthony McElligott macht die zunehmende Herrschaft des Staates über die Gesellschaft zum Maßstab und hält 1916 und 1936 für wichtigere Einschnitte als 1918 und 1933. Andere Autoren sehen im Hinblick auf die Entwicklung der Moderne die entscheidenden Zäsuren um 1890 oder 1870.[24] Diese neuen Grenzmarken verdecken die Bedeutung der Demokratiegründung und lassen die Weimarer Republik in der "Zwischenkriegszeit" oder im "Katastrophenzeitalter"[25] oder in einem neuen "dreißigjährigen Krieg"[26] verschwinden. Das widerspricht der Forderung, die sich in der Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren zumindest theoretisch weitgehend durchgesetzt hat, dass die erste deutsche Demokratie nicht nur vom Ende her unter dem Aspekt des Scheiterns gesehen werden dürfe, sondern als eine Epoche von eigenem Wert behandelt werden müsse.[27] So sehr die Auswirkungen des ersten "totalen", die gesamte Gesellschaft erfassenden Kriegs die Weimarer Republik belasteten, sollte der politische Umbruch von 1918/19 nicht unterschätzt werden.

Die "neue Kulturgeschichte" bezieht sich bei ihren Weimar-Arbeiten sehr stark auf Detlev Peukerts Synthese von 1987. Er erprobte darin die Methode der "historischen Anthropologie",[28] die auch die "neue Kulturgeschichte" beeinflusste, und wirkte dadurch besonders anregend. Die Geschichte der Weimarer Republik deutete er als "Krisenjahre der klassischen Moderne".[29] Vor ihm hatten schon andere Historiker wie Thomas Nipperdey vorgeschlagen, den Faschismus als extreme Reaktion auf eine "Modernisierungskrise" und eine "Modernitätskrise" zu erklären, als Protest gegen die Verunsicherung traditioneller Vorstellungen durch die schnelle ökonomisch-technische und soziale Modernisierung, verbunden mit einer grundsätzlichen Aversion gegen die Moderne überhaupt.[30] Peukert betonte demgegenüber das "Doppelgesicht der Moderne", ihre kreativen und destruktiven Potenziale, und gewann dadurch die Möglichkeit, neben den negativen auch die positiven Aspekte der Geschichte Weimars zu beachten. Tatsächlich dominierten in seiner Darstellung jedoch die krisenhaften Züge und der Blick auf das Ende der Republik.

Diese Perspektive wird in vielen kulturgeschichtlichen Detailstudien geteilt. Seit einiger Zeit gibt es aber Widerspruch: Der Haupteinwand richtet sich gegen das Krisen-Narrativ. Damit werde ein in der Zeit allgegenwärtiger Begriff als Leitfrage für die Untersuchung der Weimarer Republik übernommen und übersehen, dass er nicht die Situation selbst, sondern ihre Wahrnehmung und Deutung vor dem Hintergrund eines "enormen Erwartungsüberschusses" bezeichnete. Außerdem sei "Krise" zeitgenössisch als eine Problemlage mit offenem Ausgang verstanden worden.[31]

Andere halten deshalb die Beschreibung Weimars als "Laboratorium der Moderne" für zutreffender.[32] Doch diese Metapher passt vor allem für die sozialen und kulturellen Utopien der Gegner, während die Anhänger der Republik keine Experimente im Sinn hatten, sondern die in deutschen Staatsvorstellungen seit Langem vorbereitete liberale Demokratie verwirklichen wollten. Kürzlich hat der Germanist Helmuth Kiesel auch Peukerts Übertragung des Namens "Klassische Moderne" von der Kunstgeschichte auf die allgemeine Geschichte der Weimarer Republik kritisiert: "Klassisch" bedeute Höhepunkt, mustergültige Realisierung, und wenn zur "Moderne" auch die breite Partizipation einer informierten Bevölkerung gehöre, dann habe sie in der Weimarer Zeit gerade erst begonnen.[33]

Fußnoten

21.
Vgl. Büttner (wie Anm. 1), S. 15ff.
22.
Vgl. etwa Michael Schäfer, Bürgertum in der Krise. Städtische Mittelklassen in Edinburgh und Leipzig 1890–1930, Göttingen 2003; Moritz Föllmer, Die Verteidigung der bürgerlichen Nation. Industrielle und hohe Beamte in Deutschland und Frankreich 1900–1930, Göttingen 2002; Sonja Levsen, Elite, Männlichkeit und Krieg. Tübinger und Cambridger Studenten 1900–1929, Göttingen 2005.
23.
Vgl. etwa Matthew Stibbe, Germany, 1914–1933. Politics, Society and Culture, Harlow u.a. 2010.
24.
Vgl. McElligott (Anm. 10); für die Zäsuren im 19. Jahrhundert z.B. Bergien (Anm. 15); Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014.
25.
So die Überschrift des ersten Teils über die Jahre 1914–1945 in: Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München u.a. 19975.
26.
Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, S. 10.
27.
Diese Erkenntnis spiegelt sich in den Titeln der Gesamtdarstellungen der Weimarer Republik wider, die seit der Mitte der 1990er Jahre auf charakterisierende Ergänzungen wie "unvollendete Demokratie" (Horst Möller), "improvisierte Demokratie" (Theodor Eschenburg), "Belagerte Civitas" (Michael Stürmer) o.Ä. verzichten. Im Titel meines Buches (Anm. 1) wird zwar das Scheitern angedeutet ("überforderte Republik"), aber im Untertitel betont, dass es genauso um "Leistung" wie um "Versagen" geht.
28.
Vgl. Detlev J.K. Peukert, Neuere Alltagsgeschichte und Historische Anthropologie, in: Hans Süssmuth (Hrsg.), Historische Anthropologie. Der Mensch in der Geschichte, Göttingen 1984, S. 57–72.
29.
Vgl. Anm. 1.
30.
Thomas Nipperdey, Probleme der Modernisierung in Deutschland, in: ders., Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays, München 1986 (1979), S. 44–59.
31.
Vgl. Moritz Föllmer/Rüdiger Graf/Per Leo, Die Kultur der Krise in der Weimarer Republik, in: dies. (Hrsg.), Die "Krise" der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M. u.a. 2005, S. 9–41, Zitat S. 29.
32.
Zuerst Peter Fritzsche, Did Weimar Fail?, in: Journal of Modern History 3/1996, S. 629–656, insb. S. 631.
33.
Vgl. Helmuth Kiesel, Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 bis 1933, München 2017, S. 88.
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Autor: Ursula Büttner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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