Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Ursula Büttner

Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung

Neue positive Deutungen

Inzwischen zeigt sich eine Tendenz, die Betrachtung der Weimarer Republik vom Ende her unter dem Aspekt der Krise und des Scheiterns nicht nur theoretisch zu verwerfen, sondern ihre Chancen und gelungenen Anstrengungen durch empirische Arbeiten zu belegen. Die 2016 in Jena errichtete Forschungsstelle Weimarer Republik hat sich in besonderer Weise diesem Bemühen verschrieben.

Nur wenige Ergebnisse können hier erwähnt werden: Die Rede von der "Demokratie ohne Demokraten" oder "Republik ohne Republikaner" erweist sich als falsch. Die neue Ordnung wurzelte in einer demokratischen Tradition; es gab 1918/19 eine verbreitete demokratische Aufbruchstimmung,[34] die sich bei der Wahl zur Nationalversammlung in einer Dreiviertelmehrheit für die republikanischen Parteien niederschlug, und auch 1930 fand das parlamentarische Regierungssystem noch genügend Unterstützung. Die Republik schuf sich Symbole und Riten der Zustimmung[35] sowie wirkungsvolle Instrumente der Gegenwehr gegen ihre inneren Feinde.[36] Hinter der im Reichstagsplenum zur Schau getragenen scharfen Gegnerschaft gab es in Ausschüssen und bei persönlichen Kontakten zeitweise Ansätze zu parteiübergreifender Integration und zur Verwandlung der Deutschnationalen Volkspartei in eine verfassungsloyale konservative Partei.[37] Überhaupt nahm der Republikanismus aus Vernunft zu, der nicht für minderwertig gehalten werden sollte.[38] Diskursanalysen haben die semantische Offenheit von Begriffen wie "Führer" und "Volksgemeinschaft" erwiesen, die keineswegs nur im rechten Lager zu Hause waren.[39] Finanz- und wirtschaftspolitische Projekte wie die Erzbergersche Finanzreform waren von dem Ziel geleitet, durch ökonomische Absicherung Freiheit zu ermöglichen und eine soziale Demokratie zu schaffen.[40]

Fazit und eine Erklärung für Weimars Ende

Durch die intensive Forschung wird das Bild der Weimarer Republik immer differenzierter. Die widersprüchlichen Entwicklungen in der "gespaltenen Republik" werden noch deutlicher; aber das stellt sich nicht mehr nur als Schwäche dar, sondern lässt Chancen aufscheinen. Bei jeder neuen Sondierung tauchen auch neue Fragen auf, sodass es wenig Sinn ergibt, Desiderata aufzulisten. Nachdem die Kulturgeschichte eine Zeitlang die Forschung dominiert hat, gibt es Anzeichen, dass sich auch die Politik- und Rechtsgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte wieder stärker Weimar zuwenden. Biografien, die zur Zeit der Hegemonie der "Strukturgeschichte" fast verpönt waren, boomen; prominente und weniger prominente Menschen aus den verschiedensten Bereichen, darunter zunehmend auch Frauen, finden Interesse.

Eine Integration der verschiedenen Forschungsansätze zu einer neuen Gesamtdarstellung ist nicht in Sicht. In politik- und sozialgeschichtlich orientierten Studien wird die "neue Kulturgeschichte" meistens nur marginal behandelt, und bei Arbeiten dieser Forschungsrichtung kommen Staat, Wirtschaft und Soziales zu kurz.[41]

Je stärker die günstigen Entwicklungen und unter äußerst schwierigen Bedingungen vollbrachten Leistungen der Weimarer Demokratie herausgearbeitet werden, desto brisanter wird erneut die Frage, warum sie dennoch nach 14 Jahren unterging. Ein Vergleich der schweren Krisen von 1923 und 1931/32 kann bei der Beantwortung helfen.[42] Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation 1923 war die Lage in Deutschland eher noch gefährlicher als in der Endphase der Republik: Der Zusammenbruch der Währung hatte zu weitgehender wirtschaftlicher Lähmung geführt. Hohe Arbeitslosigkeit, schwere Nachteile für ländliche und städtische Mittelschichten bis zur Existenzvernichtung, krasse Not weiter Bevölkerungskreise, Massenstreiks, Straßenkämpfe, Hungerkrawalle, separatistische Bestrebungen an den Rändern des Reichs waren die Folge. Links- und Rechtsextremisten versuchten den gewaltsamen Staatsumsturz. Aber 1923 beachtete die Reichsregierung die verzweifelte Stimmung und entschloss sich im letzten Augenblick zu einem radikalen Politikwechsel. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert sicherte diesen mit seinen Notstandsvollmachten ab; doch er setzte sie nur vorübergehend zur Überwindung der aktuellen Notsituation ein, im Sinne der Verfassung und nicht gegen sie.[43]

Sein Nachfolger Paul von Hindenburg handelte in der Weltwirtschaftskrise ab 1930 ganz anders: Er nutzte den Artikel 48 der Verfassung, um die stärkste Partei, die SPD, von der Regierung fernzuhalten und einem nur von ihm abhängigen Reichskanzler die Möglichkeit zu geben, ohne Rücksicht auf das Parlament und die wachsende Verelendung und Radikalisierung der Gesellschaft eine rigorose, krisenverschärfende Sparpolitik durchzuhalten. Das Ziel war die Revision des Versailler Vertrags und der Weimarer Verfassung.[44] Es war eine antidemokratische Politik, ein "Staatsstreich auf Raten".[45] Strukturprobleme, Belastungen durch Krieg und Niederlage, schwere aktuelle Krisen, mentale Prägungen, das alles trug zur schwierigen Situation am Ende der Weimarer Republik bei. Den letzten Ausschlag, dass die Krise in die Katastrophe mündete, gaben aber konkrete politische Entscheidungen.

Fußnoten

34.
Vgl. Manuela Achilles, Reforming the Reich. Democratic Symbols and Rituals in the Weimar Republic, in: Canning/Brandt/McGuire (Anm. 15), S. 175–190, insb. S. 175f.; Weinhauer/McElligott/Heinsohn (Anm. 14), S. 19.
35.
Vgl. Achilles (Anm. 34); Nadine Rossol, Performing the Nation in Interwar Germany. Sport, Spectacle and Political Symbolism, 1926–36, Houndmills u.a. 2010; dies., Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik, in: APuZ 50/2008, S. 13–18.
36.
Vgl. Michael Dreyer, Weimar als wehrhafte Demokratie – ein unterschätztes Vorbild, in: Friedrich-Ebert-Stiftung/Landesbüro Thüringen (Hrsg.), Die Weimarer Verfassung. Wert und Wirkung für die Demokratie, Erfurt 2009, S. 161–189.
37.
Vgl. Thomas Mergel, Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag, Düsseldorf 2002; Philipp Nielsen, Verantwortung und Kompromiss. Die Deutschnationalen auf der Suche nach einer konservativen Demokratie, in: Tim B. Müller/Adam Tooze (Hrsg.), Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2015, S. 294–314.
38.
Vgl. Andreas Wirsching (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft, Stuttgart 2008.
39.
Vgl. Thomas Mergel, Führer, Volksgemeinschaft und Maschine, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939, Göttingen 2005, S. 91–127, insb. S. 98, S. 106; Michael Wildt, Die Ungleichheit des Volkes. "Volksgemeinschaft" in der politischen Kommunikation der Weimarer Republik, in: ders./Frank Bajohr (Hrsg.), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2009, S. 24–40.
40.
Vgl. Tim B. Müller, Nach dem Ersten Weltkrieg. Lebensversuche moderner Demokratien, Hamburg 2014; ders., Demokratie, Kultur und Wirtschaft in der deutschen Republik, in: Müller/Tooze (Anm. 37), S. 259–293.
41.
Ein Beispiel ist Eric Weitz, Weimar Germany. Promise and Tragedy, Princeton 2007.
42.
Siehe auch schon Gerald D. Feldman, The Great Disorder. Politics, Economics, and Society in the German Inflation, 1914–1924, New York–Oxford 1993, S. 698.
43.
Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert, Bonn 2017, S. 119f.
44.
Vgl. Büttner (Anm. 1), S. 438, S. 461f.
45.
Dreyer (Anm. 36), S. 184.
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Autor: Ursula Büttner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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