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9.6.2002 | Von:
Wolfgang Hartenstein

Fünf Jahrzehnte Wahlen in der Bundesrepublik: Stabilität und Wandel

II. Die Gesellschaft ändert sich

Welche Parteien gewählt werden, war immer, und ist auch heute noch, beeinflusst durch das soziale und mentale Milieu, in das jemand hineingeboren wurde und hineingewachsen ist. Wählerinnen und Wähler sind nicht isolierte Individuen, sondern Teile eines Beziehungsgeflechts; Familie, private und berufliche Kontaktnetze, Wohnort und Nachbarschaft prägen und verstärken die politischen Meinungen und Verhaltensweisen jedes Einzelnen.

Am augenfälligsten sind die politischen Bindungen der kirchennahen Katholiken an die CDU/CSU auf der einen, der Arbeiterschaft an die SPD auf der anderen Seite. Drei von vier katholischen Kirchgängern wählten und wählen die Union, zwei von drei gewerkschaftlich organisierten Arbeitern die SPD. Sie bilden den Kern der traditionellen Anhängerschaft, die "Stammwähler", die sich fest an "ihre" Partei gebunden fühlen und ihr auch in schlechten Zeiten treu bleiben.

Solche Stammwähler gibt es auch heute noch. Ihre Anzahl und Bedeutung für das Wahlergebnis hat sich jedoch vor allem deswegen verringert, weil die entsprechenden Bevölkerungsgruppen kleiner geworden sind. Zwischen 1961 und 1995 hat sich der Anteil der Arbeiter an allen Erwerbspersonen von 50 auf 35 Prozent verringert, der Anteil der Angestellten und Beamten hat sich fast verdoppelt (von 28 auf 54 Prozent). Vor 40 Jahren nahmen rund zwölf Mio. Katholiken am sonntäglichen Gottesdienst teil, heute nur noch etwa fünf Mio.

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat zu neuen Berufen und neuartigen Arbeitsbedingungen geführt. Für die Angehörigen der "neuen Mittelschichten" gibt es andere Loyalitäten und Optionen. Die traditionellen Bindungen haben sich aber nicht ganz aufgelöst. Noch immer gibt es bei beiden großen Parteien Kerngruppen und Stammwähler, noch immer gibt es so genannte Parteien-"Hochburgen". Und noch immer appellieren die Parteien, vor allem in Wahlkampfzeiten, an diese traditionellen Loyalitäten. Wahlen werden aber heute "in der Mitte" entschieden, durch Wähler, die häufiger und leichter zwischen den Parteien wechseln.

In dem Maße, in dem beide großen Parteien sich auf veränderte Strukturen und neuartige Mentalitäten einstellen mussten, hat sich die Struktur ihrer Wählerschaft stark gewandelt. Union und SPD haben sich weitgehend einander angenähert, was die Herkunft ihrer WählerInnen angeht. Die Veränderungen bei der SPD waren besonders gravierend: Der Anteil der Arbeiter unter ihren Wählern sinkt binnen 40 Jahren auf die Hälfte, der Anteil der Angestellten und Beamten steigt auf das Dreifache.