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9.6.2002 | Von:
Wolfgang Hartenstein

Fünf Jahrzehnte Wahlen in der Bundesrepublik: Stabilität und Wandel

VI. Trends bei Frauen und Männern und in Altersgruppen

1. Frauen und Männer: Angleichung im Wahlverhalten



Wem Männer und wem Frauen ihre Stimmen geben, hat die Gemüter immer bewegt, seit auch die Frauen wählen dürfen. In der Weimarer und den ersten Jahren der Bonner Republik hat es in der Tat erhebliche Unterschiede im Wahlverhalten gegeben. Frauen tendierten eher zu den gemäßigten, konservativen und christlichen Parteien; die Radikalen zur Linken und zur Rechten fanden bei ihnen wenig Anklang.

Im Rückblick auf die Wahlgeschichte der Bundesrepublik fällt auf, dass in den letzten 30 Jahren die beiden großen Parteien sich in etwa dem gleichen Maße auf beide Geschlechter stützen können. Während bis zum Jahre 1969 die Union bei allen Bundestagswahlen von den Frauen um rund neun bis zehn Punkte mehr Stimmen erhielt als von den Männern (und die SPD von den Männern um rund fünf bis acht Punkte mehr Stimmen als von den Frauen), gab es im Abstimmungsverhalten der Geschlechter 1972 eine weitgehende und seit 1976 eine völlige Angleichung. Das hatte mit den sozio-ökonomischen Veränderungen zu tun, die in Abschnitt II beschrieben sind: Rückgang der Zahl der kirchlich Gebundenen (vor allem Frauen) auf der einen, der Arbeiterschaft (vor allem Männer) auf der anderen Seite. Aber auch die veränderten beruflichen und gesellschaftlichen Orientierungen von Frauen spielten eine Rolle.

Erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich dagegen bei den kleineren Parteien beobachten. Die Grünen werden seit 1990 überdurchschnittlich stark von Frauen unterstützt, und zwar vor allem aus der jüngeren und mittleren Generation; Ähnliches gilt, wenn auch nicht so ausgeprägt, für die Wählerschaft der PDS in Ostdeutschland. Die Rechtsparteien dagegen finden weit mehr Rückhalt bei den Männern, und zwar vor allem bei den jüngeren.

2. Altersunterschiede bei der Stimmabgabe



In den verschiedenen Altersgruppen hat es zwischen den beiden großen Volksparteien immer schon signifikante Unterschiede gegeben. Die Union war und ist besonders stark in der Altersgruppe über 60 Jahre (vor allem bei den allein stehenden Frauen), die SPD hatte und hat überdurchschnittliche Ergebnisse regelmäßig in der jüngeren und mittleren Generation (zwischen 25 und 60 Jahren). Die Gründe haben vor allem mit beruflichen und kirchlichen Bindungen zu tun und nicht primär damit, dass man als junger Mensch eher progressiv, als älterer eher konservativ wählt.

In den letzten drei Jahrzehnten ist das nicht grundlegend anders geworden, es haben sich jedoch interessante Änderungen abgespielt. Sie gehen einher mit Veränderungen im Rollenbewusstsein und mit gesellschaftlichen Orientierungen in bestimmten Lebensphasen, sind aber auch mit politischen Prägungen zu bestimmten Zeitpunkten und mit dem Älterwerden einzelner politischer "Generationen" zu erklären.

Zu den wichtigsten Veränderungen sind zu rechnen: eine starke Sympathiewelle bei den jüngsten Wählern zunächst für die Sozialdemokraten, später für die Grünen; Verlagerungen in den Parteipräferenzen bei den 35- bis 60-Jährigen von der Union zur SPD; und ein noch stärkerer Rückhalt der CDU/CSU bei den Älteren: Bei der letzten Bundestagswahl schnitt die Union bei den über 60-Jährigen um etwa zehn Punkte besser ab als bei allen Wählern.

An diesen Trends lässt sich ein "Generations-Effekt" ablesen, dem zufolge nicht das jeweilige Lebensalter, sondern das Geburtsjahr - und das heißt: der Zeitpunkt der späteren politischen Sozialisation - eine Bedeutung hat. Unter den Älteren gibt es relativ viele "Adenauer-Wähler", unter den 40 - bis 60-Jährigen relativ viele "Brandt-Wähler", unter den 30- bis 45-Jährigen viele, die durch die grün-alternative Bewegung der achtziger Jahre geprägt wurden.

In dem Maße, in dem das Modell der "politischen Generationen" die Realität abbildet, erhält die Gruppe der Jungwähler besondere Bedeutung: nicht weil die 18- bis 24-Jährigen zahlenmäßig stark ins Gewicht fallen, sondern weil sie als neue Gruppe auf dem politischen Markt auftauchen und - einmal gewonnen - eine Partei für längere Zeit stärken können.

In dieser Gruppe hat es bei allen Wahlen immer besonders starke Veränderungen gegeben, weil die jeweilige junge Generation auf ganz unterschiedliche Weise auf den jeweiligen "politischen Zeitgeist" reagiert hat. Diese Veränderungen können für alle Bundestagswahlen seit 1972 nachgezeichnet werden, und zwar anhand einer Maßzahl, die sich für jede Partei aus der Differenz der Stimmenanteile aller und der 18- bis 24-jährigen WählerInnen ergibt. In dieser Zahl steckt sozusagen der Bonus oder Malus, den eine Partei bei den Jungwählern bei einer bestimmten Wahl genießt.

Bis 1965 hatten beide großen Parteien bei der jüngsten Altersgruppe (in der Repräsentativstatistik dieser Zeit als 21- bis 29-Jährige ausgewiesen) etwa so viel Rückhalt wie bei den WählerInnen insgesamt; 1969 hatte die SPD einen leichten Bonus, die Union einen leichten Malus bei den Jungen. Eine dramatische Veränderung brachte die Wahl von 1972, als das Wahlalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde (und die Statistik die 18- bis 24-Jährigen als jüngste Altersgruppe auszuweisen begann). Die SPD mit Willy Brandt erreichte in dieser Gruppe 54,6 Prozent der Stimmen, über acht Punkte mehr als das SPD-Gesamtergebnis. Die Union lag mit nur 35,2 Prozent um über neun Punkte unter ihrem Gesamtergebnis.

Mit diesem Handicap bei den Jungwählern in der Größenordnung zwischen 7 und 10 Punkten musste die CDU/CSU in allen Wahlen bis 1994 leben; bei der letzten Bundestagswahl hat sich der Malus verringert, und die letzten Landtagswahlen deuten auf einen dauerhaften Sympathiegewinn der Union bei den Jüngeren hin. Die SPD andererseits musste in den letzten drei Jahrzehnten einen langfristigen Vertrauensverlust bei den Jungwählern hinnehmen.

Die Grünen haben in den achtziger Jahren die SPD als "Partei der Jugend" abgelöst und bei den 18- bis 24-jährigen bis zum Jahre 1994 regelmäßig doppelt so hohe Werte wie in der Wählerschaft insgesamt erzielt. Inzwischen sind aber auch ihre Anhänger in die Jahre gekommen: Die besten Ergebnisse erzielen die Grünen neuerdings - vor allem bei den Landtagswahlen der letzten Jahre - bei den 35- bis 44-Jährigen, und dort vor allem bei den Frauen.

Bei der letzten Bundestagswahl hatten SPD und Grüne zusammen zum ersten Mal keinen Bonus mehr bei den Jungwählern. Davon haben vor allem die "sonstigen Parteien" profitiert. Nicht weniger als 12 Prozent der Jungwähler haben ihr Glück bei rechtsextremen und zum Teil exotischen Gruppierungen am Rande des Parteienspektrums - ohne reale Aussicht auf parlamentarische Vertretung - gesucht, doppelt so viel wie von den Wählern insgesamt. Die Stoßrichtung dieses Votums richtet sich klar gegen das etablierte Parteiensystem.