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Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Gotelind Alber
Diana Hummel
Ulrike Röhr
Meike Spitzner
Immanuel Stieß

Geschlechtergerechtigkeit und Klimapolitik

Sieben transformative Gender-Dimensionen

Um die sehr breit gefächerten Erkenntnisse zu den Genderaspekten des Klimawandels richtungssicher für die Klimapolitik und deren Umsetzung handhabbar zu machen, wurden sie anhand von sieben Gender-Dimensionen strukturiert, die im Rahmen des Projekts des Umweltbundesamtes "Genderaspekte der Klimapolitik" auf der Grundlage bestehender Studien[15] weiterentwickelt wurden. In diesen Gender-Dimensionen sehen wir eine Voraussetzung für Geschlechtergerechtigkeit in der Klimapolitik:
  1. Symbolische Ordnung: Hierarchisierungen, Bedeutungszuschreibungen und -positionierungen (GD1);
  2. Versorgungsökonomie/Sorgearbeit: Zuschreibung, Verteilung, Zeit, Stellenwert, Instrumentalisierung (GD2);
  3. Erwerbsökonomie: horizontale und vertikale Segregation, Berufswahl, Vermögensverhältnisse (GD3);
  4. Öffentliche Ressourcen/Infrastrukturen: Bereitstellung, Ausrichtung, Zugang, Gebrauchsfähigkeit (GD4);
  5. Institutionalisierter Androzentrismus: Maskulinität als Maßstab, Definitionsmacht der Institutionenebene, institutionalisierte inhaltlich-kognitive implizite Genderhierarchisierungen (GD5);
  6. Definitions- und Gestaltungsmacht auf Akteursebene: Teilhabe an und Berücksichtigung von Genderexpertise bei Entscheidungen in Wissenschaft, Technik und Politik (GD6);
  7. Körper und Gesundheit: Privatsphäre (intimacy), Gewaltfreiheit (GD7).
Der besondere Wert dieser Gender-Dimensionen liegt darin, dass sie Erkenntnisse für mögliche strukturelle Veränderungen bieten und in Richtung einer gesellschaftlichen Transformation weisen. Indem sie nicht auf geschlechtshierarchisch geprägte phänomenologische Unterschiede qua biologischem Geschlecht mit gegebenenfalls nur weiteren soziodemografischen Merkmalsausprägungen fokussieren, sondern auf unsere strukturellen gesellschaftlichen Genderprobleme – also auf Ungleichheit und Machtverhältnisse erzeugende und aufrechterhaltende Faktoren –, eröffnen sie politische Gestaltungsmöglichkeiten. Erst durch diesen Fokus lassen sich strukturverändernde und wirksame politikpraktische Ansatzpunkte identifizieren, derer die Klimapolitik fast mehr noch als andere Politikbereiche bedarf.

Es sieht auf der einen Seite fast so aus, als wenn diejenige Forschung, die in den vergangenen Jahren akademisch unternommen wurde und Eingang in akademische Veröffentlichungen findet, strukturelle Zusammenhänge weitgehend negiert. Sie scheint den Bezug auf die Forschung seit den 1970er bis in die 2000er Jahre, die strukturbezogene Ansätze entwickelte, verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist der Bedarf, Strukturen transformativ zu gestalten, angesichts der globalen existenziellen Herausforderungen des Klimawandels in der gleichen Zeit drastisch deutlicher geworden. Die transformativen Gender-Dimensionen eröffnen hier wichtige neue Perspektiven und Chancen, die zudem für die praktische politische Umsetzung und insbesondere die Anwendung des Gender Impact Assessments (GIA) in konkreten Handlungsfeldern der Klimapolitik genutzt werden können.

Welchen Weg weisen nun Erkenntnisse zu den Wirkungsmechanismen zwischen Klimapolitik und transformativen Gender-Dimensionen, wenn diese den Blick auf systemische Zusammenhänge richten und zugleich in umsetzbare Klimapolitiken überführt werden sollen? Wie ist zum Beispiel eine klimarelevante Versorgungspolitik zu konzipieren, etwa eine Energiepolitik, die die Versorgungsökonomie als zugehörig zu Männlichkeit begreift, als Teil öffentlicher und politischer Verantwortung einschließt und versorgungsökonomische Beiträge von der Wirtschaft einfordert (GD2)? Wie kann eine entsprechende Energiepolitik aussehen, die die weiblich konnotierte Versorgungsökonomie und das Private nicht be-, sondern entlastet?[16]

Oder, um die Perspektive an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen: Wie kann die Forderung der Klimapolitik nach Verkehrsvermeidung klimapolitisch durchgesetzt werden – angesichts institutionalisierter Androzentrismen,[17] die das Handlungsfeld Verkehr anhand technischer Vehikel anstatt lebensweltlicher Mobilitätsbedürfnisse strukturieren (GD5)? Wie wird ihr das möglich, angesichts einer aus androzentrischen Narrativen konstruierten übergreifenden symbolischen Ordnung (GD1), die die strukturelle Erzeugung von "Verkehr" als Erscheinungsform von Modernität und Wachstum als hinnehmbar postuliert? Wie kann Klimapolitik die symbolische Ordnung dahingehend beeinflussen, dass stattdessen Verkehrserzeugung als gesellschaftlicher Kostenverursacher und als für Bürger*innen nicht zumutbar begriffen wird?

Wie kann daran anknüpfend auch auf politischer Ebene die Zukunftsfrage bearbeitet werden, wie ein Wirtschaften zugunsten einer selbstbestimmten Bewegungsfreiheit von allen Menschen aller Lebenslagen zu verwirklichen ist? Wie ist eine nachhaltige Privilegierung von Anwohner*innen und Nutzer*innen des öffentlichen Raumes und verträglicher Nahverkehrsmittel zu realisieren?

Wie vergleichbare Fragen Anwendung finden (können), wird im Folgenden durch ein Beispiel aus der nationalen Klimapolitik veranschaulicht.

Fußnoten

15.
Vgl. Jeff Turner/Kerry Hamilton/Meike Spitzner, Women and Transport, Studie für das Europäische Parlament, Drucksache IP/B/TRAN/ST/2005_008 (PE 375.316), Brüssel, 26.6.2006; Irmgard Schultz et al., Research on Gender, the Environment and Sustainable Development. Studies on Gender Impact Assessment of the 5th Framework Programme for Research, Technical Development and Demonstration, Frankfurt/M. 2001; Mieke Verloo/Connie Roggeband, Gender Impact Assessment: The Development of a New Instrument in the Netherlands, in: Impact Assessment 14/1996, S. 3–20.
16.
Zu dieser Frage entwickelte ein jüngeres Forschungsprojekt erste Ansatzpunkte, die weiterer Entwicklung bedürfen. Vgl. Meike Spitzner/Sandra Buchmüller, Energiesuffizienz – Transformation von Energiebedarf, Versorgungsökonomie, Geschlechterverhältnissen und Suffizienz. Bericht zum emanzipativen Suffizienzansatz, zur neuen genderreflektierten Methodik und Auswertung einer Fokusgruppe, Wuppertal Report 8/2016, https://energiesuffizienz.files.wordpress.com/2014/06/wr8.pdf«.
17.
Vgl. Meike Spitzner, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse – Probleme und Alternativen zu androzentrischen Konzeptionen und Dimensionierungen von Ökonomie, Ökologie und Sozialität, in: Gaby Franger/Brigitte Sesselmann (Hrsg.), Orte für Frauen – Stadtraum gestalten und aneignen, Frauen in der Einen Welt – Zeitschrift für interkulturelle Frauenalltagsforschung 2/2001, S. 89–111.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gotelind Alber, Diana Hummel, Ulrike Röhr, Meike Spitzner, Immanuel Stieß für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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