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Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Gotelind Alber
Diana Hummel
Ulrike Röhr
Meike Spitzner
Immanuel Stieß

Geschlechtergerechtigkeit und Klimapolitik

Geschlechtergerechtigkeit in der nationalen Klimapolitik

Geschlechtergerechtigkeit ist auch für die nationale Klimaschutzpolitik ein verbindliches Ziel. Die Grundlagen bilden das im Grundgesetz formulierte Gleichstellungsgebot (Art 3. Abs. 2 GG) sowie das in der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO) verankerte Prinzip des Gender Mainstreamings. Die Umweltpolitik war eine Vorreiterin bei der Entwicklung von Instrumenten und Verfahren zur Umsetzung des Gender Mainstreamings in der Bundesrepublik.[18] Allerdings werden die gleichstellungspolitischen Ziele gegenwärtig vor allem auf der Ebene der institutionellen Gleichstellungspolitik im Bundesumweltministerium oder dem Umweltbundesamt umgesetzt, etwa durch das Aufstellen von Gleichstellungsplänen und gleichstellungsrelevanten Maßnahmenkatalogen.[19] Eine systematische Überprüfung der Gleichstellungsrelevanz von umwelt- und klimapolitischen Gesetzen und Maßnahmen findet bislang nicht statt.

Beispiel Hitzeschutz
Wie Klimapolitik zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen kann, soll an einem aktuellen Beispiel aus der Klimaanpassungspolitik in Deutschland gezeigt werden. Da als Folge des Klimawandels die Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen in Deutschland zunehmen, ist der Hitzeschutz ein wichtiges Handlungsfeld der Klimapolitik. Das Beispiel Hitzeschutz verdeutlicht, wie vielfältig die Verbindungen von Klimapolitik, Gender und Geschlechtergerechtigkeit sind.

Der Zusammenhang von Klimawandel und Gender wurde vor allem im Kontext der Auswirkungen von Hitzewellen untersucht. Statistiken zeigen, dass die Sterberate von Frauen bei Hitzewellen erheblich höher ist als diejenige von Männern.[20] Allerdings beschränken sich Studien häufig darauf, Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen. Die Gründe für die höhere Sterblichkeit von Frauen bleiben ungeklärt oder werden pauschal auf die höhere Lebenserwartung von Frauen zurückgeführt. Neuere Untersuchungen stellen diese Erklärungen infrage und gehen davon aus, dass die physiologischen Auswirkungen von Hitzeereignissen durch soziale Faktoren beeinflusst werden. Die sozial konstruierte Zuständigkeit für Betreuung und Sorgearbeit durch Angehörige (GD2) spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die erhöhte Mortalität von Frauen könnte demnach eine Folge der schlechteren Versorgung alleinlebender Personen sein, von der Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung häufiger betroffen sind als Männer.[21] Aber auch die Schlechterstellung von Frauen im Bereich der Erwerbsökonomie, wie der sogenannte Gender Gap bei Einkommen und Vermögen (GD3), spielen dabei eine Rolle. Frauen sind demnach besonders anfällig, ebenso wie weitere Personengruppen, die von der Unterstützung anderer abhängig sind. Dies betrifft vor allem Alleinlebende und Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status.[22] Soziale Isolation und der damit einhergehende fehlende Zugang zu sozialen Netzen, die Sorgearbeit gewährleisten könnten, werden generell als ein Risikofaktor angesehen, der eine erhöhte Vulnerabilität, also Anfälligkeit, gegenüber den Folgen des Klimawandels zur Folge hat.[23]

Die verfügbaren Forschungsarbeiten enthalten wichtige Erkenntnisse über die komplexe Art und Weise, wie soziale Geschlechtskonstruktionen die Vulnerabilität von Frauen und Männern unterschiedlich beeinflussen. So zeigt eine Untersuchung, dass Männer in den USA bei Hitzewellen deutlich häufiger ins Krankenhaus eingeliefert werden als Frauen und bevorzugt medizinisch behandelt werden (GD7).[24] Hier liegt es nahe, dass die geschlechtsspezifische Zuschreibung der Sorgearbeit (GD2) dazu führt, dass Männer eine bessere Versorgung durch Angehörige und Freunde erfahren; beispielsweise rufen Frauen eher Krankenwagen für Männer als umgekehrt. Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und Tätigkeitsmuster (GD1) können sich aber auch negativ auf die Vulnerabilität von Männern auswirken. Nach Angaben der WHO sind Männer bei heißem Wetter aktiver als Frauen und sterben deshalb eher durch einen Hitzschlag.[25]

Folgerungen für die politische Praxis
Welche Folgerungen sich daraus für eine geschlechtergerechte Klimapolitik ergeben, lässt sich an einem aktuellen Beispiel verdeutlichen. Hitzeaktionspläne[26] sind ein Instrument des vorsorgenden Hitzeschutzes, mit deren Hilfe negative gesundheitliche Auswirkungen von Hitzewellen möglichst vermieden werden sollen (GD7).

Bei der Definition der Zielgruppen von Maßnahmen von Hitzeaktionsplänen sollte darauf geachtet werden, dass die Auswirkungen von sommerlichen Hitzewellen nicht nur durch physiologische, sondern auch durch soziale Faktoren beeinflusst werden. Bei der Definition der Zielgruppen von Hitzeaktionsplänen sind daher nicht allein physiologische Kriterien, wie Alter, Pflegebedürftigkeit oder chronische Krankheit zu berücksichtigen. Vielmehr sollte auch die häusliche Situation, zum Beispiel das Vorhandensein pflegender Angehöriger (GD2) oder die Art der Tätigkeit beachtet werden, da im Freien körperlich schwer arbeitende Menschen ebenfalls besonders gefährdet sind.

Die unterschiedlichen Lebenssituationen von Männern und Frauen spielen auch hier eine wichtige Rolle: So sollte bei konkreten Pflege- und Betreuungsmaßnahmen beispielsweise die höhere Vulnerabilität von älteren alleinlebenden Personen berücksichtigt werden, bei denen Frauen die Mehrzahl bilden (GD4). Auch bei der Ansprache dieser Zielgruppen sollten die unterschiedlichen Lebenssituationen berücksichtigt werden.

Die Umsetzung von Hitzeaktionsplänen erfolgt durch Netzwerke auf kommunaler Ebene, die geeignete Pläne erarbeiten und aktiv Maßnahmen einleiten sollen. Diese Netzwerke umfassen zuständige Stellen der kommunalen Verwaltung, Organisationen und Einrichtungen des Katastrophenschutzes (Feuerwehr, Rettungsdienste) und des Gesundheitswesens sowie Pflege- und Erziehungseinrichtungen. In diesen Netzwerken sind neben männlich dominierten Berufsgruppen auch solche Berufe repräsentiert, die eher weiblich konnotiert sind (GD3). Bei der Festlegung von Entscheidungsstrukturen und der Aufgabenverteilung im Netzwerk ist darauf zu achten, dass keine geschlechterhierarchisierenden Zuschreibungen erfolgen (GD6).

Zudem sollte bei der internen Kommunikation und in der öffentlichen Berichterstattung eine an tradierten Geschlechtervorstellungen orientierte Zuschreibung von Aufgaben und Tätigkeiten vermieden werden (GD1).[27] Bei der Zuweisung von Aufgaben und der Aufstellung von Dienstplänen (GD5) sollte berücksichtigt werden, dass in den überwiegend von Frauen ausgeübten Pflegeberufen häufig eine Doppelbelastung durch berufliche Aufgaben und die Zuständigkeit für die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen besteht, die gerade in Krisensituationen (sommerliche Hitzeereignisse) zu einer Überlastung führen kann.

Für die Bewältigung von Hitzeereignissen spielen neben verhaltensbezogenen auch bauliche Maßnahmen eine wichtige Rolle. So schützt eine gute Gebäudedämmung nicht nur vor Kälte, sondern kann auch einer sommerlichen Überhitzung entgegenwirken. Untersuchungen zum Thema Energiearmut haben gezeigt, dass Bevölkerungsgruppen mit mehrfachen Benachteiligungen (zum Beispiel durch geringe Einkommen und Migrationshintergrund) häufig in Stadtquartieren leben, die einen schlechten energetischen Gebäudestandard aufweisen.[28] Maßnahmen zum Hitzeschutz sollten daher nicht nur am Ziel der Geschlechtergerechtigkeit ausgerichtet sein, sondern auch weitere Formen der sozialen Benachteiligung berücksichtigen (GD4). Planerische Maßnahmen zum verbesserten Hitzeschutz (GD5) sollten zum Beispiel einen besonderen Schwerpunkt auf Gebiete mit einkommensschwachen Haushalten und einer schlechten Gebäudequalität legen.

Fazit

In der internationalen Klimapolitik wird zunehmend anerkannt, dass Klimawandel und Geschlechtergerechtigkeit in einem engen Zusammenhang stehen. Im Unterschied zu Ländern des Globalen Südens findet die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für eine effektive Klimapolitik in Industrieländern erst seit Kurzem mehr Beachtung. Eine Vielzahl von Studien belegt auch für Länder des Globalen Nordens die Relevanz der Geschlechterverhältnisse für Klimawandel und Klimapolitik, doch werden strukturelle Bedingungen und Machtverhältnisse nur wenig thematisiert.

Entlang der sieben Gender-Dimensionen lassen sich Voraussetzungen gesellschaftlicher Transformation differenziert betrachten. Das Beispiel Hitzeschutz verdeutlicht, dass die Auswirkungen des Klimawandels auch in den Ländern des Nordens durch die Geschlechterverhältnisse beeinflusst werden. Davon betroffen sind eine Vielzahl unterschiedlicher, in den Gender-Dimensionen adressierter Bereiche wie die Organisation der Erwerbs- und Sorgearbeit, der Zugang zu Ressourcen, Gesundheitsvorsorge oder politische Beteiligung.

Die Klimapolitik kann daher einen wichtigen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit und zum Abbau von Geschlechterhierarchien leisten und durch die Berücksichtigung von Genderaspekten zugleich ihre gesellschaftliche Wirksamkeit verbessern. Bisher wird dieses Potenzial erst in Ansätzen genutzt. In Abstimmung mit dem Umweltbundesamt wird derzeit in unserem gemeinsamen Forschungsvorhaben ein neues Instrument des Gender Impact Assessment entwickelt, das dazu dienen soll, die Integration der Genderperspektive für die Planenden von klimapolitischen Programmen und Maßnahmen handhabbarer zu machen.

Fußnoten

18.
Vgl. Doris Hayn/Irmgard Schultz, Wissenschaftliche Begleitung zur Einführung des Gender Mainstreaming in die Regelpraxis des BMU. Abschlussbericht, Frankfurt/M. 2004; Life e.V./Frauenumweltnetz (Hrsg.), Gender Mainstreaming in Deutschland. Auf dem Weg zu geschlechtergerechter Umweltpolitik in Deutschland, Frankfurt/M. 2004.
19.
Vgl. Arn Sauer, Gender und Nachhaltigkeit – institutionalisierte Gleichstellungsarbeit und Gender Mainstreaming im Umweltbundesamt, in: Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 1/2014, S. 26–43.
20.
Vgl. Laurent Filleul et al., Extreme Temperatures and Mortality, in: Jerome O. Nriagu et al. (Hrsg.), Encyclopedia of Environmental Health, Burlington 2011, S. 693–699.
21.
Vgl. Daniela D’Ippoliti et al., The Impact of Heat Waves on Mortality in 9 European Cities: Results from the EuroHEAT Project, in: Environmental Health 9/2010, S. 1–9.
22.
Vgl. Wendy Miller/Desley Vine/Zakaria Amin, Energy Efficiency of Housing for Older Citizens: Does It Matter?, in: Energy Policy 101/2017, S. 216–224.
23.
Vgl. Julia Kravchenko et al., Minimization of Heatwave Morbidity and Mortality, in: American Journal of Preventive Medicine 3/2013, S. 274–282.
24.
Vgl. Michael T. Schmeltz et al., Identifying Individual Risk Factors and Documenting the Pattern of Heat-Related Illness Through Analyses of Hospitalization and Patterns of Household Cooling, in: PLoS One 3/2015, http://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0118958&type=printable«.
25.
Vgl. World Health Organisation (WHO), Gender, Climate Change and Health, Genf 2014.
26.
Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit, Bonn 2017.
27.
Vgl. Doris Damyanovic et al., GIAKlim – Gender Impact Assessment im Kontext der Klimawandelanpassung und Naturgefahren, Endbericht von StartClim2013, Wien 2014.
28.
Vgl. Karin Großmann, Energiearmut als multiple Deprivation vor dem Hintergrund diskriminierender Systeme, in: dies./André Schaffrin/Christian Smigiel (Hrsg.), Energie und soziale Ungleichheit. Zur gesellschaftlichen Dimension der Energiewende in Deutschland und Europa, Wiesbaden 2017, S. 55–78.
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