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Editorial


22.5.2002
Die Anschläge des 11. September 2001 haben eine Hoffnung zunichte gemacht. Das säkulare und individualisierte Staats- und Gesellschaftsverständnis kann im Zeitalter der Globalisierung seinen Siegeszug nicht unaufhaltsam fortsetzen.

Einleitung



Die Anschläge des 11. September 2001 und in deren Folge der so genannte "Krieg gegen den Terror" haben die Hoffnungen zunichte gemacht, dass das säkulare und individualisierte Staats- und Gesellschaftsverständnis im Zeitalter der Globalisierung seinen Siegeszug unaufhaltsam fortsetzen kann. "Die Verdammten dieser Erde" oder diejenigen, die sich dafür halten, haben mit brutaler Gewalt versucht, diese scheinbare Gesetzmäßigkeit der Entwicklung aufzuhalten. Die Globalisierungsdiskussion wird sich diesem Problem stellen und die Schattenseiten der Globalisierung mitberücksichtigen müssen. Nach dem Terroranschlag ist im Westen eine intensive Debatte über die universelle Akzeptanz westlicher Werte entbrannt. Wie kontrovers diese verläuft, zeigen u. a. die gegensätzlichen Statements amerikanischer Intellektueller.

So stellt der Zeit-Journalist Richard Herzinger in seinem Essay die provokante Frage, ob denn amerikanische Werte auch unsere Werte seien. Dem Autor scheinen die Argumente der 60 namhaften amerikanischen Intellektuellen überzeugender zu sein, als die Gegenverlautbarung der über 120, die den amerikanischen globalen Ansprüchen eher skeptisch gegenüberstehen. Herzinger weist zugleich auf die Schwachstelle in der Erklärung der ersten Gruppe hin: Sie baue einen Gegensatz zwischen verächtlichen und wertlosen versus edlen und wertvollen Werten auf. Mit dieser Hierarchisierung seien die Autoren den "terroristischen Apokalyptikern" in die Falle gegangen. Der Autor weist auf die Stärke der amerikanischen Gesellschaft hin, nämlich in extremen kulturellen und sozialen Unterschieden das Element der Gleichheit anzuerkennen und Widersprüche auszuhalten, sie offen zu benennen, um Missständen entgegenzutreten.

Nicht ganz so optimistisch beurteilt Benjamin R. Barber die US-Gesellschaft. Als Ursache der Gewalt sieht er ein Demokratiedefizit in den USA sowie eines auf globaler Ebene. Für den Autor besteht der Konflikt innerhalb einer einzigen modernen Zivilisation und nicht zwischen den Kulturen. Eine vernünftige Strategie gegen den Terrorismus könne nur darin bestehen, eine gerechte und integrierte Welt zu schaffen, an der alle Bürger Anteil haben sollten.

Der Frage der Freund-Feind-Unterscheidung im Islam geht Hendrik Hansen nach, indem er es mit dem Freund-Feind-Verhältnis in der Theorie des Gesellschaftsvertrages vergleicht. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass es große Ähnlichkeiten mit frühen westlichen Staatstheorien gebe. So seien nicht so sehr die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten für die Schwierigkeiten verantwortlich, die westliche und islamische Länder im Umgang miteinander haben. Diese Gemeinsamkeiten sind insofern gefährlich, weil sie nicht nur auf Seiten der Ideologien die Tendenz fördern, die Schuld für die Konflikte beim jeweils anderen sowie die Lösung der Konflikte im Kampf gegen den anderen zu sehen.

Der Jubel der Menschen in einigen arabischen Ländern nach den Anschlägen vom 11. September war nicht Ausdruck von Schadenfreude, sondern drückte die Gefühle derer aus, die sich von den Globaliserungsprozessen ausgeschlossen fühlen, so die These von Sonja Hegasy. Die Autorin untersucht in ihrem Beitrag das Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Globalisierung in der arabischen Welt.

Volker von Prittwitz untersucht die Rolle von Religionen in Gesellschaften, die das Gewaltmonopol des zivilen Staates anerkennen, und denjenigen, die keine Trennung zwischen Staat und Religion kennen; letztere stellten das Gewaltmonopol einer Zivilgesellschaft in Frage. Als universelles Programm der Zivilgesellschaft gelte die garantierte Religionsfreiheit und die Rechtsbindung.