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Ein Krieg "jeder gegen jeden": Terror und die Politik der Angst


22.5.2002
Der Autor versucht, mögliche Ursachen für die Terroranschläge vom 11. September 2001 aufzuzeigen. Dabei geht er zuerst auf die Wirkungen des modernen Terrorismus ein.

Einleitung



Terrorismus erscheint auf den ersten Blick als ein Beweis brutaler Macht, in Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine Strategie der Angst, nicht der Stärke. Terror entsteht aus Schwäche - Machtlosigkeit - und führt zum Erfolg, indem die Macht der stärkeren Gegner gegen sie selbst gewendet wird. Terrorismus ist eine Art strategisches Jiu-Jitsu, das nur dadurch siegt, dass andere zu Verlierern werden, bezwungen durch ihre eigene Stärke und ihre eigenen Ängste. Die teuflische Raffinesse hinter den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon wurde nicht so sehr durch den rohen, aber dämonisch einfallsreichen Einsatz von Passagierflugzeugen als Bomben offenbar, sondern in der sich anschließenden Manipulation der Angst, die dem Luftverkehr und den Börsen schweren Schaden zufügte. Gleichermaßen wirksam war Bioterror - nicht als Tat an sich, sondern als ein Werkzeug der Lähmung. Durch die Einwirkung auf die Medien wurde eine Furcht bei denjenigen geweckt, welche die öffentliche Meinung bilden, und so kam es zu einem Multiplikatoreffekt, der es dem Bioterror mit einem an sich relativ geringen Schaden erlaubte, ein Maximum an Wirkung zu haben. [1]

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  • Indem wir durch die "Propaganda der Tat", wie es der Anarchist Michael Bakunin nannte, an unsere eigene Angst gefesselt wurden, haben die Terroristen gewissermaßen den Sozialvertrag gelöst und uns zurück in eine Art "Naturzustand" versetzt. In den vergangenen 400 Jahren sind wir den Weg von Anarchie, Unsicherheit und Angst (dem von Sozialtheoretikern wie Thomas Hobbes postulierten Naturzustand) hin zu Recht und Ordnung (rechtmäßige Ordnung), politischer Sicherheit und dem Genuss bürgerlicher Freiheit gegangen. Durch das Handeln außerhalb des Gesetzes, indem die Unsicherheit allgegenwärtig gemacht und Freiheit in Risiko verwandelt wird, drängt uns der Terrorismus zurück in eine Quasi-Anarchie. Um vollständig zu verstehen, was dies bedeutet, muss man in die Welt der politischen Philosophie eintauchen. Während es viel Neues unter unseren derzeitigen Bedingungen gibt - Technologie, weltweite Interdependenz, Metastasen bildender Extremismus, der nur lose mit seinen rechtfertigenden Ideologien und Religionen verbunden ist -, so ist doch vieles alt: der Zusammenbruch von Staatsbürgertum und Gesetzesordnung als Folge von zivilem Unfrieden und Krieg, ein Gefühl der Wirkungslosigkeit von Souveränität unter dem Druck von Terror und Unsicherheit; die Brauchbarkeit der Metapher vom "Naturzustand" auf internationaler Ebene, auf der die üblichen innerstaatlichen Sicherheiten nicht länger gelten und auf der das menschliche Leben mit Hobbes schlichten Worten häufig gewalttätig, böse, brutal und kurz ist.

    Die Wirkung des modernen Terrorismus ist eine direkte Folge der Logik des westlichen Gesellschaftsvertrags: In einer Demokratie dürfen Menschen keine Bomben werfen. Demokratie bedeutet die Schlichtung von Konflikten mit Worten und durch Mehrheiten, nicht mit Stärke und Gewalt. Macht und Betrug sind, wie Hobbes es bezeichnet, die Kardinaltugenden des Naturzustands, in dem es kein Gesetz gibt. Sie müssen unter normalen sozialen Verhältnissen durch Abstimmung und Rechtmäßigkeit überwunden werden. Wenn in unserer Demokratie immer noch Bomben geworfen werden, dann stimmt etwas mit unserer Demokratie nicht - etwas, das uns zurückversetzt in diesen absolut anarchischen Naturzustand, aus dem uns demokratische Souveränität und Rechtmäßigkeit befreien sollte. Die Handlungen der Terroristen sind überwiegend pathologisch und bringen weder rationale Analyse noch Verständnis hervor, geschweige denn Rechtfertigung. Aber es stimmt auch etwas nicht mit unserer Demokratie, etwas zunehmend Problematisches hinsichtlich unserer grundlegenden Normen Souveränität und Unabhängigkeit. Das erste Problem - pathologischer Terrorismus - könnte durch besondere militärische und geheimdienstliche Operationen beseitigt werden; das zweite Problem ist viel wesentlicher, weil seine Lösung staatsbürgerliche und demokratische Handlungen auslöst und jeden Einzelnen in der Gesellschaft betrifft.

    Unter normalen Umständen sollte es in einer Demokratie keinen Grund für die Anwendung von Gewalt geben, geschweige denn für die Durchführung terroristischer Handlungen. Es ist das Ziel demokratischen Regierens, Beteiligung und Mitspracherecht von "Untertanen" (die also Staatsbürger werden) zu erlauben, so dass Gewalt buchstäblich außer Frage steht. Tyrannei erzeugt Gewalt, weil sie jede andere Alternative unmöglich macht. Gewalt ist sogar unter tyrannischen Regierungen nicht das Instrument der Wahl. Auseinandersetzungen, die auf Gewalt basieren, begünstigen zwar gewöhnlich die Mächtigen; Gewalt kann aber auch für diejenigen eine Option darstellen, die durch eine politische Ordnung (oder ein politisches Chaos) gänzlich entmachtet werden. In dieser Lage befanden sich die algerischen Nationalisten, die sich in den fünfziger Jahren den Franzosen gegenübersahen, oder der Afrikanische Nationalkongress, der in den achtziger Jahren mit der südafrikanischen Apartheid konfrontiert war. Der Terrorismus avancierte zu einer Waffe des Widerstands.

    Demokraten sind immer von Terroristen irritiert, weil Terrorismus in einem demokratischen Rahmen unerklärlich ist. Daher lautet die Frage von so vielen Amerikanern nach dem 11. September 2001: "Warum mögen sie uns nicht? Was haben wir falsch gemacht?" Es wird schnell ersichtlich, dass diejenigen, die Gewalt anwenden - mit oder ohne Rechtfertigung -, in der Regel nicht die Wahrnehmung teilen, dass sie "demokratische" Optionen haben, gleich, ob dies "Zugang" zu Macht bedeutet oder die Möglichkeit, eine Rolle bei der Gestaltung der "Res publica" (der Domäne der öffentlichen Angelegenheiten) zu spielen.

    Wir können die Wahrnehmung und das Urteil derjenigen in Frage stellen, die derartige Aussagen über unser System treffen, und wir können sie einfach als Wahnsinnige und Dämonen abtun und entsprechend mit ihnen umgehen, sie als "die Bösen" abschreiben. Immerhin können ihre Taten treffend genug als "böse" beschrieben werden. Aber wir müssen auch fragen, ob unsere Demokratie unter den Bedingungen der globalisierten Gesellschaft offen für jene ist, die mit den Terroristen sympathisieren. Terroristen selbst sind selten echte Demokraten, und sie benutzen allgemein die Rhetorik von Freiheit und Unterdrückung, um zerstörerische Absichten zu rationalisieren. Doch für die große Zahl verängstigter, unterdrückter und missbrauchter Menschen stellt sich unsere globale Welt der Märkte und des Konsums häufig als ein anarchisches System dar, das sie ausschließt. Diese Menschen sehnen sich in erster Line nach Selbstverwaltung, dem Recht, das Schicksal, das sie und ihre Familie zu ertragen haben, zumindest zum Teil selbst zu bestimmen - und sie mögen wenig zuversichtlich hinsichtlich ihrer Chancen sein. Wenngleich sich der Terrorismus nicht durch die Konzentration auf die globale Anarchie und das Bemühen um weltweite Demokratisierung beenden lässt, wird dies jedoch solche Gewalt weitaus anomaler machen, weitaus weniger verführerisch für die Massen in der Dritten Welt, die sich selbst derzeit zu den Machtlosen und Ausgegrenzten zählen.

    Es gibt zwei wichtige demokratische Defizite, die vielen Menschen das Gefühl geben, als würden sie immer noch (oder wieder) im Naturzustand leben, wo es weder Sicherheit noch Freiheit gibt, weder Gerechtigkeit noch Gleichheit. Das erste ist das Demokratiedefizit Amerikas (und des Westens), unser Versagen, dem Ziel gerecht zu werden, allen unseren Bürgern ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Das zweite ist das globale Demokratiedefizit, das Fehlen demokratischer Regulierung und rechtmäßiger Institutionen auf der globalen Ebene, die die Anarchie der internationalen Märkte kontrollieren und bändigen könnten, eine Anarchie, die dem Terrorismus in die Hände spielt. Demokratie innerhalb unseres Systems ist ein Punkt und Globalisierung und seine Auswirkungen auf Demokratie im internationalen Kontext ein anderer.

    Um auf diese beiden komplexen Themen einzugehen, werde ich die Betrachtung des Verhältnisses von Kultur und Religion vereinfachen müssen. Daher kann eine an und für sich notwendige Unterscheidung zwischen nationaler oder ethnischer Kultur und religiöser Wertekultur nicht vorgenommen werden, da sich beide vielfach überschneiden: Wenn ich von Kultur spreche, werde ich zugleich Religion meinen, und wenn ich Religion sage, meine ich damit auch die Kultur.


    Fußnoten

    1.
    Übersetzung aus dem Englischen: Dagmar Schittly, Bonn.