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22.5.2002 | Von:
Benjamin R. Barber

Ein Krieg "jeder gegen jeden": Terror und die Politik der Angst

Amerikanischer Exzeptionalismus und das Ende der amerikanischen Unschuld

Um unser eigenes demokratisches Defizit zu begreifen, genügt ein Blick auf unsere eigenen Ansprüche an Demokratie. Es geht nicht darum, unsere Ideale aufzugeben, sondern vielmehr darum, sie zu stärken, indem wir ehrlich bezüglich der Herausforderungen sind, vor denen diese angesichts unserer eigenen Geschichte standen und stehen. Das globale Demokratiedefizit ist keine Angelegenheit verkannter Hoffnungen, sondern ein herausforderndes Projekt. In Amerika haben wir den Mythos des amerikanischen Exzeptionalismus gebraucht, um uns von unserer Verantwortung für die Welt und in der Welt abzuschirmen. Ebenso wie die Schweiz sich selbst als "Sonderfall Schweiz" etikettiert, so bestehen wir auf unserem "Sonderfall Amerika" - ein mythisches Land des Neubeginns, wo es möglich ist, die Unschuld des Paradieses zurückzugewinnen, eine "Stadt auf dem Hügel", wo wir, wie Tom Paine behauptete, zum Anfang zurückkehren und noch einmal von vorn anfangen könnten. Als ob die Geschichte der Gewalt, des Unfriedens und der Boshaftigkeit, die Widersprüche, Irrtümer und Vorurteile in Europa, die Voltaire und andere Philosophen der Aufklärung bereits als Synonyme für die europäische Geschichte erkannt hatten, vermieden oder beiseite geschoben werden könnten. Durch zwei große Ozeane und unseren eigenen "reinen" Ursprung geschützt - so eine beliebte Vorstellung -, würde Amerika das Land des "neuen Menschen" sein, ein Land der Unschuld und Erneuerung, eine nüchterne "Tabula rasa", nach der eine neue Geschichte geschrieben werden könnte.

Der Mythos der Unschuld hing vom Mythos der Unabhängigkeit ab - von Autonomie, Separation und völliger nationaler Souveränität. Geographie und Geschichte (oder ihr Fehlen) waren die Garanten der neuen Isolation Amerikas vom Rest der Welt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die amerikanische Außenpolitik zunächst um den Versuch geordnet, Amerika vor der Welt abzuschirmen und zu schützen. Und als Amerikaner schließlich fremden Boden betreten mussten, um Kriege im Ausland zu führen, hatten wir das Selbstverständnis, anderer Menschen Großbrände zu löschen. "Star wars" (der jüngste Raketenschutzschild) ist nur die letzte Bemühung bei dem Versuch, durch Technologie wenigstens einen virtuellen Ozean zu schaffen, der die USA vor ausländischen Feinden schützt.

Der 11. September 2001 bedeutete das Ende des doppelten Mythos von amerikanischer Unschuld und amerikanischer Unabhängigkeit. Die Terroristen machten die amerikanische Souveränität zum Gespött. Sie erteilten eine Lektion in boshafter Unabhängigkeit, die durch Terror geschaffen und durch Angst unterstrichen wurde. Mit den New Yorker Türmen fiel ebenso die Einbildung, dass es für irgendeine Nation möglich sei, in der neuen Welt anarchischer Interdependenz alleine zu marschieren. Amerika kann zwar versuchen, sich aus den globalen Angelegenheiten herauszuhalten, aber die Welt wird sich nicht aus Amerika heraushalten. Kein Ozean ist breit genug, kein Schild stark genug, keine Mauer hoch genug, um die USA vor den Auswirkungen der globalen Anarchie zu schützen. Die Welt kam in der Verkörperung dessen nach Amerika, wie wir es uns in unseren Albträumen immer vorgestellt haben - als das Böse, auftauchend aus unserer Mitte, um uns zu vernichten. Die "Bösen" mochten einst in Ägypten, dem Sudan oder Afghanistan ausgebildet worden sein, doch sie lebten nicht in Kairo oder Kabul, sondern in Hamburg, Florida und New Jersey und wurden an amerikanischen Schulen unterrichtet, machten sich mit amerikanischen Technologien vertraut und versteckten sich hinter den amerikanischen Tugenden Toleranz, Pluralismus und Privatsphäre, die sie angreifen und zerstören wollten.

Dies hätte keinen solchen Schock hervorrufen müssen. Amerika ist ein erstaunlich multikulturelles Land, so "global", wie überhaupt eine Nation auf Erden sein kann. Schon lange vor dem 11. September war die Welt in Amerika angekommen - und ihre Menschen brachten ihre eigenen Tugenden und Untugenden, ihre Freude und ihren Ärger, ihre Sehnsucht nach Chancen und ihr Verlangen nach Verneinung mit. Lange bevor das Attentat auf das World Trade Center die große Mehrheit der Amerikaner in die Wirklichkeit zurückholte, war Interdependenz die amerikanische Realität. Doch der Realität war mit einer vermessenen unilateralistischen Außenpolitik getrotzt worden, die durch Versäumnis und Isolierung mit einer globalen Anarchie konspirierte, welche freie Märkte und wuchernden Terrorismus gleichermaßen förderte. Die Weigerung, Beiträge an die Vereinten Nationen zu zahlen, das Verlassen der UNESCO, die Zurückweisung des Vertrags über das Verbot von Landminen und die Weigerung zur Teilnahme an der Durban-Konferenz über Rassismus (wie irrig und befangen diese auch gewesen sein mag) waren Ausdruck dessen, was selbst für Amerikas Freunde als eine amerikanische Arroganz erschien, die ebenso töricht wie kontraproduktiv war.

Doch der 11. September, ein Tag des Terrors, erinnerte die amerikanische Nation daran, dass eine anarchische Welt Amerika selbst in einen Naturzustand zurückdrängen könnte, in dem die Unsicherheit allgegenwärtig wäre und Angst der einzige Motor sozialer Beziehungen. So wie einst der Naturzustand (als Metapher für das Chaos der Religionskriege und die Anarchie der Staatsbildung in Frankreich und England) der philosophische Hintergrund für die Legitimation mächtiger neuer demokratischer Formen von Souveränität (jegliche politische Autorität wurzelt in der Zustimmung der Regierten, die dem Staat im Gegenzug für die Garantie von Freiheit und Ordnung gewährt wird) war, bringt heute die globale Anarchie wieder neue Formen globaler Souveränität hervor, die im Angesicht des Terrors Sicherheit gewährleisten.

Die Frage ist, ob die Vereinigten Staaten als Antwort auf die inzwischen erkannte globale Anarchie versuchen werden, zwischen der Anarchie, die die globalen Märkte antreibt, und der Anarchie, die den Terrorismus antreibt, zu unterscheiden; ob sie Letzterer nur mit militärischen und geheimdienstlichen Mitteln begegnen sowie der Welt eine "Pax Americana" aufzwingen werden, die bloß ein Versuch wäre, die amerikanische Souveränität auszudehnen, statt ihre Grenzen zu erkennen. Oder werden sie begreifen, was Interdependenz bedeutet, dass die Anarchie der globalen Märkte und die Anarchie des Terrorismus zusammenhängen und dass die angemessene Antwort darin bestehen muss, Wege zu finden, Souveränität und ihre bestimmenden demokratischen Institutionen zu globalisieren? Die Wahl ist klar, die amerikanische Präferenz ist es nicht. Beide Positionen werden in der Bush-Regierung und unter der amerikanischen Bevölkerung vertreten. Diejenigen, die - in der Sprache des Präsidenten - behaupten, dass die Welt sich in zwei Lager teilte: in jene, die sich an die Seite der USA stellen, und in jene, die zu den Unterstützern des Terrorismus gehören, sind Traditionalisten, die sich an die Hoffnung klammern, dass Amerika den Weg noch immer alleine gehen kann, solange andere ihm folgen. Zu ihnen zählen Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Die Alternative besteht für Amerika darin, ein führender Partner bei multilateralen Verhandlungen zu werden und die Unterschiede und vitalen Interessen anderer Nationen anzuerkennen, die nicht unbedingt genau mit den eigenen übereinstimmen müssen. Der besonnene Ansatz der Koalitionsbildung von Außenminister Colin Powell hat dieses Modell verfolgt. Präsident Bush selbst hat beide Lager umworben, wenngleich langfristig die beiden nicht vereinbar sind.