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22.5.2002 | Von:
Hendrik Hansen

Globaler Dschihad?

Die Freund-Feind-Unterscheidung im Islam und in der Theorie des Gesellschaftsvertrags

I. Die Globalisierungsdiskussion nach dem 11. September

Die Welt schien so einfach geworden zu sein: Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sollte die globale Marktwirtschaft Wohlstand und Demokratie bis in die letzten Winkel der Erde bringen. Gestritten wurde darüber, ob der globale Markt sich selbst reguliert oder ob er von globalen demokratischen Institutionen gezähmt werden muss - unbestritten blieb aber, dass als Grundlage der Globalisierung ausschließlich das individualistische Werteverständnis in Frage kommt. Diese Grundlage schien so selbstverständlich zu sein, dass sie auch durch Samuel P. Huntingtons Warnung vor einem drohenden "Kampf der Kulturen" [1] nicht ernsthaft erschüttert werden konnte.

Die Anschläge vom 11. September 2001 und der darauf folgende "Krieg gegen den Terror" führen jedoch schmerzhaft vor Augen, dass der globale Anspruch, mit dem das individualistische Staats- und Gesellschaftsverständnis vertreten wird, keinen weltweiten Zuspruch findet und dass sich vor allem in der islamischen Welt ein vehementer Widerstand gegen diesen Anspruch regt. Die Globalisierungsdiskussion wird nicht umhinkommen, in Zukunft diese Konflikte zu thematisieren, die zumindest teilweise durch die Konkurrenz globaler Ansprüche hervorgerufen werden. Die Frage ist jedoch, wo überhaupt die entscheidenden Konfliktlinien verlaufen.

Die Orientierungslosigkeit in dieser Frage wird daran deutlich, dass mindestens drei konkurrierende Antworten angeboten werden. Zahlreiche Repräsentanten der westlichen Länder, insbesondere Präsident Bush, betonen erstens, dass der Islam eine friedliche Religion sei und der Konflikt allein zwischen dem Westen und dem islamistischen Terrorismus bestehe. Der Terrorismus beruhe auf einem Fundamentalismus, der sich nur zufällig des Islam bediene. Dem wird, zweitens die These von der grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Islam und westlichem Denken entgegengehalten: So hat Huntington in seinem bereits zitierten Buch die Auffassung vertreten, dass die westlichen und die islamischen Gesellschaftskonzepte einander entgegengesetzt seien; weil sie zugleich mit einem universellen Anspruch vertreten werden, ergebe sich daraus ein kaum vermeidbarer Kampf der Kulturen. [2] Der islamistische Terror lässt sich aus dieser Sicht als eine besondere Ausdrucksform dieses Kampfes verstehen. Drittens schließlich wird - unter anderem von der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy - die entscheidende Trennlinie innerhalb der westlichen und der islamischen Welt gesehen: Sowohl das westliche als auch das islamische Denken könnten in einem friedliebenden Sinne verstanden und gelebt werden. George W. Bush und Osama Bin Laden verkörperten hingegen die kriegerische Ausdeutung des jeweiligen Denkens und stellten damit beide in gleicher Weise eine Gefahr für den Weltfrieden dar. Die Grundlage dieser Gemeinsamkeit bildet nach Roy das manichäische Weltbild von Bush und Bin Laden, das sich in besonderer Weise in ihrem gemeinsamen Grundsatz "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich" zeigte. [3]

Der Widerspruch zwischen diesen Deutungen der gegenwärtigen Lage fordert dazu heraus, die Gesellschafts- und Politikkonzepte des Westens, des Islam und des Islamismus zu vergleichen, um die Konfliktlinien klarer zu bestimmen. Für die Analyse des islamischen Politikverständnisses ist das Konzept des Dschihad ein wichtiger Ausgangspunkt: Der Dschihad dient nicht nur den Terroristen als Schlagwort, sondern spielt allgemein im Islam eine bedeutende Rolle, weil er aus der für den Islam grundlegenden Freund-Feind-Unterscheidung resultiert (Abschnitt II). Doch gerade in der Bedeutung der Freund-Feind-Unterscheidung weist der Islam eine entscheidende Ähnlichkeit mit der für das westliche Staatsverständnis prägenden Theorie des Gesellschaftsvertrags auf (Abschnitt III). Nicht so sehr die Unterschiede, sondern diese Gemeinsamkeit begründet die Schwierigkeit, die westliche und islamische Länder im Umgang miteinander haben. Problematisch ist die Freund-Feind-Unterscheidung aber nicht allein, weil sie eine neue Form des Ost-West-Konflikts zwischen westlichen und islamischen Ländern hervorrufen kann, sondern zudem, weil diese Unterscheidung den Nährboden für Ideologien jeglicher Art bildet - vom Marxismus über den Nationalsozialismus bis hin zum Islamismus (Abschnitt IV).

Fußnoten

1.
Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München-Wien 1996.
2.
Vgl. ebd., S. 334-350.
3.
Vgl. Arundhati Roy, Wut ist der Schlüssel. Ein Kontinent brennt - Warum der Terrorismus nur ein Symptom ist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 28. 9. 2001.