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22.5.2002 | Von:
Hendrik Hansen

Globaler Dschihad?

Die Freund-Feind-Unterscheidung im Islam und in der Theorie des Gesellschaftsvertrags

II. Dschihad und Freund-Feind-Unterscheidung im Islam

Der Dschihad wurde nicht erst von islamistischen Terroristen erfunden, sondern spielt bereits im Koran und in der klassischen islamischen Lehre eine bedeutende Rolle. [4] Der Begriff bezeichnet allgemein den Einsatz der Gläubigen für den Islam, wobei dieser Einsatz nicht von vornherein militärisch verstanden werden muss. Nach klassischer Lehre wird vielmehr zwischen dem großen und dem kleinen Dschihad unterschieden: Der große Dschihad ist der innere Kampf des Einzelnen, in dem er seine Begierden überwindet und den Verführungen, die ihn vom Pfad des rechten Glaubens abbringen können, widersteht. [5] Der kleine Dschihad hingegen ist der nach außen gerichtete Kampf gegen Ungläubige; nur auf ihn trifft die gängige Übersetzung "heiliger Krieg" zu.

Die Unterscheidung von großem und kleinem, innerem und äußerem Dschihad darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Koran dem kleinen Dschihad die mit Abstand größere Bedeutung zukommt: Bis auf wenige Ausnahmen [6] bezeichnet der Begriff dort den Krieg, den Mohammed und seine Anhänger von Medina aus gegen die "Ungläubigen", insbesondere gegen die polytheistischen Stämme in Mekka, führten und der der Verbreitung des Islam und der Einigung der arabischen Halbinsel diente. Die Pflicht zum heiligen Krieg wird im Koran immer wieder hervorgehoben: "Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt." [7] Der Kampf für die Verbreitung des Islam bedeutet für den Muslim die Prüfung seiner Rechtgläubigkeit: "Und hätte Allah gewollt, wahrlich, er hätte selbst Rache an ihnen (den Ungläubigen, H. H.) genommen; jedoch wollte er die einen von euch durch die anderen prüfen." (Sure 47, Vers 5). Erst im Einsatz des Lebens beweist sich die völlige Hingabe des Menschen an Gott; der Lohn für diesen Einsatz ist das Paradies (8, 5-7; 3, 148-151). Grundlage des Kampfes ist ein "Geschäft" mit Gott (9, 112); wer sich vor dem heiligen Krieg drückt, hält in diesem "Vertrag" die eigene Leistung zurück und verliert in der Konsequenz die Aussicht auf das Paradies (9, 38). Im Unterschied jedoch zum Vorgehen islamistischer Terroristen unterliegt der heilige Krieg nach dem Koran einer Begrenzung durch Regeln: [8] Nicht alles ist erlaubt; insbesondere darf "ein Gläubiger . . . keinen Gläubigen töten" (4, 94 f.), [9] und der Krieg gegen Juden und Christen darf nur so lange geführt werden, bis diese sich der politischen Herrschaft der Muslime unterworfen haben und als Gegenleistung für die Möglichkeit, ihre Religion weiter auszuüben, Tribut zahlen (9, 29).

Doch für die Beantwortung der Frage, ob nicht nur vom Islamismus, sondern auch vom Islam eine Gefahr für den Weltfrieden ausgeht, können diese Zitate aus dem Koran nicht genügen: Es kommt darauf an, den systematischen Stellenwert des Dschihad im Islam zu verstehen und die Frage zu beantworten, ob die Pflicht zum heiligen Krieg umgedeutet werden kann zu einer Pflicht zur inneren Glaubensanstrengung, zum großen Dschihad. Dies lässt sich nur unter Rückgriff auf das Grundanliegen des Islam beantworten.

Der Anspruch des Islam ist es, durch die Herrschaft der göttlichen Gesetze die beste menschliche Gemeinschaft hervorzubringen: "Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen erstand. Ihr heißet, was rechtens ist, und ihr verbietet das Unrechte und glaubet an Allah" (3, 106). Wahre Gemeinschaft beruht auf dem unbedingten Glauben an den einen Gott, der sich in der Beachtung der Pflichten und Regeln, die Gott dem Menschen auferlegt hat, äußert. Die Gesamtheit der offenbarten Pflichten und Regeln bildet das göttliche Gesetz, die Scharia, die in der islamischen Tradition aus dem Koran und aus der Sunna, d. h. der Sammlung der Aussprüche Mohammeds und der Beschreibungen seiner Lebensweise, abgeleitet wurde. [10] Die Befolgung der Scharia bringt den Frieden hervor, der die beste Gemeinschaft auszeichnet und der auf der weltlichen Ebene das höchste Ziel ist. [11]

Den göttlichen Gesetzen kommt somit im islamischen Glauben eine zentrale Stellung zu: Da die Gesetze unmittelbar als Gottes Wille verstanden werden, ist ihre Befolgung Gottesdienst im wahren Sinne des Wortes - sie ist nicht ein Bestandteil des Islam unter anderen, sondern das Leben nach den Gesetzen ist der ganze Islam: "Das ganze Leben des Muslim ist in das Gefüge der sari'a eingebaut. Die sari'a, das Gesetz, ist zu bezeichnen als die Gesamtheit der auf die Handlungen des Menschen bezüglichen Vorschriften Allahs. Ja, man hat - mit einiger Übertreibung - sagen können, die koranische Offenbarung habe nur Gottes Gesetz mitgeteilt, nicht aber Gott selbst offenbart." [12] Aus dieser zentralen Stellung des Gesetzes folgt, dass es idealerweise das gesamte Rechtswesen der Gemeinschaft bestimmt. Das gottgemäße Leben wird in der Gemeinschaft der Muslime geführt; eine Trennung von Staat und Kirche wie im Christentum ist deshalb nicht möglich: "Religiöse und politische Gemeinschaft sind eins: Das Staatsvolk ist Gottesvolk, das religiöse Gesetz (shari'a) Staatsgesetz." [13]

Die Gemeinschaft, die nach dem göttlichen Gesetz lebt, verwirklicht den Frieden - wo hingegen das Gesetz nicht befolgt wird, herrschen Krieg und Unordnung. Entsprechend unterscheidet der islamische Glaube zwischen zwei Reichen: dem "Reich des Islam" (Dar al-Islam) und dem "Reich des Krieges" (Dar al-Harb). [14] Dies ist die islamische Variante der Freund-Feind-Unterscheidung: Freund ist in erster Linie derjenige, der sich ebenfalls zum islamischen Glauben bekennt und somit der Gemeinschaft aller Muslime (der Umma) angehört; in zweiter Linie ist es derjenige, der sich als Jude oder Christ der politischen Herrschaft des Islam unterwirft und gegen Zahlung einer Abgabe den Status eines Schutzbürgers erhält, als der er die Erlaubnis hat, seine Religion weiter auszuüben (Koran 9, 29). Wer hingegen die Herrschaft des Islam ablehnt, lehnt die Ordnung ab, die allein geeignet ist, den Menschen Frieden zu bringen: Er verweigert sich Gottes Willen und der von ihm allen Menschen befohlenen Ordnung und kann somit von den Gläubigen nur als Feind angesehen werden. Der Kampf gegen ihn ist Dschihad. Diesen Kampf zu führen ist göttliche Pflicht: Wenn die Scharia die beste Ordnung für alle Menschen ist, dann ist es unabdingbar, dass diejenigen, die dies erkannt haben, für die Ausweitung dieser Ordnung auf die gesamte Welt kämpfen. Das Ziel ist in letzter Konsequenz die Weltherrschaft des islamischen Gesetzes: "Und kämpfet . . ., bis alles an Allah glaubt" (8, 40).

Das Konzept des Dschihad ist somit wesentlicher Bestandteil des islamischen Glaubens. Zwar kann das "Reich des Krieges", das die Ungläubigen bilden, temporär zum "Reich des Vertrags" werden, mit dem man in friedlicher Koexistenz lebt. [15] Doch diese Möglichkeit besteht nur, solange die Islamisierung dieser nichtislamischen Staaten aussichtslos ist. Ein genereller Verzicht auf Expansion käme hingegen der Aufgabe des universellen Anspruchs gleich: Anders als im Judentum soll das islamische Gesetz gerade nicht allein für ein auserwähltes Volk gelten, sondern für alle Menschen. Der reformierte Euro-Islam, der auf die Lehre von den zwei Reichen und damit auf die gewalttätige Expansion verzichtet, ist aus politischer Sicht zwar zu begrüßen, [16] doch dieses liberale Verständnis des Islam wird von der breiten Masse der Muslime nicht geteilt. Und es ist tatsächlich fraglich, was vom Islam und dem ihn prägenden Verständnis des göttlichen Gesetzes übrig bleibt, wenn man ihn auf eine Privatreligion reduziert. Andererseits wäre es voreilig, würde man den Grund für mögliche Konflikte zwischen dem Islam und dem Westen allein auf Seiten des Islam suchen. Der Westen kennt zwar offiziell nicht das Konzept des heiligen Krieges, doch die dem Dschihad zugrunde liegende Freund-Feind-Unterscheidung spielt auch in der Vertragstheorie, die für das westliche Verständnis von Politik und Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, eine zentrale Rolle.

Fußnoten

4.
Eine Darstellung des Dschihad im klassischen Islam findet sich z. B. bei: Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt, München 1999, S. 51-85; Anton Schall, Gott, Welt und Mensch im Koran, in: Jürgen Schwarz (Hrsg.), Der politische Islam. Intentionen und Wirkungen, Paderborn u. a. 1993, S. 71-85; Peter Antes, Ethik und Politik im Islam, Stuttgart u. a. 1982, S. 38 f.
5.
Zu dieser Unterscheidung: Khalid Duran, Überall Pflicht. Der Kleine und der Große Dschihad, in: FAZ vom 10. 10. 2001; Heinz Halm, Der Islam. Geschichte und Gegenwart, München 2000, S. 87 f.; B. Tibi (Anm. 4), S. 73; P. Antes (Anm. 4), S. 78 f.
6.
Zu den Ausnahmen vgl. Muhammad Saïd Al-Ashmawy, L‘islamisme contre l‘islam, Paris-Kairo 1989, S. 89 f.
7.
Sure 47, Vers 4. Der Koran wird in der Übersetzung von Max Henning, Stuttgart 1960, zitiert. Es gibt für den Koran keine einheitliche Verszählung, so dass es zwischen verschiedenen Ausgaben zu Abweichungen kommt. - An folgenden Stellen im Koran wird ebenfalls zum heiligen Krieg aufgerufen (Auswahl): 2 , 186-188, 212-214, 247; 3 , 148-152, 160-164; 4 , 76, 79, 91, 103; 8 , 40, 61-70; 9 , 1-15, 24-29, 38-41, 112.
8.
Vgl. M. S. Al-Ashmawy (Anm. 6), S. 91 f.; B. Tibi (Anm. 4), S. 74 f.
9.
Bin Laden missachtet diesen Grundsatz, wenn er die Auffassung vertritt, dass bei Attentaten der Tod von Muslimen in Kauf genommen werden muss, sofern nur so das Ziel der Vernichtung Amerikas erreicht werden kann ("Interview with Bin Laden - ,World‘s Most Wanted Terrorist`Ö", 1999, www.abcnews.com).
10.
Die Tatsache, dass die Scharia sich auf mehrere Quellen stützt, die sich zum Teil widersprechen, erklärt die - zum Teil erheblichen - Unterschiede zwischen den verschiedenen Rechtsschulen. Vgl. z. B. Konrad Dilger, Das Rechtsverständnis im Islam und seine politische Dimension, in: J.'Schwarz (Anm. 4), S. 55-70.
11.
Vgl. B. Tibi (Anm. 4), S. 80.
12.
Annemarie Schimmel, Die Religion des Islam. Eine Einführung, Stuttgart 1997, S. 54.
13.
Ludwig Hagemann, Artikel "Islam", in: Adel Theodor Khoury/Ludwig Hagemann/Peter Heine, Islam-Lexikon. Geschichte, Ideen, Gestalten, Freiburg i. Br. 1999, Bd. 2, S. 402.
14.
Zu dieser Zweiteilung der Welt im Islam vgl. u. a. B. Tibi (Anm. 4), S. 76-82.
15.
Vgl. Koran 9, 1-4; B. Tibi (Anm. 4), S. 81.
16.
In Deutschland wird eine solche reformierte Sicht des Islam unter anderem vom "Zentralrat der Muslime in Deutschland" unter dem Vorsitz von Nadeem Elyas vertreten; vgl. auch B. Tibi (Anm. 4); M. S. Al-Ashmawy (Anm. 6).