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22.5.2002 | Von:
Hendrik Hansen

Globaler Dschihad?

Die Freund-Feind-Unterscheidung im Islam und in der Theorie des Gesellschaftsvertrags

IV. Die Freund-Feind-Unterscheidung als Grundlage ideologischen Denkens

Die formale Parallele zwischen dem Islam und der Theorie des Gesellschaftsvertrags hinsichtlich der Bedeutung der Freund-Feind-Unterscheidung hat erhebliche Konsequenzen sowohl für den politischen Alltag als auch für das grundsätzliche Verständnis von Politik. Für den politischen Alltag erwachsen aus ihr erhebliche Schwierigkeiten im innenpolitischen Umgang westlicher Länder mit muslimischen Einwanderern und im außenpolitischen Umgang mit islamischen Ländern. Die Begründung der Gesetze von Gott her ist aus vertragstheoretischer Sicht ebenso inakzeptabel, wie es deren Begründung vom Subjekt her für den Islam ist. Während Länder, in denen die Scharia geltendes Recht ist, aus westlicher Sicht gegen fundamentale Menschenrechte verstoßen, ist das westliche Rechtsverständnis aus islamischer Sicht von Gottlosigkeit und Dekadenz geprägt. In Ermangelung der Möglichkeit, dem anderen sein Rechtsverständnis aufzuzwingen, kann es innerhalb der jeweiligen Sichtweise nur zu einer (vorübergehenden) Duldung des Gegners kommen; Frieden und gegenseitige Akzeptanz würden eine Toleranz erfordern, für deren Begründung ein übergeordneter Standpunkt als tertium comparationis erforderlich wäre.

Noch gravierender sind die Konsequenzen für das grundsätzliche Politikverständnis, die sich aus der Tatsache ergeben, dass der Freund-Feind-Unterscheidung auch in den Ideologien eine zentrale Bedeutung zukommt und dass die menschenverachtende Haltung der Ideologien sich gerade aus der Freund-Feind-Unterscheidung heraus entwickelt. Das entscheidende Merkmal der Ideologien des Kommunismus, des Nationalsozialismus und des Islamismus ist es, dass sie die Bekämpfung des Feindes zur eigentlichen Aufgabe der Politik erklären. Alle Probleme werden auf die Existenz des Feindes zurückgeführt, und die gesamte Geschichte wird als ein Existenzkampf gedeutet. [28]

In der vertragstheoretischen Geschichtsdeutung verläuft die Weltgeschichte linear: Ausgehend vom Naturzustand kommt es zum Vertragschluss zwischen einzelnen Individuen zugunsten des Staates, der aber selbst nicht Vertragspartner ist, und durch Ausweitung des Vertrags am Ende idealerweise zum Weltvertrag, zum "ewigen Frieden" (Kant). Demgegenüber gehen die Geschichtsmodelle der Ideologien von einem positiven Anfangsstadium aus, das erst durch das Auftreten eines Feindes aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Der Feind bewirkt nicht nur eine existenzielle Bedrohung derer, die das Gute verkörpern, sondern bedroht auch zugleich die Existenz der Menschheit: Als Verkörperung des Prinzips des Bösen kann er nur auf Kosten des Guten bestehen und ist somit von Natur aus parasitär. Wenn er sein Werk vollenden und das Gute vernichten würde, müsste er hernach selbst zugrunde gehen. "Die Guten" befinden sich demgegenüber in einer Notwehrsituation: Ihr Überleben erfordert die totale Vernichtung des Feindes, und diese Vernichtung ist moralisch legitim, weil der Feind ohnehin nicht eigenständig überleben kann. Erst nach dessen Vernichtung stellt sich der ursprüngliche gute Zustand wieder her - wobei die Menschen sich dann aber aufgrund der Geschichtserfahrung des Wertes dieses Zustandes in höherem Maße bewusst sind.

Dieses Geschichtsmodell liegt gleichermaßen dem Marxismus, dem Nationalsozialismus und dem Islamismus zugrunde:

- Bei Marx [29] kommt es im Urkommunismus aus nicht näher erklärten Gründen zur Entstehung des Privateigentums, das die Differenz zwischen Besitzenden, die nicht arbeiten (Kapitalisten), und Arbeitern, die nichts besitzen (Proletarier), schafft. Die Dynamik des Ausbeutungskampfes zwischen diesen Klassen bestimmt die Weltgeschichte; erst die Abschaffung des Privateigentums und die Vernichtung der Kapitalisten im "rohen Kommunismus" ermöglicht das Erreichen des vollendeten Kommunismus.

- Nach Hitler [30] herrschte ursprünglich ein natürlicher Auslesekampf zwischen den Rassen, der die Grundlage für die Schöpfung von Kultur bildete. Erst mit den Juden tritt eine Rasse auf, die mit einer Mischung aus Feigheit und Raffiniertheit das Prinzip des offenen Kampfes unterläuft; sie profitiert von den kulturellen Leistungen anderer Rassen, zersetzt aber zugleich deren Kampfkraft und zerstört damit die Grundlage dieser Leistungen. Erst die Vernichtung des Judentums erlaubt die Rettung der Menschheit und die Durchsetzung der von der Natur gewollten Ordnung.

- Im Islamismus [31] war der ursprüngliche gute Zustand die Offenbarung der göttlichen Gebote durch die Propheten: Allah hat das Gesetz allen Menschen zu ihrem Wohl gegeben und den Gläubigen den Auftrag erteilt, für die Umsetzung seiner Gebote in der Welt Sorge zu tragen. An der Erfüllung dieses Auftrags werden sie gehindert, seit Juden und Amerikaner im Bündnis den Islam zu vernichten drohen. Ihre Waffe ist ihr ökonomisches Denken, zu dem sie im Zuge der Globalisierung die gesamte Welt verführen wollen: Die Zuwendung zu den irdischen Gütern und das damit verbundene Kosten-Nutzen-Kalkül zersetzen die Unbedingtheit des Gottesglaubens und zerstören damit die Grundlage für die Herrschaft der göttlichen Gesetze. Der Weltverschwörung gegen den Islam kann nur mit der Vernichtung der Feinde begegnet werden; diese Vernichtung ist ein Gebot Gottes, und der mit dem Ziel der Vernichtung geführte Kampf wird von ihm im Jenseits reichlich belohnt. [32]

Inwiefern bildet nun die Freund-Feind-Unterscheidung der Vertragstheorie die Grundlage für diese ideologischen Welt- und Geschichtsdeutungen? Allen drei Ideologien ist gemeinsam, dass sie die Freund-Feind-Unterscheidung gegen die Idee wenden, dass der Vertrag eine politische Gemeinschaft begründen könne. Aus ihrer Sicht sind die Feinde nicht mehr diejenigen, die außerhalb des Vertrags stehen, sondern solche, die den Vertrag schließen bzw. ihn als Begründung der politischen Gemeinschaft anführen:

- Aus kommunistischer Sicht wird im vertragstheoretisch begründeten Staat eine bloß formale Freiheit geschützt. Da nur die Herrschenden über die Mittel verfügen, um diese Freiheit zu nutzen, ist diese in Wahrheit nichts anderes als die Freiheit der Kapitalisten zur Ausbeutung der Arbeiter. Die Vertragstheorie und die aus ihr abgeleiteten Menschenrechte erweisen sich aus dieser Perspektive als Propaganda zur Legitimation bürgerlicher Herrschaft. [33]

- Aus nationalsozialistischer Sicht ist die Vertragstheorie eine Erfindung des Judentums, das mit Hilfe der (mit dem Vertrag untrennbar verknüpften) Idee der Gleichheit die natürlichen Hierarchieunterschiede zwischen den Rassen aufheben will. Die Gleichheit des Vertrags ist nur die Vorstufe zur vollständigen Gleichmacherei des Kommunismus. Dieses Ideal der Gleichheit richtet sich gegen das Gesetz der Natur, das den Kampf und damit die Ungleichheit von Siegern und Besiegten fordert. - Während im Kommunismus somit der Vertrag das Werkzeug der Herrschenden zur Verhinderung der wahren (materialen) Gleichheit darstellt, ist er im Nationalsozialismus umgekehrt das Werkzeug der Schwachen zur Verhinderung der von der Natur gewollten Ungleichheit.

- Auch der Islamismus wendet sich gegen das Vertragsdenken: Der Vertrag ist für ihn der Inbegriff eines pervertierten Gemeinschaftsverständnisses, das die Gemeinschaft aus der Nutzenmaximierung der Individuen statt von Gott her begründet. Die damit verbundene Überzeugung, dass das Individuum sich selbst genügt, ist Ausdruck des Unglaubens schlechthin. Der Vertrag stellt sich aus dieser Sicht als Bündnis der Ungläubigen gegen den wahren Glauben dar; der Jude als Inbegriff des Berechnenden und der Amerikaner als Inbegriff des dekadenten Kapitalisten sind die Protagonisten dieses zu bekämpfenden Bündnisses.

Das Gemeinsame, das die drei Ideologien im Vertrag bekämpfen, ist der Egoismus: Der Grundgedanke der Vertragstheorie ist es, Gemeinschaft aus einem Kosten-Nutzen-Kalkül heraus zu erklären. Bleibt die von der Theorie versprochene Wirkung aus, wird dies von den Ideologien genutzt, um die Freund-Feind-Unterscheidung gegen den Vertrag zu wenden: Der Vertrag wird dann als raffinierte Erfindung zur Unterdrückung und Vernichtung "der Guten" - seien es die Proletarier, die "Arier" oder die rechtgläubigen Muslime - entlarvt. Der Vertrag stiftet nicht Frieden unter denen, die bis dahin Feinde waren, sondern wird zur entscheidenden Waffe der Feinde in ihrem Kampf gegen "die Guten". Diese Weltsicht beruht zwar vollständig auf der Projektion der eigenen Vorurteile auf die Welt statt auf der Wahrnehmung der Wirklichkeit, doch immerhin liefert die Vertragstheorie mit ihrer Freund-Feind-Unterscheidung eine wichtige Grundlage für diese Projektion, indem sie den Ideologien die Kategorien an die Hand gibt, die diese gegen den vertragstheoretisch begründeten Staat richten können.

Fußnoten

28.
Zum Verständnis des ideologischen Bewusstseins und zur vergleichenden Interpretation von Marxismus und Nationalsozialismus siehe Barbara Zehnpfennig, Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, München 2000, S. 275-284.
29.
Zu Marx‘ Geschichtsverständnis siehe vor allem die "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" von 1844, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 40, Berlin 1985, S. 465-588 (zum Geschichtsprozess insbesondere S. 510-546). Zur Interpretation siehe den Aufsatz des Verfassers: Karl Marx, Humanist oder Vordenker des GULag?, in: Volker Gerhardt u. a. (Hrsg.), Politisches Denken - Jahrbuch 2002, Stuttgart-Weimar 2002.
30.
Vgl. Adolf Hitler, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 1942², insbesondere Kapitel 11: "Volk und Rasse". Zur Interpretation siehe B. Zehnpfennig (Anm. 28), S. 127-152.
31.
Einen Überblick über die Positionen verschiedener islamischer und islamistischer Gruppen mit zahlreichen Quellentexten gibt Andreas Meier, Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen - Originalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal 1994. Im Internet sind zwei Interviews mit Osama Bin Laden verfügbar: To Terror‘s Source - John Miller‘s 1998 Interview With Osama Bin Laden, und: Interview with Bin Laden - "World‘s Most Wanted Terrorist", 1999, beide unter: www.abcnews.com. - Zum ideologischen Charakter des Islamismus vgl. Barbara Zehnpfennig, Ein Hass, der keine Skrupel kennt. Der radikale Islamismus hat der westlichen Lebensweise bedingungslos den Krieg erklärt, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23. 11. 2001.
32.
Es muss allerdings zu denken geben, dass der Kampf gegen das materialistische und ökonomistische Denken auf der Grundlage eines "Geschäfts" mit Gott (so wörtlich im Koran: 9, 112) geführt wird.
33.
Vgl. hierzu z. B. Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 1, Berlin 1958, S. 361-370.