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22.5.2002 | Von:
Hendrik Hansen

Globaler Dschihad?

Die Freund-Feind-Unterscheidung im Islam und in der Theorie des Gesellschaftsvertrags

V. Ergebnis

Alle drei eingangs angeführten Deutungen des Verhältnisses von islamistischem Terrorismus, Islam und westlichem Politikverständnis erweisen sich somit als unbefriedigend. Es ist zwar richtig, dass eine entscheidende Grenze zwischen dem Islamismus und dem Islam verläuft: Der Islamismus ist ideologisch, insofern er die gesamte Wirklichkeit auf den einen Punkt der Bekämpfung des Feindes - das Bündnis von Amerika und Israel - reduziert. Doch der Islam ist alles andere als das friedliche Gegenstück zum Islamismus: Der Koran liefert an zahlreichen Stellen die Aufforderung zum Dschihad, und vor allem ist mit der Zwei-Reiche-Lehre die Freund-Feind-Unterscheidung konstituierender Bestandteil des islamischen Glaubens. Hieraus lässt sich aber wiederum nicht auf einen Gegensatz zum westlichen Denken schließen: Die Vertragstheorie, der für das westliche Politikverständnis eine entscheidende Bedeutung zukommt, wird wie der Islam mit dem Anspruch auf universelle Gültigkeit vertreten; auch sie zielt im Ergebnis auf Weltherrschaft durch Überwindung der Feinde des Vertrags. Der Unterschied in der Begründung der Gesetze, die den Frieden garantieren sollen, darf also nicht die formale Gemeinsamkeit vergessen lassen: die Freund-Feind-Unterscheidung in Verbindung mit dem Anspruch auf universelle Gültigkeit des eigenen Denkens. Nicht nur der Islam, sondern auch das westliche Vertragsdenken beruht auf dieser Unterscheidung, die zugleich den Anknüpfungspunkt für das ideologische Denken bildet. Dies erklärt die Ähnlichkeit der Rhetorik von George W. Bush mit der von Bin Laden; doch Arundhati Roy übersieht in ihrem Eifer den wichtigen Unterschied: dass Bin Laden - anders als Bush! - die ideologische Variante der Freund-Feind-Unterscheidung vertritt und die Bekämpfung des Feindes nicht als eine Aufgabe der Politik ansieht, sondern als die Aufgabe schlechthin.

Im Kern lassen sich die verschiedenen Konfliktlinien also auf das Freund-Feind-Denken zurückführen, das die tiefere Gemeinsamkeit des westlichen, islamischen und islamistischen Politikverständnisses darstellt; und diese Gemeinsamkeit ist gefährlich, weil sie nicht nur auf Seiten der Ideologien die Tendenz fördert, die Schuld für die Konflikte beim jeweils Anderen und die Lösung der Konflikte im Kampf gegen den Anderen zu sehen. Auch jenseits des ideologischen Denkens besteht die Gefahr, dass westliche und islamische Länder sich wechselseitig als Bedrohung des eigenen Staatsverständnisses und damit als Feinde wahrnehmen.

Aber ist ein Politikverständnis jenseits des Freund-Feind-Denkens überhaupt möglich? Zieht nicht jedes politische Denken zugleich eine Grenze zwischen dem Freund, der diesem Denken zustimmt, und dem Feind, der es ablehnt? Nach Carl Schmitt ist dies gerade der Inbegriff von Politik: durch die Abgrenzung vom Feind die Homogenität der Gemeinschaft zu schaffen. [34] Doch es ist sicher kein Zufall, dass gerade Schmitt in so starkem Maße vom ideologischen Denken angezogen wurde. Eine Überwindung dieses Verständnisses von Politik müsste an der Wurzel der Freund-Feind-Unterscheidung ansetzen: nämlich deren Prinzip, politisches Denken in letzter Konsequenz auf ein nicht weiter begründbares Dogma zurückzuführen. Dieser Dogmatismus ist es, der nur noch die Unterscheidung zwischen Befürworter und Gegner, Freund und Feind erlaubt. Streben nach rationaler Begründung und Einsicht erlauben hingegen die Überwindung der Differenz zwischen Bekenntnis und Ablehnung. Nur ein politisches Denken, das bis zum letzten Punkt nach Erkenntnis strebt, wäre somit in der Lage, das Verharren in den Freund-Feind-Schablonen - mit allen ihren Konsequenzen - zu verhindern. Der Islamismus ist das Gegenstück zu einem solchen Denken: Der durch ihn gerechtfertigte Terror ist gerade Ausdruck der Verweigerung jeder Auseinandersetzung mit den eigenen Dogmen. Diese Verweigerung der Reflexion offenbart die eigentliche Feigheit der Islamisten. Hierauf nur mit dem "kleinen Dschihad" gegen den Terror reagieren hieße, nur den halben Kampf zu führen. Der eigentliche Kampf, zu dem die Ideologien herausfordern, ist der "große Dschihad": das Ringen um die Überwindung des eigenen Dogmatismus.

Fußnoten

34.
Vgl. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin 1963.