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Zivile oder herrschaftliche Religion?

Fundamentalismus, Religionsfreiheit und die Verantwortung des zivilen Staates

22.5.2002

II. Fundamentalismus: Politisch verfälschte Religion?



Das Wort Fundamentalismus, das in der öffentlichen Diskussion üblicherweise ohne Definition verwendet wird, tauchte erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Bezeichnung für eine bestimmte Variante protestantischer Frömmigkeit in den Vereinigten Staaten von Amerika auf. [5] Mittlerweile steht es für theoretische Grundlegungen und praktische Organisationsformen mit zwei Merkmalen:

-Kommunikationsabbruch: Weltsicht und Verhalten von Fundamentalisten sind ausschließlich und strikt an einer festgeschriebenen Orientierungsgrundlage, meist einer Schrift, ausgerichtet. Fundamentalismus bedeutet daher immer auch einen willkürlichen Abbruch der Kommunikation, um absolute Gewissheiten der Infragestellung zu entziehen. Damit entsteht üblicherweise eine Spannung zwischen den strikt festliegenden Orientierungsgrundlagen und der sich verändernden sozialen Wirklichkeit (Norm-Realitäts-Spannung). Diese kann je nach den situativen Bedingungen durch den Versuch der Realitätskontrolle, insbesondere der Unterdrückung normfremder Realität (herrschaftlich), oder durch den zumindest psychischen Rückzug aus der Welt (sektenhaft) bewältigt werden. Fundamentalismus schwankt daher in der Regel - je nach dem Grad, in dem Realität beherrscht werden kann - zwischen aggressiver Herrschaftsorientierung, sektenhafter Abschottung und Realitätsverdrängung.

-Anti-Modernismus: Der Prozess der Modernisierung führt zur Öffnung der kulturellen, sozialen und politischen Systeme für Alternativen. Fundamentalismus stellt den Versuch dar, diesen Prozess der Öffnung ganz oder in zentralen Teilen rückgängig zu machen. Es soll unter unterschiedlichen Alternativen in Religion, Kultur und Politik nur eine verbindlich gemacht werden. [6] Hieraus ergibt sich zum einen, dass Fundamentalisten, soweit sie dazu in der Lage sind, antimoderne Lebensweisen präferieren oder durchzusetzen suchen; zum anderen, dass sie zumindest gefühlsmäßig die pluralistisch-moderne Gesellschaftsordnung ablehnen.

Wird Fundamentalismus in diesem Sinne verstanden, so ergibt sich, dass nicht nur weltliche Ideologien und Bewegungen mit erklärter politischer Zielrichtung fundamentalistischen Charakter haben können (Beispiel: orthodoxer Marxismus-Leninismus), sondern vor allem auch Religionen. Denn diese stützen sich auf als göttlich angesehene, damit unverrückbar festgelegte und in der Regel über lange Zeit hinweg tradierte Glaubenssätze. Treten diese Glaubenssätze in Konflikt mit der sich weiterentwickelnden Realität, so können sie möglicherweise neu interpretiert werden. Als fundamentale Orientierungsgrundlagen von Weltsicht und Verhalten bleiben sie aber für die Gläubigen unverrückbar bestehen. Hiermit entsteht nicht nur im einzelnen Problemfall eine mögliche Spannung zu Anforderungen zivildemokratisch strukturierter Gesellschaften, sondern vor allem ein grundsätzlicher Unterschied zwischen den Formen, in denen zivildemokratische Gesellschaft und Religion kollektive Probleme zu bewältigen suchen: Während in der zivilen Gesellschaft in Form ergebnisoffener Verfahren koordiniert wird - verbindliche Entscheidungen und Normen sind zwar geltendes Recht, können aber nach legitimierten Verfahren politisch gesetzt respektive geändert werden -, gelten nach religiöser Auffassung einmal als göttlich vorgegebene Normen und Rituale unveränderlich und strikt. Nach dem ersten Fundamentalismus-Kriterium, der strikten Orientierung an bestimmten, nicht veränderbaren Orientierungsgrundlagen, sind Religionen damit grundsätzlich fundamentalistisch.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Religionen immer in einem Gegensatz zu Prinzipien und Verfahren der modernen Zivilgesellschaft stehen (zweites Fundamentalismus-Kriterium). Religiöse Aussagen zur Beziehung zwischen dem einzelnen Gläubigen und Gott oder zum Leben nach dem Tode berühren nämlich zivilstaatliche Normen und Verfahren üblicherweise nicht. Und auch kirchlich-religiöse Aussagen zur aktuellen sozialen Wirklichkeit, die mit keinem gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch verbunden sind, stellen keinen Bruch mit der zivilstaatlichen Ordnung dar. Im Gegenteil: Wie im Fall der heutigen christlichen Kirchen in Europa zu sehen, können sich auch politisch aktive Religionen gut in das Normen- und Verfahrenssystem des Zivilstaats einfügen. [7] Die konstruktive Haltung der christlichen Kirchen zum Zivilstaat ist allerdings, wie dargestellt, Produkt eines langen historischen Lernprozesses in Kirche und Staat. Dass es hierzu kommen konnte, wurde zudem durch Bibelaussagen gefördert, aus denen ein nichtherrschaftlicher Charakter der christlichen Lehre (in dieser Welt) abgeleitet werden kann. [8]

Das Bild der weitgehend problemlos in die Zivilgesellschaft eingebundenen christlichen Religion als Vorlage einer entsprechenden allgemeinen Religionsauffassung zu verwenden führt allerdings zu einer eurozentristischen Selbsttäuschung. Religionen können nämlich wie im Fall des Islam ausgeprägt herrschaftlichen Charakter haben, Grundlage einer antimodernistischen, fundamentalistischen Haltung sein. Diese eurozentristische Selbsttäuschung zu korrigieren, ist Aufgabe der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion hieraus verantwortliche Konsequenzen zu ziehen, Aufgabe des zivilen Staates.


Fußnoten

5.
Vgl. Oxford English Dictionary Online, nach www.oed.com, Suchwort: Fundamentalism.
6.
Vgl. Thomas Meyer, Fundamentalismus, in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Kleines Lexikon der Politik, München 2001, S. 150 - 153.
7.
Hierbei gibt es einzelne Ausnahmen, so etwa extrem konservative christliche Organisationen wie die katholische Organisation Opus dei, welche die heute erreichte konstruktive Gesamthaltung der christlichen Kirchen zum Zivilstaat aber nur geringfügig modifizieren.
8.
Im Geiste von: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!, Matthäus 22, Vers 21.