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2.7.2002 | Von:
Julian Nida-Rümelin

Globalisierung und kulturelle Differenz

Eine zivilgesellschaftliche Perspektive

Der Beitrag thematisiert den Zusammenhang von Kultur und Globalisierung unter dem Aspekt der ethischen Grundlagen. Er entfaltet die Perspektive einer globalen Zivilgesellschaft.

I. Abschnitt

Der Essay ist aus einem Referat hervorgegangen, das der Autor - Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien - zur Eröffnung des internationalen Kolloquiums "Culture and identities in global societies" der Bundeszentrale für politische Bildung Ende September 2001 in Cadenabbia gehalten hat. Ausführlicher ist die hier vorgestellte Konzeption in Julian Nida-Rümelin, Zur Philosophie einer globalen Zivilgemeinschaft, Kap. 12 von Demokratie als Kooperation, Frankfurt/M. 1999, entwickelt.

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  • Das Verhältnis zwischen Kultur und dem, was unter dem Begriff der Globalisierung subsumiert wird, ist facettenreich und komplex. Ich beschränke mich in diesem Beitrag auf einen - allerdings wesentlichen - Aspekt der Problematik, den der normativen Basis einer zivilen Weltgesellschaft. Nicht zuletzt die Ereignisse des 11. September 2001 haben die keineswegs nur theoretische Relevanz dieser grundsätzlichen Fragestellung unterstrichen.

    Die folgenden Überlegungen verstehen sich als programmatische Skizze der Konzeption einer globalen Zivilgesellschaft. Im Hintergrund steht dabei ein, jedenfalls in der Moderne, zentrales Problem der politischen Philosophie: das der Lösung von aus gegensätzlichen Interessen und kulturellen Differenzen erwachsenden Konflikten in einer zivilen - und das heißt insbesondere: gewaltfreien - Weise. Das Problem des Umgangs mit Differenz stellt sich heute insofern im weltweiten Maßstab, als im Prozess einer Globalisierung, die von wirtschaftlichen Interessen wesentlich bestimmt ist, offenkundig in vielen Regionen der Welt das Bedürfnis entstanden ist, sich auf das Lokale und Regionale, auf religiöse Traditionen, auf das je verschieden kulturell verfasste Eigene zurückzuziehen. Diese Entwicklung geht in vielen Weltregionen einher mit einer Abgrenzung gegenüber anderen kollektiven Identitäten und anderen Lebensformen, spezifisch gegen die mit dem Prozess der Globalisierung zumindest äußerlich verknüpfte Lebensform, die weite Teile der westlichen Welt prägt.