APUZ Dossier Bild

2.7.2002 | Von:
Bernd Wagner

Kulturelle Globalisierung

Von Goethes "Weltliteratur" zu den weltweiten Teletubbies

II. Was meint kulturelle Globalisierung?

Den 11. September als Ausdruck einer mit sich selbst in Konflikt geratenen Globalisierung zu verstehen entbindet nicht von der Aufgabe, genauer zu bestimmen, was mit den allgemeinen Kennzeichnungen unserer Weltsituation durch die Bezeichnungen "Globalisierung" und "kultureller Globalisierung" gemeint ist.

Wie die Globalisierung insgesamt ist auch die kulturelle Globalisierung ein komplexer Prozess mit sehr widersprüchlichen Formen, Reichweiten und Ausdrucksweisen, der sich einer eindeutigen Kennzeichnung entzieht.

Weder "Globalisierung" noch "kulturelle Globalisierung" sind wissenschaftliche oder auch nur politische Begriffe, mit denen konkretere Aussagen verbunden sind - ausgenommen jene, dass Ökonomie, Technik, Politik und Kultur heute weltweit in so engen Austausch- und Kommunikationsbeziehungen stehen wie noch nie in der Geschichte. Über den Charakter und die Reichweiten dieser Verflechtung von Menschen, Gütern, Orten, Dienstleistungen und Kapital, die dadurch hervorgerufenen Veränderungen und die Entwicklungsperspektiven sowie die damit verbundenen Chancen und Gefahren ist mit diesen Bezeichnungen noch nichts gesagt. "Globalisierung" und "kulturelle Globalisierung" sind Arbeitsbezeichnungen für sehr unterschiedliche Entwicklungen und keine eindeutig definierten Begriffe. [1]

1. Nicht Mosaik, sondern Fluss



In der Diskussion über kulturelle Globalisierung gibt es eine sehr populäre Auffassung, nach der eine sich immer stärker ausbreitende US-amerikanische bzw. westliche Kultur die Kulturen in den anderen Ländern, Regionen und Kontinenten verdränge und alles zum großen Einheitsbrei, der "McDonaldisierung" (George Ritzer), einer "Cocacolization" (Zdravko Mlinar) oder der "McWorld" (Benjamin Barber) zusammenschmelzen würde. [2]

Die Vorstellungen von der Zerstörung einer Kultur durch eine andere basieren auf einem Verständnis, nach dem Kulturen weitgehend in sich abgeschlossene Gebilde sind, gebunden an Orte und eine Gruppe von Menschen, eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, eine Region oder Nation. Aber solche authentischen Kulturen, ohne prägende Einflüsse von außen, sind eine Fiktion, da Kulturen nie in "Reinform" existieren, nicht statisch und homogen sind und immer aus der Begegnung und dem Austausch mit anderen Kulturen, dem gegenseitigen Aufnehmen und Abgrenzen entstehen. Kulturen sind Produkt von Beziehungen und Durchquerungen und entwickeln sich erst im Kontakt mit dem Fremden, Anderen. Kultur bedeutet immer schon "zwischen den Kulturen" (Alexander Düttmann), ist nie rein und homogen, sondern hybrid und heterogen. Kulturen sind "Bastarde", nicht nur wegen ihrer jeweils früheren Übernahme fremder Kulturelemente in die eigene Kultur, sondern "grundlegender deshalb, weil der Gestus der Kultur selbst einer des Vermischens ist: Es gibt Wettbewerb und Vergleich, es wird umgewandelt und uminterpretiert, zerlegt und neu zusammengesetzt, kombiniert und gebastelt" [3] .

Im "World Culture Report 2000" der UNESCO bildet dieses Verständnis vom Entstehen und der Entwicklung von Kultur durch den ständigen kulturellen Austausch den Ausgangspunkt der Untersuchung der gegenwärtigen kulturellen Situation. Danach besteht "die Welt nicht aus einem Mosaik der Kulturen, sondern ist ein sich ständig wandelnder Fluss der Kulturen, dessen verschiedene Strömungen sich dauerhaft mischen" [4] .

2. Weltliteratur, Kosmopolitismus und Nationalisierung der Kultur



Auch wenn kultureller Austausch zum Wesensmerkmal der menschlichen Entwicklung gehört und in allen Epochen mit unterschiedlicher Intensität stattgefunden hat, nahm er einen gewaltigen Aufschwung mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise, welche die Menschen auf der Jagd nach Gewinn um den ganzen Erdball trieb. Diese neuen ökonomisch motivierten weltweiten Verbindungen schufen qualitativ andere Zusammenhänge als in früheren Zeiten und umfassten nicht nur die materielle, sondern auch die geistige Produktion. "Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur", heißt es 1848 bei Karl Marx und Friedrich Engels. [5]

Bei Goethe taucht der Begriff "Weltliteratur", der erstmals von August Wilhelm Schlegel 1802 genutzt wurde, nachdem er zuvor der Sache nach schon von Johann Gottfried Herder entwickelt worden war, häufig auf. Goethe spricht davon, dass "die Epoche der Weltliteratur an der Zeit ist, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen" [6] .

Die Vorstellung einer Weltliteratur war ein Produkt der Aufklärung und eines neuartigen Universalismus, die im neuen Begriff des "Weltbürgertums" im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert ihren Ausdruck fanden. [7]

Dieser Kosmopolitismus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts konnte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts trotz weiter wachsender und immer engerer ökonomischer und politischer Zusammenhänge nicht weiter entfalten, da die Herausbildung der Nationalstaaten in starkem Maße über den Weg der "kulturellen Nationalisierung" stattfand. Nationalliteratur und Nationalkulturen spielten bei dieser Konstituierung einer Tradition, eines Gründungsmythos und der Idee eines reinen ursprünglichen Volkes eine zentrale Rolle, da mittels Kunst und Kultur die Verknüpfung der Menschen mit der Besonderheit eines national bestimmten Raumes und die Formung einer nationalen Identität am sinnfälligsten zu erreichen waren. Dabei wurden die Pluralität bäuerlicher Regionalkulturen und die universalen Orientierungen der Elitenkultur in der vorindustriellen Welt in den jeweiligen Nationalkulturen eingeebnet.

Die "Nationalisierung der Kultur" war eine politische Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts prägend blieb und vor allem in den faschistischen und nationalsozialistischen Staaten Deutschland, Italien und Spanien eine besonders widerwärtige Ausformung hatte.

3. Weltmusik und Weltkunst: frühe Formen kultureller Globalisierung



Die von der Aufklärung und der deutschen Klassik geförderten Vorstellungen einer Weltliteratur wurden von der Nationalisierung der Kultur im 19. Jahrhundert zwar relativiert, aber nicht aufgesogen. Literatur ist spätestens von da an nicht mehr an eine Menschengruppe und Gegend gebunden, in der es mit der Schrift ein "Speichermedium" gibt. Seither ist jede Literatur von anderen Literaturen beeinflusst und wirkt wiederum auf diese ein. Dieser Austauschprozess gewinnt mit der Erfindung und Weiterentwicklung des Buchdrucks eine neue Dimension.

Was bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem für die Literatur galt, weitet sich ab der zweiten Hälfte auch auf zwei andere Kunstformen aus: auf Musik und bildende Kunst. Grundlage hierfür war wiederum die Weiterentwicklung der Speichermedien. Natürlich gab es über den direkten Kontakt der Musiker und deren Arbeit in anderen Ländern, über Reisende und Auswanderer auch schon früher einen musikalischen Austausch und gegenseitige Beeinflussungen. Dabei betrifft das Aufnehmen von Musikidiomen aus anderen Kulturen nicht nur die klassische "Kunstmusik", sondern auch jene Musik, die besonders eng an das Lokale gebunden ist, wie die populäre Volksmusik. Ein exponiertes Beispiel dafür ist "La Paloma". Seit etwa 150 Jahren gibt es das Musikstück, das vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Spanier komponiert wurde und auf einer böhmischen Volksweise beruht, in einer Vielzahl von Ländern: als Volkslied, Tanzmusik und Seemannslied, als populäres Bravourstück für Opernsänger, als Tango, Walzer, Marsch, später im Jazz, Twist, Rock, Reggae, Country und als vielfacher Schlagererfolg sowie häufig als Filmmusik. [8]

Dieser musikalische Austausch und die gegenwärtige Beeinflussung nehmen ähnlich wie bei der Entwicklung des Buchdrucks für die Literatur von dem Zeitpunkt eine neue Dimension an, als eine Speicher- und Wiedergabemaschine für Töne erfunden wurde. Der 1877 von Edison erfundene Phonograph und die 20 Jahre später entwickelte Schelllackplatte markieren den Beginn der ersten Phase der Weltmusik. Die jungen Phono-Unternehmen weiteten rasch ihr Absatzgebiet auf die ganze Welt aus, und um die Grammophone auch in Übersee zu verkaufen, wurde nicht nur europäische Musik auf die Platten gepresst, sondern auch von speziellen Aufnahmeteams aufgenommene Musikstücke aus den jeweiligen Ländern. Schon 1906, zwei Jahre nach ihrer Gründung, hatte die deutsche Musikfirma Odeon 11 000 Titel mit außereuropäischer Musik in ihrem Programm, die von Repräsentanten vor Ort ausgewählt, aufgenommen und vertrieben wurden. [9]

Die Aufnahme- und Wiedergabemöglichkeiten für Klänge bildeten die Voraussetzung nicht nur für den weltumfassenden Vertrieb von Musikaufnahmen aus allen Ländern, sondern auch für die Vermischung musikalischen Materials und die Entstehung neuer Musik in einem ganz anderen Ausmaß, als es zuvor möglich gewesen war.

1906 tauchte erstmals der Begriff "Weltmusik" auf. Was für die Entstehung der Weltmusik die Erfindung des Grammophons bedeutete, war für die bildende Kunst das Museum und die Fotografie. Nach den Kunst-, Gewerbe- und Geschichtsmuseen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem im Zusammenhang mit dem expandierenden Kolonialismus Völkerkundemuseen. Gegenstände der Alltagskultur und des religiösen Brauchtums, Schnitzereien und Masken in diesen Museen brachten die Kulturen aus Afrika, Asien und Südamerika nach Europa und beeinflussten hier das künstlerische und kunstgewerbliche Schaffen.

Hierdurch wurde die Entwicklung der bildenden Kunst entscheidend beeinflusst. Am Beginn stehen Gauguins Südseebilder und Picassos Adaption afrikanischer Plastiken Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitere Stationen sind Malreisen von Klee, Macke, Nolde und vielen anderen nach Afrika, Asien und Südamerika, ferner der Einfluss der mexikanischen und indigenen Kunst auf die nordamerikanische Kunstszene sowie der Dialog zwischen asiatischen und europäischen KünstlerInnen. [10]

Diese Austauschprozesse in der bildenden Kunst wurden durch die Möglichkeit der "technischen Reproduzierbarkeit von Kunst" über die neuen Medien Fotografie und Film noch einmal erheblich gefördert. Unter dem Einfluss der nun in großem Umfang entdeckten künstlerischen Arbeiten außereuropäischer Völker entsteht der "Weltkunstgedanke, das Sichauftun eines universalen Kunsthorizonts und die Erkenntnis, dass es dringende Pflicht ist, über die Mauern Europas hinauszuspringen, um mit jenen riesigen Kunstprinzipien sich auseinander zu setzen und in lebendige Beziehung zu treten, die außerhalb unseres westlichen Erdteils existieren . . . Die Parole und das Kennwort neuen Strebens lautet: Weltkunst, und das heißt die Gesamtheit aller Stilformen und Kunstbezirke des ganzen Weltkreises." [11]

Fußnoten

1.
Ich greife im Folgenden Gedankengänge auf, die teilweise ausführlicher entwickelt sind in meinem Aufsatz "Kulturelle Globalisierung: Weltkultur, Glokalität und Hybridisierung" in: Bernd Wagner (Hrsg.), Kulturelle Globalisierung. Zwischen Weltkultur und kultureller Fragmentierung, Frankfurt/M. - Essen 2001, S. 9-38
2.
Im Unterschied zur angelsächsischen Diskussion nehmen die deutschsprachigen Veröffentlichungen zu kulturellen Globalisierungsprozessen noch einen geringen Raum ein. Das ändert sich erst langsam. Wichtige deutschsprachige Studien sind u. a.: Joana Breidenbach/Ina Zukrigl, Tanz der Kulturen. Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, München 1998; Caroline Y. Robertson/Carsten Winter (Hrsg.), Kulturwandel und Globalisierung, Baden-Baden 2000; Rainer Alsheimer u. a., Lokale Kulturen in einer globalisierenden Welt, Münster u. a. 2000. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von J. Breidenbach und I. Zukrigl in diesem Heft. - Zur angelsächsischen Debatte über kulturelle Globalisierung vgl. den Überblick von Carsten Winter, Kulturwandel und Globalisierung. Eine Einführung in die Diskussion, in: C. Y. Robertson/C. Winter, ebd.
3.
Jean-Luc Nancy, Lob der Vermischung, in: Lettre internationale, (Sommer 1993) 21, S. 6-7; vgl. auch Alexander Garc'a Düttmann, Zwischen den Kulturen. Spannungen im Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1997.
4.
World Culture Report 2000 - Cultural Diversity, Conflict and Pluralism, Paris 2000; hier zitiert nach der Teilübersetzung in den Arbeitspapieren zur UNESCO-Konferenz "Kultur und Entwicklung - die globale Dimension von Kulturpolitik", Berlin, 16.-28. 11. 2001.
5.
Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, Berlin 1967, S. 465 f.
6.
Gespräch mit Eckermann am 31. 1. 1827, in: Goethe, Gespräche, Leipzig 1889 ff., Band 6, S. 45.
7.
Vgl. Sigrid Thielking, Weltbürgertum, und Norbert Bolz/Friedrich Kittler/Raimar Zons, Weltbürgertum und Globalisierung, beide München 2000.
8.
Die drei CDs "La Paloma. One Song for all Worlds" (München, Trikont 1995-1997) vermitteln einen Eindruck des vermutlich meistgespielten Musikstückes in den unterschiedlichsten Varianten aus allen Kontinenten.
9.
Vgl. Christoph Wagner, Weltmusik, in: Kommune, (1998) 10, sowie Susanna Binas, Populäre Musik als Prototyp glokalisierter Kultur, in: Bernd Wagner (Anm. 1).
10.
Vgl. hierzu stellvertretend für viele Publikationen Marc Scheps/Yilmaz Dziewior/Barbara M. Thiemann (Hrsg.), Kunstwelten im Dialog. Von Gauguin zur globalen Gegenwart, Köln 1999.
11.
Oskar Beyer, Welt-Kunst. Von der Umwertung der Kunstgeschichte, Dresden 1923, S. 11, 49.