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2.7.2002 | Von:
Bernd Wagner

Kulturelle Globalisierung

Von Goethes "Weltliteratur" zu den weltweiten Teletubbies

III. Grundlagen heutiger kultureller Globalisierung

Die Herausbildung einer Weltliteratur, einer Weltmusik und einer Weltkunst im 19. und 20. Jahrhundert sind Vorläufer der kulturellen Globalisierung, die heute unser Leben prägt. Es handelt sich dabei um Internationalisierungsprozesse, die einen kulturellen Teilbereich, die Künste, betrafen - und auch hier nur einen Teil.

Der zentrale Unterschied früherer und heutiger Formen kultureller Globalisierung besteht darin, dass sie heute weit über die Künste hinaus reichen und die Alltagskulturen sowie teilweise auch die mit Kultur und Kunst verbundenen Werthaltungen und Bedeutungen umfassen. Zudem zeichnet sich der gegenwärtige durch die Globalisierung bewirkte kulturelle Wandel durch eine bis in die letzten Zipfel der Erde reichende Ausbreitung aus sowie eine ungeheure Geschwindigkeit und eine gesteigerte Intensität, mit der die Kulturen in Kontakt stehen, sich austauschen, vermischen und neue Kulturen hervorbringen.

Diese neue Qualität kultureller Globalisierung geht vor allem auf drei zentrale gesellschaftliche Veränderungen zurück, die alle Länder, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß prägen: die Herausbildung einer Weltgesellschaft durch die ökonomische Globalisierung, die weltweiten Migrationsprozesse und die Medienentwicklung.

1. Eine Welt



Die Globalisierung der Finanz- und Warenmärkte hat neue Zusammenhänge und Abhängigkeiten geschaffen. Kapital und Waren bewegen sich nahezu grenzenlos über die gesamte Erde, die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen ist immer weniger an bestimmte Orte gebunden. Die enge Verflechtung von Ökonomie und Finanzen bringt auch eine neue Mobilität der Menschen hervor. Führungskräfte und mittleres Management transnationaler Konzerne jetten um die Welt, Fachkräfte arbeiten wechselnd an unterschiedlichen Produktionsstätten auf verschiedenen Kontinenten, und Computerspezialisten werden an- und abgeworben, egal in welchem Land sie bisher oder zukünftig arbeiten. Der Internationalisierung der Arbeit folgt auch zunehmend eine solche der Qualifizierung dafür.

Und wo die Menschen nicht durch ihre Arbeit und ihre Qualifizierung in andere Länder kommen, reisen sie als Touristen um die Welt. Natürlich betrifft diese neue Mobilität durch die grenzüberschreitende Ökonomie und den Tourismus nur einen kleineren Teil der Menschen. Aber auch viele der anderen, die ihre heimische Gegend nicht verlassen müssen oder können, kommen an ihren Arbeitsstellen oder den Tourismusorten mit den Berufs- und Urlaubsreisenden in Kontakt, lernen etwas von deren Kultur kennen, wie umgekehrt diese etwas von ihrer Kultur aufnehmen.

2. Migration



Die aus sozialen, ökonomischen und politischen Gründen erzwungene Mobilität hat in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Ausmaß erreicht, das - trotz Völkerwanderung und Siedlungskolonialismus in früheren Jahrhunderten - bislang unbekannt war. Als "Zeitalter der Migration" (Stephen Castles) wird inzwischen das letzte Jahrzehnt des 20. und das erste des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Nach dem Migrationsbericht der "Internationalen Organisation für Migration" (IOM) gab es 1975 75 Millionen Migranten, 20 Jahre später war die Zahl auf 105 Millionen gestiegen und beträgt nach UN-Schätzung heute 150 Millionen. Dabei finden diese Wanderungsbewegungen vor allem zwischen den Ländern des Südens, innerhalb der so genannten "Dritten Welt", statt, davon ein Drittel in Afrika. Nur 5 Prozent betreffen Europa. Als Folgen des disproportionalen Wachstums - nach dem "Human Development Report" der UN-Entwicklungsorganisation lebten 1996 1,6 Milliarden Menschen schlechter als 15 Jahre zuvor -, mit der zunehmenden Umweltzerstörung und den kriegerischen Auseinandersetzungen ist eine Steigerung der internationalen und interkontinentalen Wanderungsbewegungen absehbar.

Diese in der Regel erzwungenen Migrationsbewegungen gehören zu den Schattenseiten der Globalisierung und tragen, da die meisten Migranten oft für längere Zeit und viele für immer ihren Heimatort wechseln müssen, erheblich zur kulturellen Globalisierung und der Vermischung der Kulturen bei. [12]

3. Medienentwicklung



Wie bei der früheren Herausbildung von weltweiten Austauschbeziehungen zwischen Kunstformen kommt der Medienentwicklung auch bei der gegenwärtigen kulturellen Globalisierung die entscheidende Bedeutung zu. Sie bildet die Voraussetzung für die heutige globale Vernetzung von Kulturen und Künsten. Nach einer UNESCO-Studie vom Ende der neunziger Jahre haben 93 Prozent der Kinder Zugang zu einem Fernsehgerät, und selbst in Afrika können vier von fünf Kindern hin und wieder TV sehen. [13] Anfang der neunziger Jahre erlaubten knapp 700 Millionen Fernsehapparate und zwei Milliarden Radiogeräte, davon allein 800 Millionen in Ländern des Südens, einen weltweiten Empfang von Informationen und Kultur. 1996 kamen auf 1 000 Einwohner in den Industriestaaten 1 005 Radio- und 524 Fernsehgeräte und in den "Entwicklungsländern" 185 Radio- und 145 Fernsehgeräte. [14]

Die Entwicklung und Verbreitung der audiovisuellen Massenmedien Radio und Fernsehen haben eine neue Stufe grenzüberschreitender Vermittlung von Kulturen hervorgebracht, da sie zum Teil leichter zugänglich und oft attraktiver sind als andere Medien. Und sie haben zur Herausbildung transnationaler Medienunternehmen geführt, die immer mehr kulturelle Angebote für immer mehr Menschen in der Welt bereithalten, von denen jeder Einzelne dann wiederum über eine wachsende Zahl kultureller Produkte verfügen kann.

Der Übergang von Buch- und Schriftmedien zu den Bild-, Wort- und Tonmedien (Fotografie, Telefon, Schallplatte) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ihre Weiterentwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Radio, Film) und vor allem in der zweiten Hälfte (Fernsehen, Tonkassetten, Video) prägen die bisherigen Stufen der kulturellen Globalisierung.

Gegenwärtig befinden wir uns an einer erneuten medialen Epochenschwelle; die kulturellen Globalisierungsprozesse werden weiter umgewälzt werden. Mediale Leitform wird zunehmend der Computer werden, der die heutigen Kommunikationsprozesse und Informationsmedien prägt und weiter verändern wird. Datenautobahnen und Internet sind der sichtbarste Ausdruck dieser Veränderungen.

Das Gefälle zwischen industrialisierten und ökonomisch weniger entwickelten Ländern ist bei der Verfügung über die traditionellen audiovisuellen Kommunikations- und Informationsmedien beträchtlich. Diese Asymmetrie erhöht sich noch bei den neuen Medien. Lediglich 5,2 Prozent der Bevölkerung in den Drittweltländern verfügten Mitte der neunziger Jahre über einen Telefonanschluss (gegenüber 52,3 Prozent in den Industrieländern) und 0,7 Prozent über einen PC (gegenüber 8,7 Prozent in den Industrieländern). In Ballungsgebieten wie New York und Tokio gibt es beispielsweise mehr Telefonanschlüsse als in ganz Afrika. Auf die zehn reichsten Länder mit 20 Prozent der Weltbevölkerung kommen drei Viertel aller Telefonanschlüsse. Telefonanschlüsse bilden aber (noch) die Zugangsvoraussetzung, um an den neuen Kommunikationsmedien partizipieren zu können. Zwar sind inzwischen alle 54 Länder Afrikas an das Internet angeschlossen, aber von den 800 Millionen Bewohnern dieses Kontinents können lediglich 2,5 Millionen das Netz nutzen, davon 80 Prozent in Südafrika. Nach einer OECD-Analyse entfielen 1999 65 Prozent der Internetzugänge auf die USA und Kanada, gefolgt von Europa mit 22 Prozent und Australien, Neuseeland und Japan mit 6 Prozent sowie dem sonstigen asiatisch-pazifischen Raum mit knapp 4 Prozent und Lateinamerika mit 2 Prozent. Das Schlusslicht bildet Afrika mit 0,3 Prozent. [15]

Trotz dieser schroffen Ungleichheit sind aber die Chancen für eine bessere Partizipation gerade wegen der anderen technologischen Basis der neuen Medien für die Bewohner in den Ländern des Südens besser als bei den traditionellen Kommunikations- und Kulturmedien. Da der Welttelekommunikationsmarkt heute schon zu 80 Prozent aus Kommunikationsdienstleistungen und Software und nur noch zu 20 Prozent aus Ausrüstung/Hardware besteht, sind diese Hoffnungen auch berechtigt, wie das Beispiel Indien zeigt. Heute exportiert Indien bereits mehr Software als alle EU-Staaten zusammen.

Fußnoten

12.
Angaben nach: Die Welt wird kleiner. Migrationsbericht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. 11. 2000, und Klaus Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Mark Terkessidis in diesem Heft.
13.
Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 23. 2. 1998, Frankfurter Rundschau vom 11. 4. 1998.
14.
Vgl. Barbara Thomaß/Hans J. Kleinsteuber/Werner Gries, Medien und Wissensgesellschaft, in: Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg), Globale Trends 2002, Frankfurt/M. 2001, S. 181-197, sowie Christiano Germano, Politische (Irr-) Wege in die globale Informationsgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 32/1996, S. 16-25.
15.
Vgl. Frankfurter Rundschau vom 22. 12. 2000; Joachim Betz/Sefan Brüne, Globale Kommunikation und kulturelle Moderne - Die Reformagenda des Südens, in: Jahrbuch Dritte Welt 2001, München 2000, S. 7-18.