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Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken


2.7.2002
Im Zuge der Globalisierung wandeln sich Lebenswelten und Identitäten von Menschen. Die bekannten Klischees - beispielsweise "kulturelle Vielfalt verschwindet" erfassen nur Teilaspekte der komplexen Veränderungen.

Einleitung



Meinte man vor einem Jahrzehnt noch, Weltbilder, Wirtschafts- und politische Systeme konkreten Orten zuordnen zu können, so wird dies im Zeitalter der Globalisierung immer fragwürdiger. Globalisierung vollzieht sich in den unterschiedlichsten Bereichen und Dimensionen. Finanzen, Firmen, Ideen und Menschen sind so mobil wie nie zuvor. Aber während über die wirtschaftlichen und politischen Folgen der weltumspannenden Vernetzung differenziert und kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert wird, werden die Auswirkungen auf Gesellschaft und Alltagswelt eher vernachlässigt.

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  • Folgen wir den öffentlichen Meinungsmachern, dann läuft kulturelle Globalisierung auf eines von zwei Szenarien hinaus: Im weitverbreiteten Bild der globalen Kulturschmelze werden kulturell einst eigenständige Gesellschaften von weltweit verfügbaren Waren und Medien überschwemmt. In einer Welt, in der Menschen von Bratislawa bis Bangkok Big Macs essen, Jeans tragen, auf raubkopierten Windowsversionen arbeiten und MTV sehen, erscheint kulturelle Vielfalt akut bedroht. Und da die meisten der globalen Güter und Ideen westlichen Ursprungs sind, liegt es nahe, in der Globalisierung nur einen neuen Namen für Amerikanisierung oder "Westernisierung" zu sehen.

    Die zweite, nicht weniger apokalyptische Zukunftsvision sieht die Welt in kultureller Fragmentierung und interkulturellen Konflikten versinken. Als Antwort auf die Homogenisierung scheint den Menschen nur noch die Abschottung gegen Fremdeinflüsse und die Zuflucht zu einem übersteigerten ethnischen Bewusstsein übrig zu bleiben. Die These von Kultur als neuer Konfliktlinie - Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen" - scheint sich durch die wachsende Anzahl ethnischer und religiöser Konflikte in Sri Lanka, Indonesien oder auf dem Balkan zu bestätigen. Seit dem 11. September 2001 hat dieses Szenario auch für die reichen westlichen Industriestaaten bedrohlich an Aktualität gewonnen. Und so zirkuliert Huntingtons vereinfachtes Weltbild, obwohl von vielen Intellektuellen belächelt, wieder in neuen Auflagen durch die Öffentlichkeit.

    Aus der von uns eingenommenen ethnologischen Perspektive wird jedoch keines dieser beiden Szenarien und auch keine Kombination aus beiden (wie beispielweise von Benjamin Barber in seinem Werk "Coca Cola und Heiliger Krieg" vertreten) den neu entstehenden Lebenswelten gerecht. Zum einen erweisen sich die Grundannahmen, auf denen die Homogenisierungs- und Fragmentierungsprognosen basieren, als unhaltbar. Kultureller Wandel ist nicht unweigerlich ein Nullsummenspiel, sondern folgt einer wesentlich komplexeren Dynamik, als die oben genannten Autoren glaubhaft machen wollen. Aus kultureller Perspektive erweist sich Globalisierung als ein hochgradig dialektischer Prozess. Homogenisierung und Ausdifferenzierung, Konflikt und kulturelle Vermischung, Globalisierung und Lokalisierung stellen keine einander ausschließenden Entwicklungen dar, sondern bedingen sich gegenseitig. Bestimmte Konzepte und Strukturen des modernen Lebens werden mit der Globalisierung weltweit verbreitet. Zugleich nehmen kulturelle Besonderheiten durch die Relativierung von lokalen Lebensweisen vor dem Hintergrund globaler Strukturen schärfere Konturen an oder werden überhaupt erst geschaffen.

    Zum anderen werden Fragen nach der Bedeutung der aktuellen Entwicklungen für die Menschen nicht beantwortet. Warum lassen sich in bestimmten Konfliktsituationen ethnische Identitäten so leicht mobilisieren und instrumentalisieren? Warum erlernen Deutsche asiatische Kampfsportarten? Warum ist die australische Seifenoper Neighbours die Lieblingsserie junger asiatischer Briten? Was versteht die pakistanische Regierung unter Menschenrechten?

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